Als die damals 27-jährige Marzieh Ebrahimi im Sommer 2024 zum ersten Mal das Jobcenter Landkreis Neuwied aufsucht, ist sie verzweifelt und steht vor zahlreichen Herausforderungen: Geldsorgen, fehlende Deutschkenntnisse und die Frage, wie sich der Weg in den Beruf mit einem Kleinkind vereinbaren lässt. Sie sagte zu mir, dass im Moment alles sehr schwierig für sie ist
, erinnert sich ihre Fallmanagerin Daniela Arndt.
Ein Ziel findet Form
In ihrem Heimatland Iran arbeitete Ebrahimi als Schneiderin. Für ihre berufliche Zukunft in Deutschland hat sie ein anderes klares Ziel vor Augen: Sie möchte im Gesundheitsbereich arbeiten, am liebsten als operationstechnische Assistenz (OTA). Zugleich wird ihr klar, dass der Weg dorthin nur über mehrere Etappenziele führt. Sie startet in der Maßnahme „Training, Orientierung und Planung“ (TOP) und entwickelt mit Unterstützung eines Sozialpädagogen und eines Jobcoaches konkrete berufliche Perspektiven. Es folgt ein berufsbezogener B2-Sprachkurs, den sie in wenigen Monaten erfolgreich abschließt. Für ihre Fallmanagerin ein entscheidender Moment: Als sie strahlend mit dem Zertifikat vor mir stand, wa klar: Jetzt läuft es.
Arndt fällt auf: Die Motivation kommt bei Frau Ebrahimi komplett aus ihr selbst heraus. In der Anfangszeit habe ich sie daher hauptsächlich unterstützt, für sich zu erkennen, welche Stärken bereits in ihr liegen.
Daniela Arndt Fallmanagerin im Jobcenter Landkreis Neuwied
Ebrahimi eignet sich während des Sprachkurses nicht nur neue Fähigkeiten an, sondern kommt auch zu einer neuen Erkenntnis: Sie sieht, dass sich eine Tätigkeit als OTA nur schwer mit ihrer Familiensituation vereinbaren lässt. Sie schlägt daher einen neuen Weg ein und entscheidet sich für den Pflegeberuf. Ihre Fallmanagerin unterstützt sie bei dieser neuen Entscheidung und empfiehlt ihr den Weg über eine Ausbildung. Sie hat mich immer wieder ermutigt
, erzählt Ebrahimi. Frau Arndt sagte mir, ich könne das schaffen und dass ich noch jung sei. Außerdem kenne sie viele Frauen, die Kinder haben und trotzdem eine Ausbildung geschafft haben.
Nach dem Sprachkurs nimmt sie erneut an der Maßnahme TOP teil, mit dem klaren Ziel, einen Ausbildungsplatz zu finden. Sie erhält intensive Unterstützung bei der Bewerbung und kurz darauf eine Einladung zum Gespräch bei ihrem Wunsch-Ausbildungsbetrieb, der Pflegefach-schule Linz-Remagen. Frau Ebrahimi zeigte gute sprachliche Kompetenzen und wirkte sehr interessiert
, erinnert sich die Schulleiterin Helena Kejner. Ebrahimi startet zunächst in ein Praktikum, bei dem sie schon nach drei Wochen spürt, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Die hätten wir gern
, lautet auch die Rückmeldung der Schulleiterin an Arndt. Die Zusammenarbeit mit dem Kranken-haus beschreibt die Fallmanagerin als unkompliziert: Das ist alles super gelaufen.
Gemeinsam Hürden überwinden
Der Weg in die Ausbildung ist kein Selbstläufer. Herausfordernd sind für Ebrahimi neben der Sprache vor allem praktische Fragen wie Kinderbetreuung, Schichtdienst und Mobilität. Ohne Auto wäre der Arbeitsweg für sie nicht zu bewältigen. Über eine vom Jobcenter unterstützte Pkw-Förderung meistert sie auch dieses Hindernis. Doch neben den organisatorischen Fragen stellen sich auch persönliche. Wir mussten gemeinsam an der Haltung arbeiten, dass man nicht automatisch eine schlechte Mutter ist, wenn man arbeitet
, sagt Arndt. Auch innerhalb der Familie Ebrahimi müssen sich nun Aufgaben neu verteilen. Das erfordert Zeit, doch jeder Erfolg stärkt Ebrahimi sichtbar. Sie ist unglaublich gewachsen – an Selbstbewusstsein, Stärke und Durchsetzungskraft
, so ihre Fallmanagerin. Ich war eigentlich nur die Chancengeberin
Angekommen
Helena Kejner Schulleiterin der Pflegefachschule Linz-Remagen
Im Herbst 2025 beginnt Ebrahimi dann ihre Ausbildung. Der Einstieg fällt ihr leicht, da sie durch ihr Praktikum bereits weiß, was sie erwartet. Ihre Praxisanleiterin Ricarda Bonn beschreibt sie als engagiert und wissbegierig: Sie wollte immer mehr lernen. Manchmal mussten wir sie sogar bremsen.
Dass sie Ausbildung und Familie parallel meistert, beeindruckt das Team vor Ort. Gleichzeitig erfährt Ebrahimi Unterstützung im Arbeitsalltag, etwa bei der Dienstplanung: Arzttermine ihres Kindes werden berücksichtigt, Schichten entsprechend angepasst.
Heute steht sie kurz vor dem zweiten Ausbildungsjahr. Die Aufgaben sind anspruchsvoller, doch die Motivation ist geblieben. Ich mag meinen Beruf, meine Ausbildung und die Arbeit mit Menschen sehr
, sagt sie. Auch kleinere Hürden, etwa sprachliche Dialekte der Patientinnen und Patienten, meistert sie mittlerweile gelassen.
Für Arndt steht fest, was auf Ebrahimis Weg entscheidend war: ein klares Ziel und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Oder, wie Ebrahimi selbst sagt: Man darf die Hoffnung nicht verlieren. Wenn man wirklich will, kann man alles schaffen.
Fünf Learnings aus dem Jobcenter Landkreis Neuwied
- Ein konkretes berufliches Ziel motiviert und erleichtert die Planung der nächsten Schritte.
- Praktika können dabei helfen, Berufswünsche und Vereinbarkeit mit Familie zu prüfen und den Weg in Arbeit zu ebnen.
- Mobilität und familiäre Strukturen sollten frühzeitig berücksichtigt werden.
- Eine feste Ansprechperson stabilisiert die Motivation und unterstützt den Fortschritt.
- Nachhaltige Integration gelingt, wenn Leistungsbeziehende ihre eigenen Stärken kennen.
Neugierig geworden?
Im Praxisblick erzählen wir mehr zum Thema Vermittlung, wie zum Beispiel Tanja Müller* eine neue Perspektive als Arbeitsvermittlerin im Jobcenter Berlin Mitte fand.
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