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Veranstaltung

Rückblick Workshop-Reihe „Geschlechterspezifische Zielsteuerung“: Jobcenter tauschen ihre Erfahrungen mit der Einführung geschlechterspezifischer Steuerungsansätze aus

Seit Januar 2022 steuern die gemeinsamen Einrichtungen (gE) die Integrationsquote geschlechterspezifisch. Auch unter den zugelassenen kommunalen Trägern (zkT) gibt es einige, die bereits geschlechterspezifische Steuerungsansätze verfolgen. In insgesamt fünf Workshops der Servicestelle SGB II sammelten Mitarbeitende aus ganz Deutschland Erfahrungen und widmeten sich der Frage, welchen Beitrag zu mehr Gleichstellung am Arbeitsmarkt sie leisten können. Wie lief die Einführung und welche Herausforderungen erwarten die Jobcenter?

„Es ist nicht zu fassen, wie wenige Frauen bei den erwerbsfähigen und erfolgreich vermittelten Leistungsbeziehenden mit dabei sind“, konstatierte eine Teilnehmerin im Auftakt-Workshop der virtuellen Reihe „Geschlechterspezifische Zielsteuerung“ der Servicestelle SGB II.  Mit ihrer Äußerung implizierte sie eine Frage, die sich viele Teilnehmende auch in den folgenden Workshops stellten: Wird die geschlechterspezifische Zielsteuerung, die seit Anfang des Jahres 2022 in den gE bundesweit verbindlich, aber auch in einigen zkT eingeführt wurde, an der Integrationsquote von Frauen nachhaltig etwas ändern? Und zu welchen Maßnahmen können die Beschäftigten greifen, um die angestrebte Gleichstellung besser als bisher vor Ort umzusetzen? Jobcenter-Mitarbeitende aus allen Bundesländern diskutierten über diese und weitere Punkte teils sehr lebhaft in den insgesamt fünf Workshops, die von Mitte März bis Anfang Juli 2022 stattfanden. 

Corona-Pandemie als Diskrepanz-Verstärker

In einer der durchgeführten Vorab-Umfragen gaben mehr als 82 Prozent der Workshop-Teilnehmenden an, die Integrationsquote inzwischen geschlechterspezifisch zu steuern. Die vorausgehende Planung habe ernüchternde Werte hervorgebracht, merkte ein teilnehmender Geschäftsführer an. Die Corona-Pandemie habe die Diskrepanzen zwischen den Geschlechtern noch verstärkt. Vor allem Frauen hätten ihre Jobs – oftmals im Gastgewerbe oder Dienstleistungsbereich sowie ihre Nebeneinkünfte auf geringfügiger Basis – verloren. Gleichzeitig waren es in erster Linie die Frauen, die sich um die Kinderbetreuung, den Heimunterricht und den Haushalt kümmerten. Es ist richtig und wichtig, für das Thema zu sensibilisieren, waren sich die Teilnehmenden in der Einstiegsdiskussion einig.

Unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Einführungsansätze

Im Plenumsaustausch zu Beginn jedes Workshops wurde deutlich, dass die bisherigen Erfahrungen mit der geschlechterspezifischen Zielsteuerung zum Teil stark voneinander abweichen. Einige Teilnehmende berichteten, geschlechterspezifische Steuerungsansätze bereits seit mehreren Jahren in ihre Arbeit zu integrieren. Andere wiederum steuern insbesondere ihre Integrationsquoten erst seit Anfang 2022 nach Geschlechtern getrennt.

Bei der Umsetzung gingen und gehen die Jobcenter unterschiedlich vor: In einigen Jobcentern tauschten sich etwa die Teamleitungen in Workshops darüber aus, mit welchen Maßnahmen sich mehr Frauen integrieren lassen. Andernorts haben sich interessierte Mitarbeitende freiwillig gemeldet. Sie beantworten nun als Expertinnen und Experten die Fragen der unterschiedlichen Teams, leisten Aufklärungsarbeit und sensibilisieren für das Thema. In dem Zuge seien teils auch Controllingprozesse optimiert und monatliche Strategiegespräche eingeführt worden, um den Erfolg geschlechterspezifischer Steuerungsansätze zu messen. 

Einige der Teilnehmenden berichteten von ersten positiven Auswirkungen: Die Bemühungen, Frauen zu integrieren, seien durch die spezifische Integrationsquote noch intensiver geworden. „Wir sind deutlich übers Ziel hinausgeschossen“, merkte etwa eine Bereichsleiterin an: In den Monaten nach der Einführung seien bereits deutlich mehr Frauen integriert worden.

In den Veranstaltungen wurde zudem mehrfach die allgemeine Chancengleichheit aller Geschlechter thematisiert. Diese sei durch die neue Steuerungslogik in den gE wieder stärker in den Fokus gerückt, erläuterten viele Teilnehmende. Neben den Jobcentern müssten auch die Politik sowie die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber gesamtverantwortlich in die Umsetzung der neuen Zielvorgaben einbezogen werden. Um die Frauen noch besser, auch vor dem Hintergrund der Pandemie-Auswirkungen, unterstützen zu können, sei es notwendig, gemeinsam geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen – wie etwa ausreichende Angebote für Kinderbetreuung, Sprachkurse, sowie Mobilitätsangebote.

Überhaupt wurde der Wunsch nach mehr Unterstützung für die Jobcenter in allen fünf Workshops häufiger geäußert. Neben Schulungen und Informationsangeboten für die Jobcenter-Mitarbeitenden wäre es auch sinnvoll, die geschlechterspezifische Zielsteuerung öffentlichkeitswirksam zu begleiten, so der veranstaltungsübergreifende Tenor – nicht zuletzt auch, um Partnerinnen und Partner auf dem Arbeitsmarkt mit einzubinden.

Und innerhalb der Teams? „Jede und jeder muss BCA sein“, brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt. Die Verantwortung dürfe nicht auf einige wenige Schultern verteilt werden, sondern gehe alle Mitarbeitenden und Führungskräfte etwas an.

Geschlechterspezifische Zielsteuerung – eine Frage der Haltung?

Mehrere Teilnehmende ließen durchblicken, dass die Einführung der geschlechterspezifischen Zielsteuerung in ihren Häusern hier und da holprig verlaufen sei. Bei einigen Mitarbeitenden habe „Überzeugungsarbeit“ geleistet werden müssen beziehungsweise müsse noch immer geleistet werden hinsichtlich der Frage, warum Frauen nun „bevorzugt“ zu behandeln seien. Mehrfach fiel in dem Zuge der Satz „dies ist auch eine Frage der eigenen Haltung, und an der müssen wir teilweise noch arbeiten“. Ein Teilnehmer gab zu bedenken, dass dies womöglich seine Zeit dauere: Einige gE hätten sich von der Einführung der Integrationsquote überrumpelt gefühlt und seien dem Veränderungsprozess gegenüber noch skeptisch.

Teaminterne Workshops, Schulungen und die Ernennung freiwilliger Expertinnen und Experten könnten hier mittelfristig weiterhelfen, lauteten die häufig diskutierten Lösungsansätze. Großen Nachholbedarf sahen die Teilnehmenden auch bei der nach wie vor verbreiteten binären Wahrnehmung von Geschlechtern. „Wie gehe ich mit jemandem um, der biologisch gesehen eine Frau ist, sich aber als Mann identifiziert – oder umgekehrt?“, stellte eine Teilnehmerin in den Raum.

Spezifische Zielsteuerung bei Langzeitleistungsbeziehenden meist noch kein Thema

Überwiegende Einigkeit herrschte auch in der Frage, ob die geschlechterspezifische Zielsteuerung bei Langzeitleistungsbeziehenden (LZB) bereits ein Thema ist: „Wir werden Erfahrungen mit den jetzt eingeleiteten Maßnahmen machen und diese im Planungsprozess berücksichtigen“, sagte eine Teilnehmerin – und erntete dafür breite Zustimmung. Aktuell seien andere Themen drängender. So stelle sich etwa die Frage, ob die von den jeweiligen Jobcentern geplanten Integrationsquoten vor dem Hintergrund der Ukraine-Geflüchteten, unter denen sich mehrheitlich Frauen befinden, überhaupt noch zu erreichen sind. Mehrfach wurde der Wunsch nach einer Revisionsplanung, die diese Entwicklung berücksichtige, geäußert.

Im Anschluss an die Plenumsdiskussionen tauschten sich die Teilnehmenden in allen Workshops zunächst in zwei kleineren Gruppen aus. Zum einen wurde erarbeitet, welche Rahmenbedingungen Mitarbeitende benötigen, um erfolgreich geschlechterspezifisch zu beraten und welche Unterstützung darüber hinaus notwendig ist. Zum anderen wurde der Blick auf die LZB gerichtet: Mithilfe welcher Instrumente wird bereits gesteuert, welche zusätzlichen Ansätze könnten unterstützen? 

Infolgedessen, aber auch aus den vorangegangenen großen Runden, ergaben sich weitere spannende Ansätze rund um das Thema der geschlechterspezifischen Zielsteuerung:

·      Jobcenter stehen vor vielen verzahnten Herausforderungen

Von kulturellen Hürden bei Frauen mit Migrationshintergrund über eine dürftig ausgebaute Infrastruktur im ländlichen Raum bis hin zu mangelnden Betreuungsplätzen für Kinder – wenn es darum geht Frauen in Weiterbildungsmaßnahmen oder Sprachkurse zu vermitteln, berichteten viele der Teilnehmenden von den gleichen strukturellen Problemen. „Am Ende sind wir dahingehend ein Stück weit machtlos“, gab ein Teilnehmer zu bedenken. Allerdings erläuterten auch einige Teilnehmende, Maßnahmen zur Förderung der beruflichen Weiterbildung (FbW) in die Wege geleitet zu haben, die bewusst Faktoren wie Mobilität und Kinderbetreuung berücksichtigten.

·      Nicht nur auf die Integrationsquote oder auf kurzfristige Erfolge schauen

Qualität vor Quantität – diesen Wunsch teilten die Teilnehmenden unisono. „Nur auf die Integrationsquote zu schauen, ist zu kurzfristig gedacht“, betonte eine Teilnehmerin. Die Jobcenter hätten nicht nur einen Integrations-, sondern auch einen Heranführungsauftrag. Besonders bei Frauen, deren Vermittlung mehr Zeit in Anspruch nimmt, stelle sich die Frage, wie sich deren Beratung engmaschig bis hin zur einer Beschäftigungsaufnahme gestalten lasse – auch wenn der Prozess länger dauere: „Wir müssen dahingehend geduldig sein.“ Nachhaltige, wenngleich zeitintensive, Maßnahmen wie Umschulungen müssten in den Fokus rücken.

·      Wer sind überhaupt „die Frauen“, die integriert werden sollen?

Nicht nur Frauen haben Kinder, und nicht jede Frau ist zwangsläufig eine (alleinerziehende) Mutter: Längst beträfen Fragen rund um die Kinderbetreuung auch die Väter, gleichzeitig seien immer mehr leistungsbeziehende Frauen alleinstehend und kinderlos, waren die Teilnehmenden sich einig. Auch Hausfrauen im fortgeschrittenen Alter, die erstmals oder seit langer Zeit wieder – vielleicht gegen den Willen ihrer Familie – eine Beschäftigung aufnehmen, sollten ebenso mitgedacht werden wie Frauen mit multiplen Hemmnissen, etwa Gewalterfahrungen. „Es braucht mehr als nur die geschlechterspezifische Zielsteuerung, es braucht einen ganzen Instrumentenkasten“, stellte eine Teilnehmerin heraus. Engmaschige Netzwerkarbeit sei hierbei ein wichtiges Element. 

·      Frauen sind gefährdeter als Männer, in den Langzeitleistungsbezug zu geraten

Längst erfolgreich und anhaltend integriert, aber noch immer im Leistungsbezug: Bei Frauen keine Seltenheit, berichteten viele der Teilnehmenden. Grund sei, dass Frauen häufiger gering entlohnte Beschäftigungen annähmen – womöglich noch in Teilzeit – und daher Gefahr liefen, in den Langzeitleistungsbezug zu rutschen. „Frauen, die einmal integriert sind, bleiben dies meist deutlich langfristiger als Männer“, merkte eine Teilnehmerin an. Den sogenannten Drehtür-Effekt gebe es bei Frauen seltener – gleichzeitig verblieben dadurch mehr Frauen im Niedriglohnsektor und entsprechend im Langzeitleistungsbezug.

Insgesamt stieß die Veranstaltungsreihe auf großes Interesse: Häufig gab es mehr Anmeldungen als Teilnahmeplätze, und auch die Wartelisten waren gut gefüllt. Die regen und vielschichtigen Diskussionen in den jeweiligen Workshops haben verdeutlicht, dass die geschlechterspezifische Zielsteuerung auch künftig ein relevantes Thema sein wird.

Falls Sie weitere Informationen zur geschlechterspezifischen Zielsteuerung wünschen, kontaktieren Sie gerne die Servicestelle SGB II. Hier finden Sie eine aktuelle Übersicht unserer Veranstaltungen.