Die Sonne steht hoch über Essen und sticht durch die Frontscheibe des Busses. Der heute 37-jährige Christopher Schiel trägt Sonnenbrille, die Hände ruhig am Lenkrad, vor ihm zieht die Stadt in gleichmäßigem Rhythmus vorbei. Der Bus hält, Türen öffnen sich, eine kurze Bewegung, Stimmen, ein Signalton, dann schließt sich alles wieder und der Wagen setzt sich in Bewegung. Es wirkt, als wäre das schon immer Schiels Platz gewesen. Dabei war dieses Ankommen für ihn lange nicht selbstverständlich.
Schiel begann direkt nach der Schule eine Ausbildung, brach sie aber ab, als er mit 17 Jahren Vater wurde. Danach arbeitete er auf dem Bau, als Graveur auf Weihnachtsmärkten, an Wochenenden, dort, wo Schichten gebraucht wurden und kräftige Hände nicht lange nach Zeugnissen fragten. Ich war eigentlich immer arbeiten
, sagt er. Geld kam rein, Arbeit war da, doch eine Perspektive entstand daraus nicht. Irgendwann brach der letzte lose Job auf dem Bau weg. Mit Mitte 30 ging er von Duisburg zurück in seine Heimatstadt Essen, mit der offenen Frage nach dem nächsten Schritt.
Im kommunalen Jobcenter Essen lernt er Fallmanagerin Heike Michel-Manandhar kennen. Sie trifft häufiger auf Menschen wie Schiel. Viele in einer solchen Situation sind ‚lost‘, weil sie nicht genau wissen, wohin die Reise gehen soll
, berichtet sie. Bei Schiel sah sie auch etwas anderes. Sie registrierte, dass er zwar in vielen Bereichen gearbeitet hatte, aber immer auch lange Jahre geblieben war. Für sie sprach das für Verlässlichkeit. Zusammen mit seinem souveränen Auftreten und der Fähigkeit zur Konzentration ergab das für Michel-Manandhar die perfekte Mischung für jemanden, der mit einem Bus durch die Stadt fährt, Verantwortung trägt und im Verkehr die Nerven behalten muss. Schon nach dem zweiten Treffen schlug sie ihm vor, eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer zu machen.
Eine Idee wird konkret
Für Schiel selbst kam die Idee zunächst überraschend. Den Gedanken hatte ich eigentlich nie
, sagt er. Trotzdem sprach ihn der Vorschlag der Fallmanagerin sofort an. Gemeinsam mit Yasmin Unger, die im Jobcenter die Arbeitgeberberatung für den öffentlichen Verkehr betreut, brachten sie die Idee ins Rollen. Unger steht in engem Kontakt mit Betrieben, kennt Voraussetzungen und klärt im Vorfeld sehr genau, ob Interesse, Eignung und Rahmenbedingungen zusammenpassen. Ich rufe jeden interessierten Leistungsbeziehenden vorher an und frage ab: Gibt es Punkte in Flensburg? Können Sie sich Schichtarbeit vorstellen? Haben Sie Interesse?
, sagt sie. So entsteht Verbindlichkeit schon vor der eigentlichen Bewerbungsrunde, die zweimal jährlich direkt bei der Ruhrbahn stattfindet und die sie persönlich begleitet. Wer sich für die Ausbildung interessiert, geht mit ihr sehr gut vorbereitet in den Prozess und die Unternehmen treffen nicht auf Zufallsbegegnungen.
Dass diese Zusammenarbeit der Betriebe mit dem Jobcenter in Essen so gut greift, hat auch mit der internen Struktur des Jobcenters zu tun. Michel-Manandhar arbeitet als Fallmanagerin mit einem kleineren Bestand von 120 Leistungsbeziehenden und kann Menschen deshalb genauer einschätzen, als das ihren Kolleginnen und Kollegen aus der Vermittlung möglich ist. Unger bringt die Perspektive der Arbeitgebenden ein und übersetzt Anforderungen in konkrete Schritte. Dazu kommt eine enge Abstimmung mit der Agentur für Arbeit, wenn eine Qualifizierung vorbereitet und begründet werden muss. Berrit Kreul, Leiterin der Zentralen Dienste im Job-Service des Essener Jobcenters, beschreibt den Vorteil so: Wir haben hier in Essen eine richtig gute Lösung gefunden. Hilfreich sind dabei vor allem kurze Wege, digitale Abstimmungen und eine Zusammenarbeit, in der Arbeitgebende unsere Einschätzungen ernst nehmen
, resümiert sie. Gerade bei Qualifizierungen erspart das arbeitsuchenden Menschen Wege, Zeit und doppelte Prüfungen.
Christopher Schiel hat Freude daran, Neues zu lernen – seien es technische Details im Bus oder Streckenpläne.
Yasmin Unger aus dem kommunalen Jobcenter Essen kennt die Betriebe im Bereich öffentlicher Verkehr in der Region und ihre Bedarfe. So kann sie passgenau vermitteln.
Für Nina Brauksiepe ist Christopher Schiel ein „Musterbeispiel“ für einen neuen Kollegen.
Mit der Menschenkenntnis von Heike Michel-Manandhar (Mitte) und dem Wissen von Yasmin Unger (links) über die Anforderungen der Betriebe und der Motivation von Christopher Schiel (rechts) entstand eine neue Perspektive: für Christopher Schiel und für die Ruhrbahn.
Christopher Schiel ist angekommen.
Kurz, aber anspruchsvoll
Der Weg von Christopher Schiel bis zur Anstellung war kurz – aber anspruchsvoll. Ende Februar 2025 war er als Teilnehmer der Jobcenter-Bewerbungsrunde zum ersten Mal bei der Ruhrbahn. Anfang März folgte das persönliche Vorstellungsgespräch. Im Juni begann er über den Bildungsgutschein mit Unterricht und Fahrschule und im Herbst folgte ein sechswöchiges Praktikum bei der Ruhrbahn. Bis er dann im November in die Festanstellung kam, gab es für ihn viel zu bewältigen: Theorie, Streckenkunde, Tarifwissen und viele Fahrstunden. Arbeitgeberberaterin Unger erklärt, dass in so einer Phase schon eine Woche Ausfall problematisch werden kann. Schiel selbst schildert diese Zeit rückblickend knapp: „Angefangen, durchgezogen.“ Seine Nüchternheit macht deutlich, wie er den Prozess erlebt hat: nicht als heroischen Kampf, sondern als konzentrierte Arbeit. Dabei blieb er im Austausch, fragte nach, lernte weiter, auch noch abends zu Hause.
Parallel änderte sich etwas im Privaten. Schiel merkte, dass ihn einige Menschen aus dem Umfeld eher bremsten als stärkten und zog Grenzen. Es gab Leute, die mir die Ausbildung nicht zugetraut haben
, sagt er. Von diesen verabschiedete er sich. Er trainiert inzwischen regelmäßig zu Hause auf einem Hometrainer, sorgt so für körperlichen Ausgleich und beschreibt sich selbst als offener und selbstbewusster als früher. Der neue Beruf hat nicht nur seinen Alltag verändert, sondern auch seinen Blick auf sich selbst.
Musterbeispiele müssen nicht perfekt sein
Dass Unternehmen sich bewegen müssen, wenn sie heute passende Mitarbeitende finden wollen, davon ist Nina Brauksiepe, Personalerin bei der Ruhrbahn, überzeugt. Sie sorgte im Busbereich dafür, dass bei der Ruhrbahn in den vergangenen Jahren Einstellungstests verständlicher gestaltet, Bewerbungsrunden enger begleitet und Anforderungen klarer kommuniziert werden. In der zuletzt gestarteten Ausbildungsrunde kamen 7 von 20 Teilnehmenden über das Jobcenter in den Auswahlprozess. Die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter läuft richtig gut und wir sind dafür sehr dankbar
, erzählt Brauksiepe. Perspektivisch hofft sie, jährlich rund 30 neue Kolleginnen und Kollegen über die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter zu qualifizieren und zu gewinnen.
Dass dabei nicht immer alles vollkommen glattläuft, gehört für Brauksiepe dazu. An das erste, eigentlich schon für Ende Februar angesetzte persönliche Vorstellungsgespräch von Schiel erinnert sie sich deshalb mit einem Lachen: Er hat es leider irgendwie … verpennt.
Ja, da war ich nervös
, wirft Schiel ein. Ich bin extra noch zum Friseur und hab den Bart schneiden lassen und alles.
Als er bemerkte, dass der Ruhrbahn-Termin genau zur selben Zeit war, war es schon zu spät. Schiel versuchte auf allen Wegen, den Kontakt doch noch herzustellen, und genau das ist für Brauksiepe im Rückblick entscheidend. Nicht der missglückte Start blieb ihr in Erinnerung, sondern dass Schiel sofort reagierte, schrieb, nachhakte und dranblieb. Am Ende beschreibt sie Schiel daher trotz allem als ein „Musterbeispiel“ für einen neuen Kollegen. Das sieht auch sein Fahrmeister Rafael Wiesemann so, der bereits seit 40 Jahren bei der Ruhrbahn arbeitet und viele Praktikantinnen und Praktikanten betreute: Nicht jeder Mensch ist geeignet, ein großes Fahrzeug mit Personen im öffentlichen Straßenverkehr zu führen und dabei auch noch umgänglich zu sein. Da erlebe ich als Ausbilder schon manchmal Sachen, wo mir jetzt noch die Haare hochstehen
, berichtet er. Bei Schiel habe ich aber von Anfang an gemerkt, dass ich entspannt sein kann
, erinnert sich Wiesemann. Er war sehr engagiert, hat sich gut in die Gruppe eingebracht und dabei immer ein freudiges Lächeln im Gesicht.
Für Schiel steht hinter all dem heute etwas sehr Konkretes: ein dauerhafter Arbeitsplatz, ein fester Rhythmus und ein Beruf, in dem er angekommen ist. Ich habe meinen Weg gefunden
, sagt er. Gleichzeitig denkt er schon weiter. Zunächst will er weiter Bus fahren und nach fünf Jahren die vollständige Berufskraftfahrer-Ausbildung durch einige Zusatzprüfungen final abschließen. Danach will er sich weitere Wege bei der Ruhrbahn offenhalten — vielleicht Richtung Straßenbahn oder U-Bahn, vielleicht auch noch einen Schritt weiter. Der feste Job ist für ihn also nicht nur ein Ziel, sondern auch ein Anfang. Für den Moment reicht Schiel allerdings oft schon etwas deutlich Näherliegendes: Wenn am Ende einer Schicht endlich das nervige Piepsen an den Türen verstummt
– also das Warnsignal, das so lange ertönt, wie noch jemand im Weg steht –, dann ist das für mich ein ziemlich guter Schluss für den Tag.
Fünf Learnings aus Essen
-
Die individuelle Einschätzung der zu vermittelnden Person macht den Unterschied.
-
Aktive Arbeitgeberarbeit entlastet Unternehmen.
-
Enge Abstimmung im Jobcenter und mit dem Betrieb sorgt für Passung.
-
Klare Prozessketten schaffen Orientierung.
-
Persönliche Entwicklung stärkt die Integration in Arbeit.
Weitere Eindrücke aus Essen erhalten Sie im Video:
Mit Audiodeskription:
Neugierig geworden?
Lesen Sie hier eine weitere ungewöhnliche Vermittlungsgeschichte aus Neunkirchen.
Zurück zur Magazin-Übersicht.
Mit unserem Newsletter verpassen Sie keine Artikel oder Veranstaltungen mehr. Jetzt anmelden!