Eine E-Mail schreiben, Formulare ausfüllen oder online Informationen finden – für rund 6,2 Millionen Menschen in Deutschland ist das eine Herausforderung. Mit dem Pilotprojekt „Grundbildung am Bodensee“ begleiten das kommunale Jobcenter Bodenseekreis und die Volkshochschule Friedrichshafen gering literalisierte Menschen zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe und auf ihrem Weg in Arbeit.
Adama Conde absolvierte den Kurs vergangenes Jahr erfolgreich. Heute arbeitet sie in einer Kantine in Friedrichshafen – und blickt mit Zuversicht in die Zukunft. Welche Rolle der Kurs gespielt hat, berichtet sie im Folgenden:
„Wenn ich nicht lesen gelernt hätte, säße ich da heute noch.”
Adama Conde, Absolventin des Grundbildungskurses und erfolgreich in Arbeit vermittelt:
Als ich vor elf Jahren nach Deutschland kam, konnte ich nicht lesen und schreiben – in meinem Heimatdorf in Guinea hatte ich nie die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Vom Jobcenter erhielt ich dann die Einladung zum Grundbildungskurs. Rückblickend hat das mein Leben verändert.
Für mich ist das Wichtigste, dass ich heute lesen kann. Ich fülle Bankformulare selbst aus, schreibe Briefe und kann meine Kinder besser in der Schule unterstützen. Außerdem habe ich gelernt, mit dem Computer umzugehen. Dadurch bin ich im Alltag viel selbstständiger geworden.
Ein Erlebnis werde ich nie vergessen: Beim Arzt wartete ich lange vor einer Tür, weil ich dachte, jemand würde mich aufrufen. Dann las ich auf einem Schild: „Bitte klingeln”. Wenn ich nicht lesen gelernt hätte, säße ich da heute noch. Solche Situationen zeigen, wie wichtig Lesen und Schreiben im Alltag sind.
Im Kurs ging es nicht nur um Lesen, Schreiben und Rechnen. Wir haben Lebensläufe erstellt, Stellenangebote recherchiert und uns auf Bewerbungen vorbereitet. Abends lernte ich oft weiter, wenn die Kinder schon im Bett waren. Dabei merkte ich: Jeder Mensch hat Stärken, auf denen man aufbauen kann. Bei mir war es das Deutschsprechen. Das hat mir Mut gemacht! Mit der nötigen Unterstützung führte ich schließlich mein erstes digitales Bewerbungsgespräch fand eine Stelle in einer Kantine.
Besonders gerne arbeite ich am Schalter, weil ich dort mit vielen Menschen in Kontakt komme. Am Anfang wusste ich nicht einmal, was „Mahlzeit!“ bedeutet. Jetzt sage ich das ganz selbstverständlich zu den Gästen.
Früher habe ich oft gezweifelt. Heute bin ich stolz auf mich. Und ich wünsche mir, dass meine Kinder die Chancen bekommen, die ich nicht hatte. Denn ich habe gesehen: Wenn man einen Schritt nach dem anderen geht, kann man viel erreichen. Dieses Vertrauen möchte ich auch meinen Kindern mitgeben.
„Die Schwierigkeit besteht schon darin, geringe Literalität überhaupt zu erkennen.“
Gisela Trometer, Alpha-Patin beim Jobcenter Bodenseekreis:
Unser Ziel ist es, Menschen nachhaltig in Arbeit zu bringen. Dafür verbinden wir in unserem Projekt arbeitsorientierte Grundbildung in den Bereichen Lesen, Schreiben, Rechnen mit digitalen Kompetenzen und praxisnahem Bewerbungstraining. Menschen, die lange nicht im Arbeitsmarkt integriert waren, brauchen oft niedrigschwellige Angebote. Deshalb unternehmen wir berufsbezogene Exkursionen, zum Beispiel ins Medienhaus, und bieten sozialpädagogische Betreuung an. Uns ist klar: Es geht nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch um individuelle Unterstützung zur Teilhabe im Alltag.
Mit dem Angebot erreichen wir bislang vor allem gering literalisierte Menschen, die Deutsch als Zweitsprache sprechen. Betroffen sind jedoch auch viele Menschen mit Deutsch als Erstsprache – sie zu erreichen, bleibt eine große Herausforderung. Die Schwierigkeit besteht schon darin, geringe Literalität überhaupt zu erkennen: Viele Betroffene sprechen aus Scham nicht darüber und nehmen Hilfe erst an, wenn ein passendes und vertrauensvolles Angebot vorhanden ist. Deshalb schulen wir unsere Fallmanagerinnen und Fallmanager, Anzeichen geringer Literalität zu erkennen und Betroffene gezielt anzusprechen.
Ein zentraler Erfolgsfaktor des Projekts ist die enge Zusammenarbeit von Jobcenter, Volkshochschule, Kultusministerium und weiteren Partnern. Von Beginn an wurde der Ansatz auch von der Leitung des Jobcenters Bodenseekreis, Maria Gérard, unterstützt. So konnte ein ganzheitliches Angebot entstehen, das Menschen den Zugang zu Grundbildung und beruflichen Perspektiven eröffnet.
Der Weg von Adama Conde zeigt, wie erfolgreich dieser Ansatz sein kann: Sie stand vor der Herausforderung, gleichzeitig Grundlegendes und die deutsche Sprache zu erlernen. Die Spracherwerbskurse reichten für den Einstieg in den Arbeitsmarkt nicht aus. Im Grundbildungskurs machte sie große Fortschritte und konnte dadurch im März 2025 eine Stelle in Friedrichshafen antreten.
„Es braucht mehr Sensibilisierung für geringe Literalität – in den Jobcentern, Unternehmen und der Gesellschaft.“
Lea Gottschick, Fachbereichsleitung Grundbildung, Volkshochschule Friedrichshafen:
Erfolg bedeutet für mich mehr als die Integration in Arbeit. Es ist ebenso ein Erfolg, wenn Menschen Selbstvertrauen gewinnen und neue Perspektiven entwickeln. Adama Conde ist dafür ein tolles Beispiel: Im Grundbildungskurs hat sie ihre Stärken entdeckt, Mut geschöpft und den Weg in Beschäftigung gefunden.
Dabei geht es einigen Menschen so wie Adama: Eine Auswertung des Jobcenters Bodenseekreis zum Grundbildungsbedarf hat gezeigt, dass viele Menschen Unterstützung über Sprachkurse hinaus benötigen, um den Weg in Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe zu finden. Deshalb verbindet unser Angebot Grundbildung, Medienbildung und Berufsorientierung mit individueller, sozialpädagogischer Begleitung.
Gleichzeitig bleibt der Handlungsbedarf beim Thema geringe Literalität groß: Es braucht mehr Sensibilisierung – auch in den Jobcentern bundesweit, in Unternehmen und in der Gesellschaft. Betriebe etwa können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie Beschäftigte unterstützen und den Zugang zu passenden Grundbildungsangeboten erleichtern.
Damit jedoch aus einzelnen Leuchtturmprojekten flächendeckende Angebote werden, braucht es eine stärkere strukturelle Verankerung.
„Wer Grundbildung stärkt, eröffnet nicht nur Bildungschancen, sondern aktiviert auch Fachkräfte.“
Dr. Ronja Ege, Ministerium für Kultus Baden-Württemberg, Referat Weiterbildung:
„Grundbildung am Bodensee“ zeigt ganz deutlich: Wer Grundbildung stärkt, eröffnet nicht nur Bildungschancen. Er aktiviert auch Fachkräfte, die wir in Zeiten des Arbeitskräftebedarfs dringend brauchen. Dabei setzt das Projekt genau dort an, wo viele andere Instrumente nicht mehr greifen: bei Menschen, die aufgrund fehlender Grundkompetenzen bislang schwer erreichbar waren.
Andere Regionen können vor allem drei Dinge von dem Projekt lernen:
- Grundbildung ist dann wirksam, wenn man sie eng mit Arbeitsverwaltung und kommunalen Akteuren der Weiterbildung verzahnt.
- Niedrigschwellige Angebote und persönliche Begleitung sind entscheidend, um Menschen überhaupt zu erreichen.
- Pilotprojekte sollten so geplant sein, dass sie nach einer Erprobungsphase übertragbar sind. Genau das ist hier vorgesehen: Aktuell wird das Projekt durch die Pädagogische Hochschule Weingarten evaluiert. Die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Ansatz auch auf andere Regionen übertragbar ist.
„Rund die Hälfte aller Teilnehmenden finden nach Kursende eine sozialversicherungspflichtige Arbeit.“
Knut Becker, Fachstelle für Grundbildung und Alphabetisierung Baden-Württemberg:
Das Projekt ist bundesweit einzigartig, weil Jobcenter bzw. Landratsamt, Volkshochschule, Landesverband, Kultusministerium und unsere Fachstelle für Grundbildung gemeinsam eine niederschwellige, arbeitsmarktorientierte Grundbildungsmaßnahme umsetzen.
Die hohe Motivation der Teilnehmenden, die gute Anwesenheitsquote und die erfolgreiche Vermittlung in Arbeit, Praktika oder Weiterbildung zeigen: Das Projekt ist wirksam. Rund die Hälfte aller Teilnehmenden finden nach Kursende eine sozialversicherungspflichtige Arbeit!
Infokasten: Was hilft, Grundbildungsangebote flächendeckend einzuführen?
- Träger: Voraussetzung ist ein zertifizierter Bildungsträger, der ein ergänzendes Grundbildungsangebot umsetzt. Die Finanzierung erfolgt über Aktivierungs- und Vermittlungsgutscheine (AVGS) der Jobcenter.
- Kooperation: Eine schriftliche Kooperationsvereinbarung aller Partner schafft eine stabile Basis.
- Zielgruppenfokus: Die Maßnahme sollte teilzeitfähig (drei Tage/Woche, drei Stunden/Tag) und niederschwellig (kein Schulabschluss erforderlich) sein.
- Gezielte Ansprache von Betroffenen: Viele Betroffene schämen sich oder sind sich ihres Bedarfs nicht bewusst. Hier sind niederschwellige Beratungsangebote, wie zum Beispiel Alpha-Lots*innen, Peer-to-Peer-Ansätze und Kooperationen mit lokaler Sozialarbeit hilfreich.
- Digitale Grundbildung: Digitalisierung und KI sollten in Grundbildungsangeboten mitgedacht werden.
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Im Praxisblick erzählen wir mehr spannende Geschichten zum Thema Vermittlung. Zum Beispiel wie Tanja Müller eine neue berufliche Perspektive als Arbeitsvermittlerin im Jobcenter Berlin Mitte fand.
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