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Servicestelle SGB II für Jobcenter | SGB2.info Praxisblick Vermittlung ist mehr als Matching

Vermittlung ist mehr als Matching

Drei Forschende schauen aus unterschiedlichen Richtungen auf die Vermittlung der Jobcenter. Sie beschreiben, warum Beratung, Begleitung und passgenaue Angebote heute oft wichtiger sind als der schnelle Übergang allein.

Von links nach rechts: Dr. Monika Senghaas, Prof. Dr. Bernhard Boockmann, Prof. Dr. Martin Brussig.

Wo steht das System SGB II heute bei der Vermittlungsleistung?

Martin Brussig: Aktuell ist das System auf einem historischen Tiefstand der Vermittlungsleistung. Die Vermittlungsleistung war zuletzt rückläufig, anders als im SGB III. Gleichzeitig hat sich das SGB II in den vergangenen 20 Jahren sehr bewegt.

Monika Senghaas: Dem Punkt mit der Entwicklung stimme ich auf jeden Fall zu. Die Vermittlungszahlen sind momentan tatsächlich niedrig. Aber Vermittlung bedeutet aus meiner Sicht mehr, als Leistungsbeziehende zur Aufnahme einer Erwerbsarbeit zu bewegen. Die zentrale Aufgabe der Jobcenter ist es, sie auf diesem Weg zu beraten und zu begleiten. Und bei diesem Punkt steht das System aus meiner Sicht nicht so schlecht da. Wir sehen in Befragungen, dass die Mehrheit der Leistungsbeziehenden die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter eher positiv einschätzt, auch wenn es aus Sicht der Leistungsbeziehenden natürlich auch Raum für Verbesserungen gibt.

Bernhard Boockmann: Das würde ich gern unterstreichen. Das System ist durch Höhen und Tiefen gegangen, am Arbeitsmarkt und politisch. Im Moment erleben wir eher einen festgefrorenen Arbeitsmarkt, mit wenigen Übergängen. In stabileren Phasen hat sich die Zusammensetzung der Leistungsbeziehenden deutlich verändert, hin zu Menschen mit größeren Problemen und größerer Distanz zum Arbeitsmarkt. Das System selbst hat sich ebenfalls stabilisiert. Am Anfang war die Zusammenarbeit zwischen Kommunen und öffentlicher Arbeitsvermittlung noch Neuland, heute ist sie deutlich stärker eingespielt.

Dr. Monika Senghaas, Sozialwissenschaftlerin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Was macht für Sie gute Vermittlung aus?

Monika Senghaas: Für mich ist gute Vermittlung gute Beratung. Ich verstehe sie als eine Dienstleistung, die Jobcenter gemeinsam mit den Leistungsbeziehenden erbringen und die an der individuellen Situation Letzterer ansetzen muss. Diese Beratung kann die Erwerbsaufnahme unterstützen, sie kann sie aber nicht herbeiführen. Damit eine Erwerbsaufnahme gelingt, müssen zudem Betriebe bereit sein, Menschen aus dem SGB II einzustellen, auch wenn sie länger arbeitslos waren oder gesundheitliche Einschränkungen haben. Deshalb ist es wichtig, die Erwartungen an das, was Jobcenter in Bezug auf Erwerbsaufnahmen leisten können, realistisch zu gestalten.

Martin Brussig: Jobcenter leisten immer mehr als reine Arbeitsvermittlung, aber es gibt unterschiedliche Verständnisse von Vermittlung. Eins zielt vor allem darauf, Transparenz am Arbeitsmarkt herzustellen und Menschen zu befähigen, sich selbst zu orientieren. Ein anderes setzt auf intensive Betreuung, Beratung und Nachbetreuung. Wer Vermittlung auf diese Weise versteht, verortet die Verantwortung nicht nur bei den Leistungsbeziehenden, sondern auch bei Betrieben und besonders bei den Jobcentern. Letztere müssen passende Dienstleistungen und die nötigen Kompetenzen vorhalten. Sonst entstehen wechselseitige Schuldzuweisungen – und niemand kommt voran.

Bernhard Boockmann: Eine reine Vermittlung im Sinn von Job Placement ist in den Jobcentern selten. Vermittlung muss immer von den Bedarfen der Person ausgehen. Dazu gehört zum Beispiel auch das Vermitteln in Maßnahmen, Förderungen und Programme. Genau dort entstehen oft Zielkonflikte. Leistungsbeziehende wünschen sich vielleicht eine Weiterbildung oder eine Qualifizierung, die Fachkraft sieht aber zunächst den unmittelbaren Arbeitsmarkt. Für mich gehört deshalb zu guter Vermittlung, dass der Prozess transparent abläuft, dass Erwartungen klar sind, dass Prioritäten nachvollziehbar gesetzt werden und dass sich keine falschen Vorstellungen einschleifen.

Prof. Dr. Bernhard Boockman, Direktor des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung.

Prof. Dr. Bernhard Boockman, Direktor des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung.

Wenn Sie Vermittlung als Prozess betrachten: An welcher Stelle entscheiden Jobcenter besonders stark über den Erfolg?

Bernhard Boockmann: Das lässt sich leider nicht genau messen. Aber gerade am Anfang ist es wichtig zu steuern, weil sich im langen Leistungsbezug Eigendynamiken entwickeln können. Entmutigung und Verfestigung nehmen dann zu.

Monika Senghaas: Außerdem kann es Rückschritte geben. Dabei weiterhin motivierend zu beraten, ist herausfordernd, aber wichtig. Dazu kommt die große Heterogenität im SGB II. Deshalb ist es zentral, dass für unterschiedliche Zielgruppen geeignete Instrumente bereitstehen: qualitätsvolleSprachförderung ebenso wie Angebote an der Schnittstelle von Arbeit und Gesundheit.

Prof. Dr. Martin Brussig, stellvertretender geschäftsführender Direktor am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ).

Wie hat sich Vermittlungsarbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Monika Senghaas: Mit den bereits angesprochenen Entwicklungen im SGB II hat sich auch die Arbeit der Jobcenter verändert. Ich will zwei Beispiele nennen, um das zu illustrieren, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Zum einen ist das Bewusstsein dafür gewachsen, wie heterogen die Gruppe der Leistungsbeziehenden ist. Eine Strategie, die nur auf schnelle Erwerbsintegration zielt, wird ihr nicht gerecht. Das zeigt sich auch an Instrumenten wie geförderter Beschäftigung und ganzheitlicher Betreuung. Zum anderen hat sich der Umgang mit sprachlicher Diversität verändert. Zwar ist Deutsch Amtssprache, Leistungen müssen aber auch für Menschen zugänglich sein, die noch nicht gut Deutsch sprechen. Dafür braucht es Dolmetscherdienstleistungen und Unterstützung für die Fachkräfte.

Was stärkt und was schwächt die Arbeitsbeziehung zu Leistungsbeziehenden?

Bernhard Boockmann: Beim Thema Schwächung der Beziehung steht der Elefant im Raum: mögliche Leistungsminderungen. Das ist ein programmierter Rollenkonflikt und für die Beziehungsarbeit ein kritischer Moment. Man darf das aber nicht eindimensional sehen. In Befragungen von Leistungsbeziehenden werden Leistungskürzungen abstrakt durchaus akzeptiert. Wenn die Leistungskürzung dann aber tatsächlich in einem Beratungsfall passiert, wirkt sie eher disruptiv. Wir sehen wenig Belege dafür, dass sie ein Aufwachen bewirkt. Eher führt sie die Beziehung in schwieriges Terrain.

Monika Senghaas: Ich würde das noch weiter fassen. Leistungsbeziehende wissen in der Regel, dass es Leistungsminderungen gibt, auch wenn sie die Details oft nicht genau kennen. Und diese Möglichkeit wirkt bereits in die Beziehung hinein, nicht erst dann, wenn tatsächlich sanktioniert wird. Das schafft eine Asymmetrie in der Beratungssituation. Es gibt aber auch noch andere Asymmetrien. Zum Beispiel haben Leistungsbeziehende einen Wissensvorsprung gegenüber den Jobcenter- Mitarbeitenden, was ihre eigene Situation, ihre Vorstellungen und ihre berufliche Zukunft betrifft.

Martin Brussig: Ein wichtiger Hebel sind gute Angebote. Wenn das Jobcenter ein gutes Angebot machen kann, hilft das der Beziehung enorm. Es reicht nicht, Menschen einzubestellen und Forderungen zu stellen.

Wie sieht fachlich starke Vermittlung aus, wenn schnelle Integration und nachhaltige Stabilisierung gleich wichtig sind?

Bernhard Boockmann: Es muss nicht zwangsläufig ein Zielkonflikt zwischen schneller Integration und nachhaltiger Stabilisierung bestehen. In einer älteren Studie zeigte sich: Fachkräfte, die schnelle Integration priorisierten, erzielten tatsächlich schnellere Übergänge in Arbeit. Was die Langfristigkeit der erreichten Beschäftigung angeht, zeigten sich damals keine Unterschiede. Eine schnelle Arbeitsaufnahme kann also auch ein Trittstein in Richtung stabiler Beschäftigung sein.

Monika Senghaas: Ja, das ist möglich. Es gibt allerdings auch Fallkonstellationen, in denen beide Ziele schwierig zu erreichen sind, etwa bei starken gesundheitlichen Einschränkungen der Leistungsbeziehenden. Aus Forschungssicht verdient meines Erachtens die Stabilität von Beschäftigungen besondere Aufmerksamkeit. Im SGB II enden viele Jobs schnell wieder. Qualifizierung ist ein wichtiger Hebel. Neben ausreichenden finanziellen Mitteln sind dabei auch passende Weiterbildungen wichtig, etwa in Teilzeit. Und nicht für alle ist Qualifizierung das richtige Angebot. Es kann zum Beispiel auch sinnvoll sein, Leistungsbeziehende bei der beruflichen Orientierung zu unterstützen.

Welche Schnittstellen und Rahmenbedingungen erschweren Vermittlung besonders?

Martin Brussig: Besonders anspruchsvoll ist aus meiner Sicht die Schnittstelle zum Reha-Bereich. Viele Leistungsbeziehende haben gesundheitliche Einschränkungen. Dann geht es um Gutachten, die Rentenversicherung und die Zusammenarbeit mit dem Ärztlichen Dienst. Das ist oft kompliziert und zeitraubend.

Bernhard Boockmann: Schwierig sind allgemein die Schnittstellen zu anderen Rechtskreisen. Unser Sozialsystem ist stark versäult, deshalb müssen Jobcenter an vielen Stellen Brücken bauen. Dazu kommt der Arbeitsmarkt selbst: Betriebe berücksichtigen langzeitarbeitslose Menschen im Einstellungsprozess oft nur zurückhaltend.

Monika Senghaas: Ich würde auch noch die internen Schnittstellen im Jobcenter ergänzen, besonders die Verzahnung mit der Leistung. Eine funktionierende Geldleistung ist die Grundlage für Beratung. Gleichzeitig bleibt der Kontakt zu den Betrieben wichtig, um beispielsweise auf Vorbehalte gegenüber langzeitarbeitslosen Menschen zu reagieren.

Welche Veränderung sollte künftig Priorität haben, damit Vermittlung besser gelingt?

Martin Brussig: Ich sehe zwei große Gruppen, die sehr unterschiedliche Strategien brauchen: Zugewanderte und Menschen mit schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen. In beiden Fällen ist es wichtig, ihre Lebenswelten gut zu kennen. Dann wird sichtbar, unter welchen Umständen sie leben, welche Möglichkeiten sie haben und wo Jobcenter sie gut abholen können. Das spricht für mehr Weiterbildung in diesen Themen und für mehr Vernetzung mit Akteuren aus diesen Bereichen.

Bernhard Boockmann: Vermittlung und Beratung sollten sich noch stärker auf Evidenz stützen, also ein Arbeiten mit Daten, erfahrungsgestützt auch im konkreten Beratungsprozess. Auf dieser Basis lassen sich Prognosen darüber entwickeln, wo ein langer Leistungsbezug besonders droht und wie sich dem am besten begegnen lässt.

Monika Senghaas: Mein Wunsch wäre, dass Beratung im Jobcenter sowohl von Leistungsbeziehenden als auch von Jobcenter-Mitarbeitenden noch stärker als Dienstleistung wahrgenommen wird – als Chance, Angebote zu machen, und nicht nur als lästige Pflicht. Konflikte wird es dort weiterhin geben. Aber genau darin kann auch eine Chance liegen: für Unterstützung, für passende Angebote und für eine Arbeitsbeziehung, die trägt.

Mehr zur Forschung rund um das SGB II

Ob qualitative Interviews, Befragungen von Leistungsberechtigten oder Evaluationen arbeitsmarktpolitischer Programme: Unter folgenden QR-Codes finden Sie weitere Infos zu den in diesem Interview erwähnten wissenschaftlichen Ansätzen.

Neugierig geworden?

Noch mehr Einblicke in die aktuelle Forschung rund um die Jobcenter erhalten Sie in unserem Interview mit Dr. Katharina Grienberger (IAB) zur Zukunft der Arbeitswelt.

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