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Servicestelle SGB II für Jobcenter | SGB2.info Praxisblick Weniger Bürokratie, mehr Mensch!

Weniger Bürokratie, mehr Mensch!

Wie arbeiten Jobcenter im Jahr 2031? Drei Visionen, wie Beratung künftig digitaler, persönlicher und wirksamer werden könnte.

Von links nach rechts: Anke Müller-Behrendt, Dirk Farchmin und Friederike Sell.

Die Zukunft der Jobcenter entscheidet sich unter anderem daran, ob Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und neue Arbeitsweisen mehr Raum für persönliche Beratung schaffen. Drei Fach- und Führungskräfte aus den Jobcentern beschreiben, wie neue Freiräume entstehen können und was den Unterschied macht: individuelle Unterstützung, nachhaltige Integration und mehr Zeit für die Menschen.

Anke Müller-Behrendt, Beauftragte für Chancengleichheit im Jobcenter Prignitz:

Wenn ich mir die Jobcenter in 2031 vorstelle, dann sehe ich sowohl offene und einladende Häuser als auch moderne Dienstleister und Orte der Möglichkeiten. Dank Entbürokratisierung, Digitalisierung und KI, qualifiziertem und motiviertem Personal haben wir endlich wieder mehr Zeit für das, worum es wirklich geht: gute Beratung und Unterstützung für die betroffenen Menschen.

Gerade hier in der Prignitz – im ländlichen Raum – mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen, langen Wegen, einem sehr begrenzten ÖPNV und Menschen mit multiplen Problemlagen und Arbeitsmarktferne braucht es individuelle und intensive Beratung und Begleitung. Der Arbeitsmarkt bietet zwar Stellen im Schichtbetrieb wie Verkauf, Pflege, Gastgewerbe – aber für Menschen mit Erziehungs- und Pflegeaufgaben ist das oft schwierig zu realisieren! Ich wünsche mir, dass 2031 die Erziehungsund Sorgeaufgaben gerechter unter den Geschlechtern aufgeteilt sind und eine verlässliche Kinderbetreuung bis 18 Uhr, bei Bedarf auch darüber hinaus, ermöglicht wird.

Ich wünsche mir, dass wir Menschen ganzheitlicher betrachten, ihre Ressourcen stärken, sie wieder eigenständig und unbürokratisch qualifizieren können und sie so lange begleiten, bis Teilhabe am Arbeitsleben möglich wird – auch über geförderte Beschäftigung und neue Lernwege. Denn nur so werden diese Menschen wieder eigene Träume, Visionen und Ziele entwickeln und daran glauben, dass ihr Weg in Arbeit gelingen kann und wird!

Dirk Farchmin, Leiter im kommunalen Jobcenter Ennepe-Ruhr-Kreis:

In meiner Vorstellung wird der Arbeitsalltag im Jobcenter in fünf Jahren stärker digital, datenbasiert und beratungsorientiert sein. Standardprozesse wie Terminvergabe, Dokumentenprüfung oder Routineanschreiben laufen weitgehend automatisiert. Es gibt ein KI-basiertes Stellenmatching, Profiling sowie KI-Vorschläge zur Ziel- und Handlungsplanung. Vermittlungs- und Integrationsfachkräfte gewinnen dadurch Zeit für individuelles Coaching, Netzwerkarbeit und nachhaltige Integrationsplanung. In der Betriebsakquise stehen regionale Unter-nehmensnetzwerke, digitale Matching-Plattformen und passgenaue Qualifizierung stärker im Fokus.

Ich erhoffe mir, dass zeitintensive manuelle Dokumentationen, papierbasierte Nachweise und wenig zielführende Pflichtgespräche deutlich abnehmen. Somit schaffen wir eine neue Fokusausrichtung in den Bereichen Coaching, Krisenmanagement, Datenkompetenz und Kooperation mit Arbeitgebern, Bildungsträgern und sozialen Diensten.

Leistungsberechtigte erleben, so glaube ich, die Beratung künftig flexibler, transparenter und individueller: mit digitalen Services, einfacherer Kommunikation inklusive Übersetzungs-KI und stärker auf persönliche Lebenslagen zugeschnittenen Unterstützungsangeboten. Persönliche Beratung bleibt insbesondere bei komplexen Problemlagen ein zentrales Element.

Friederike Sell, Bereichsleitung Jobcenter Stadt Würzburg:

Wenn ich an Beratung und Vermittlung im Jahr 2031 denke, dann haben wir es geschafft, den Menschen im Alltag wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken – nicht nur im Leitbild, sondern in der täglichen Arbeit auf allen Ebenen im Jobcenter. Denn neben der eigentlichen Beratungsarbeit haben administrative Anforderungen und kurzfristige Veränderungen lange viele Ressourcen und Kapazitäten gebunden.

Technische Unterstützung und Automatisierung entlasten uns im Jahr 2031 spürbar, zum Beispiel im Termin- oder Dokumentationsmanagement. Alles, was standardisiert werden kann, läuft datenschutzkonform im Hintergrund. Dadurch entsteht mehr Zeit für den persönlichen Kontakt mit leistungsberechtigten und arbeitsuchenden Menschen.

Gleichzeitig erleben auch Mitarbeitende – von der Integrationsfachkraft bis zur Geschäftsführung – mehr Kontinuität, klarere Strukturen und weniger Bürokratie. Veränderungen bleiben wichtig, werden in fünf Jahren in meiner Vorstellung aber bewusster umgesetzt und sorgen für mehr nachhaltige Orientierung im Arbeitsalltag. So nehmen die Leistungsbeziehenden unsere Beratung wieder stärker als echte Unterstützung wahr – mit mehr Zeit, Verlässlichkeit und individueller Begleitung.

Wie gelingt wirksame Beratung? – Ein Blick in die Zukunft.

Beim Tag der Jobcenter 2026 moderierte Tanja Berding vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung zusammen mit Dr. Reinhard Penz vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales einen Workshop darüber, was gute Vermittlung künftig ausmacht. Die Ergebnisse fasst Tanja Berding hier zusammen.

Im Workshop stand die Frage im Mittelpunkt, wie Beratung und Vermittlung wirksamer gestaltet werden können. Aus der Perspektive des Jahres 2031 diskutierten die Teilnehmenden, welche Weiterentwicklungen in den Jobcentern nötig sind, um Arbeitskräftepotenziale schneller zu erschließen, Integrationsleistungen zu verbessern und nachhaltige Beschäftigung zu fördern.

Deutlich wurde: Die Zukunft der Beratung liegt in der Wirksamkeit. Die Gruppenarbeiten zeigten, dass Kontinuität in der Betreuung, ein klarer roter Faden im Beratungsprozess und eine stärkere Individualisierung zentrale Voraussetzungen für erfolgreiche Vermittlung sind. Gleichzeitig wurde die Bedeutung digitaler Unterstützung mehrfach hervorgehoben. Künstliche Intelligenz und digitale Werkzeuge können die Integrationsfachkräfte bei der Dokumentation, Terminierung, Terminerinnerung und im Wissensmanagement entlasten. Dies schafft mehr Zeit für das Gespräch mit Kundinnen und Kunden.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der organisatorischen Seite im Jobcenter: Beratung und Vermittlung wurden nicht als isolierte Einzelleistung beschrieben, sondern als gemeinsamer Prozess mit dem Leistungsservice, den Arbeitgebern und weiteren Netzwerkpartnern im Sozialraum. So wurden gerade die Verzahnung mit Netzwerken, die schnellere Erreichbarkeit und die bessere Kontaktdichte als wichtige Erfolgsfaktoren benannt. Zugleich machten die Teilnehmenden deutlich, dass digitale Lösungen nur dann ihren vollen Nutzen entfalten können, wenn sie von Qualifizierung, Supervision und klaren Rahmenbedingungen begleitet werden.

Für die Leitungen der Jobcenter bedeutet diese Entwicklung eine klare Linie: Beratung und Vermittlung müssen strategisch weiterentwickelt und als Führungsaufgabe verstanden werden. Dafür braucht es ausreichende personelle, technische und finanzielle Ressourcen. Ebenso notwendig sind digitalisierte und KI-unterstützte Prozesse, die Fachkräfte von bürokratischen Aufgaben entlasten und ihnen ermöglichen, sich stärker auf die individuelle Unterstützung und nachhaltige Integration zu konzentrieren.

Der Workshop machte damit deutlich: Die Jobcenter der Zukunft werden dort erfolgreich sein, wo sie Beratung menschlich, Vermittlung zielgerichtet und die Organisation konsequent digital und wirkungsorientiert ausrichten.

Hinweis: Die Inhalte entsprechen den Ergebnissen des Workshops und spiegeln keine eigene Meinung oder eine Meinung des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung wider.

Neugierig geworden?

Wie gute Vermittlung schon heute aussieht, berichten fünf Jobcenter-Mitarbeitende in unserem Beitrag.

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