Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug in die Arbeitswelt. Doch was bedeutet das für einzelne Berufe? Was bleibt? Und was verändert sich? Frau Dr. Katharina Grienberger erforscht am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) seit über zehn Jahren, welche Tätigkeiten automatisierbar sind – und welche Folgen das für Arbeitsuchende und Beschäftigte hat.
Liebe Frau Dr. Grienberger, viele Menschen haben das Gefühl, dass Digitalisierung und KI ihre Chancen am Arbeitsmarkt bedrohen. Wie ordnen Sie diese Sorge aus wissenschaftlicher Sicht ein?
Katharina Grienberger: Der zunehmende Einsatz generativer KI hat dazu geführt, dass in den letzten Jahren eine Reihe von Tätigkeiten automatisierbar wurden. Unsere Studie zu den Substituierbarkeitspotenzialen – also dazu, inwieweit berufliche Tätigkeiten automatisiert bzw. technisch durch Computer oder Maschinen übernommen werden können – zeigt einen entsprechenden Anstieg: Der Anteil der Beschäftigten in Berufen mit hohem Automatisierungspotenzial ist von 34 Prozent im Jahr 2019 auf 38 Prozent im Jahr 2022 gewachsen.
Was heißt diese Entwicklung konkret für einzelne Tätigkeiten und Berufe?
Katharina Grienberger: Unsere Forschung zeigt: Die Berufslandschaft ist in Bewegung, aber weniger dramatisch als oft angenommen. Zwar können durch neue Technologien, insbesondere durch generative KI, neue Berufe entstehen, sich verändern und zusammengelegt werden. Gleichzeitig bleibt bei etwa der Hälfte aller untersuchten Berufe das Automatisierungspotenzial stabil – das heißt, der Anteil an Tätigkeiten, die automatisiert werden könnten, hat sich nicht verändert. Entscheidend ist: Automatisiert werden oft nur einzelne Tätigkeiten, nicht ganze Berufe. Gerade bei komplexen, sozialen oder kreativen Aufgaben bleibt ein großer Teil menschlicher Arbeit weiterhin unverzichtbar.
Welche Berufe stehen aktuell besonders unter Veränderungsdruck?
Katharina Grienberger: Unsere Ergebnisse ergeben ein klares Muster: Das Automatisierungspotenzial hängt vom Anforderungsniveau ab. Traditionell ist die Automatisierbarkeit in Fertigungs- und fertigungstechnischen Berufen sowie in Helfer- und Fachkraftberufen besonders hoch. Letztere sind Berufe, die keine oder eine mindestens zweijährige Berufsausbildung voraussetzen. In Fachkraftberufen könnten aktuell rund 62 Prozent der Tätigkeiten technisch automatisiert werden. Gleichzeitig sehen wir eine neue Entwicklung: Die größten Zuwächse gibt es inzwischen in den höher qualifizierten Berufen. Besonders stark gestiegen ist das Substituierbarkeitspotenzial in den sogenannten Expert*innenberufen mit Hochschulabschluss. Auch wenn das Niveau dort insgesamt weiterhin niedriger ist (etwa bei 36 Prozent), ist es zwischen 2019 und 2022 deutlich gewachsen (IAB-Kurzbericht 05/2024).
Welche Technologien treiben diese Entwicklung voran?
Katharina Grienberger: Eine zentrale Rolle spielt die generative KI. Vor allem in den IT- und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen sehen wir deutliche Veränderungen. Tätigkeiten wie Programmieren galten lange als schwer automatisierbar, können jedoch heute zumindest teilweise von KI übernommen oder unterstützt werden. Große Sprachmodelle sind inzwischen in der Lage, Texte zu erstellen, Fragen zu beantworten oder Inhalte zu strukturieren. Dadurch verschieben sich Anforderungen innerhalb von Berufen spürbar.
Wird die KI Berufe langfristig ersetzen?
Katharina Grienberger: So einfach ist es nicht. Auch mit Blick auf generative KI gibt es aktuell kaum Berufe, die vollständig automatisiert werden können. Entscheidend ist: Ob Automatisierung tatsächlich stattfindet, hängt nicht allein von technischen Möglichkeiten ab. Es spielen auch wirtschaftliche, gesellschaftliche und rechtliche Faktoren eine Rolle. In sensiblen Bereichen wie der Pflege sind etwa ethische Fragen zentral, in anderen – etwa beim autonomen Fahren – rechtliche Rahmenbedingungen. Und nicht zuletzt schätzen viele Menschen nach wie vor die Qualität und den Wert menschlicher Arbeit – etwa bei persönlichen Dienstleistungen oder handgefertigten Produkten. Auch das beeinflusst, welche Technologien sich am Ende durchsetzen und welche nicht.
Der Job-Futuromat ist ein Ergebnis Ihrer Arbeit. Was macht ihn besonders und wie kann er genutzt werden?
Katharina Grienberger: Der Job-Futuromat ist ein Online-Tool, das zeigt, wie sich Berufe verändern und welche Tätigkeiten darin grundsätzlich automatisierbar sind. Dafür zerlegt er einen Beruf in einzelne Tätigkeiten und bewertet, ob diese technisch von Computern oder Maschinen übernommen werden können. Daraus entsteht ein Substituierbarkeits-Score – also wie viel Prozent der Tätigkeit durch Technik ersetzt werden können. Ergänzend liefert der Futuromat Informationen zu den typischen Kerntätigkeiten sowie zur Entwicklung der Beschäftigtenzahl, offenen Stellen, Arbeitslosigkeit und Entgelt in den letzten Jahren. In einem jüngsten Relaunch kam zudem eine ökologische Bewertung der Tätigkeiten hinzu. Lassen Sie mich die Funktionsweise am Beispiel des/r Kassierer*in deutlich machen: Der Futuromat berücksichtigt hier etwa das Kassieren, Abrechnen oder das Scannen von Waren. Für jede dieser Kerntätigkeiten wird geprüft, ob sie automatisiert werden kann. Daraus ergibt sich dann ein Gesamtwert – in diesem Fall 100% automatisierbar.
Für wen ist der Job-Futuromat gedacht?
Katharina Grienberger: Ursprünglich wurde der Futuromat vor allem entwickelt, um Beschäftigten Orientierung zu geben: Welche Anforderungen verändern sich? Welche Kompetenzen werden künftig wichtiger? Mit wachsendem Interesse wurde er zunehmend auch in der Berufsorientierung eingesetzt. Entsprechend wurde das Tool weiterentwickelt und richtet sich heute an eine deutlich breitere Zielgruppe, darunter Arbeitsuchende, Schüler*innen, Absolvent*innen, aber auch Arbeitgeber*innen und politische Akteur*innen.
Wie kann der Job-Futuromat konkret in der Beratung von Arbeitsuchenden durch die Jobcenter genutzt werden?
Katharina Grienberger: Der Job-Futuromat ist kein Prognosetool. Er kann aber Hinweise darauf geben, in welchen Berufen digitale Technologien die Berufsstruktur und die Aufgabenprofile verändern könnten. Für jeden Beruf werden auch die relevanten Technologien aufgeführt. So können sich Nutzer*innen frühzeitig mit möglichen Veränderungen auseinandersetzen und gezielt Kompetenzen entwickeln, um ihre Arbeitsmarktchancen zu sichern.
Mit Blick auf den Wandel am Arbeitsmarkt: Worauf sollten sich Beschäftigte bzw. Vermittlungsfachkräfte einstellen?
Katharina Grienberger: Befürchtungen vor massivem Beschäftigungsabbau sind weiterhin unbegründet. Ganze Berufe verschwinden selten. Die größere Herausforderung liegt eher in der sich stark verändernden Berufsstruktur. Tätigkeiten verändern sich, neue entstehen, andere verlieren an Bedeutung. Der Schlüssel ist daher die Qualifizierung: Die Erstausbildung bleibt wichtig, genügt allein aber immer seltener. Weil Anforderungen steigen und Wissen schneller veraltet, muss lebenslanges Lernen auch im Erwerbsleben zur Normalität werden. Dafür braucht es Strukturen zur Weiterbildung und Höherqualifizierung, aber auch Möglichkeiten zur Umschulung und beruflichen Neuorientierung.
Was wird aus Ihrer Sicht in Zukunft entscheidend sein, damit Menschen den Wandel auf dem Arbeitsmarkt gut bewältigen können?
Katharina Grienberger: Entscheidend ist die Bereitschaft, sich auf Veränderungen einzulassen und sich aktiv einzubringen. Es geht darum, die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Technologie bewusst zu gestalten und neue Möglichkeiten zu nutzen.
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