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Jobcenter Lahn-Dill: Tage der offenen Ohren

Im Kommunalen Jobcenter Lahn-Dill ist das Reflektieren fest verankert. Die Mitarbeitenden treffen sich zu kollegialen Fallberatungen. Und wer vertraut sprechen möchte, geht direkt zu Sabine Loß: Sie ist als hausinterne systemische Coachin stets erreichbar.

Sabine Loß kümmert sich im Kommunalen Jobcenter Lahn-Dill um regelmäßige Reflexion aller Mitarbeitenden.

Häufig ist Reden eine Rettung. So wie an jenem Tag, als Cynthia Morawietz bei Sabine Loß einen Einzeltermin anfragt. Morawietz ist im Jobcenter Lahn-Dill persönliche Ansprechpartnerin für 111 Leistungsbeziehende, Loß arbeitet als Coachin im selben Haus. Die beiden Kolleginnen treffen sich, um über ein ernstes Erlebnis zu sprechen: Bei einem von Morawietz‘ Fällen gab es den Verdacht auf Kindeswohlgefährdung und Missbrauch. „Ich habe selbst Kinder, da berührt mich so etwas noch einmal auf einer anderen Ebene“, sagt Morawietz. „Mit Frau Loß kann ich reflektieren, wie ich damit umgehe, und einüben, wie ich solche Themen nicht mit nach Hause nehme.“

Im Jobcenter Lahn-Dill genügt dafür eine E-Mail. Denn Sabine Loß sitzt in Wetzlar nur ein paar Zimmer entfernt. Als Stabsstelle agiert sie eigenständig und vertraulich. Für ihre Tätigkeit hat sie mehrere Bezeichnungen: Loß ist systemische Coachin, interne Supervisorin und betriebliche Sozialberaterin. Letztlich geht es immer darum, den Mitarbeitenden eine Reflexion zu ermöglichen – und dadurch die Qualität der Beratung zu verbessern, aber auch das Wohlbefinden jeder und jedes Einzelnen. Etwa 90 Einzelgespräche wird sie in diesem Jahr führen, schätzt sie, nachdem im Corona-Lockdown die Anzahl zurückgegangen war.

Reflexion hilft, besser mit Belastungen umzugehen

„Wer nicht reflektiert, ist anfälliger zu erkranken“, sagt Loß. Sie weiß, mit welchen Situationen die Mitarbeitenden konfrontiert sind: Loß hat selbst im Jobcenter acht Jahre lang junge Leistungsbeziehende betreut. Die Kontakte mit jugendlichen Drogenabhängigen zu verarbeiten, fiel auch ihr zunächst schwer. „Man muss in unserem Beruf akzeptieren, dass man nicht allen helfen kann. Das sagt sich leicht, aber man muss sich das bewusst machen und damit fertigwerden.“ In der Arbeit mit Menschen gehe es immer wieder darum, die eigene Person psychisch zu schützen.

Cynthia Morawietz gelingt es durch die interne Hilfe besser, mit Belastungen umzugehen. Sie fährt nach der Arbeit mit dem Zug nach Hause, an der Lahn entlang, und hat sich ein Ritual geschaffen: „Ich schaue aus dem Fenster und lege meine Gedanken auf die Wälder und Wiesen, ich lasse sie einfach da. Und am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit hole ich die Gedanken wieder ab.“ Durch die Selbstreflexion, sagt sie, werde sie sich ihrer eigenen Ressourcen bewusst. „Für mich sind die internen Angebote zur Reflexion eine Fürsorge, die mir der Arbeitgeber Jobcenter entgegenbringt“, meint Morawietz.

Sachbearbeitung und Vermittlung treffen sich zur kollegialen Fallberatung

Das trifft auch auf ein weiteres Angebot zu. Alle, die im Jobcenter Kontakt zu Leistungsbeziehenden haben, treffen sich zu sogenannten kollegialen Fallberatungen. Sachbearbeitende aus dem Leistungsbereich sitzen ebenso in den Gruppen wie Mitarbeitende aus der Arbeitsvermittlung. Ohne Zeitdruck besprechen die Fallberatungsgruppen komplizierte Situationen – und helfen sich gegenseitig, Lösungen zu finden. Jede und jeder kann einen Fall aus der persönlichen Arbeit mitbringen. Die anderen haben zunächst ein offenes Ohr, bilden dann Hypothesen und äußern Ideen. Den richtigen Ansatz bestimmt am Ende die Fallgeberin oder der Fallgeber selbst. Der Termin liefert Impulse für die Selbstreflexion.

„Die kollegiale Fallberatung unterstützt die Kolleginnen und Kollegen in der Schärfung ihrer Professionalität“, erläutert Loß, die als Coachin alle Gruppen begleitet. „Immer wenn Beratung passiert, sollte es eine Reflexion geben, wie man als Person in dieser Situation agiert.“ Die kollegiale Fallberatung ist eine Art institutionalisiertes Umfeld für die Reflexion. Sie folgt einem festen Schema und ist sogar verpflichtend. Mitarbeitende bekommen zu Beginn ihrer Tätigkeit im Jobcenter eine zwölftägige Qualifizierung in grundlegenden Beratungstechniken. Teilnehmende dieser Qualifizierung bilden danach eine Fallberatungsgruppe. Die Teilnahme ist im ersten Jahr nach Schulungsende verbindlich.

Wer reflektiert und sich öffnet, braucht Mut

Danach können sich Teilnehmende abmelden, müssen aber ihre Bereitschaft zur Reflexion auf andere Art nachweisen. Etwa durch Einzeltermine bei Loß oder bei externen Coaches. Weshalb diese Pflicht? „Menschen zu beraten und nicht bereit sein zur Selbstreflexion ist ein Widerspruch in sich“, sagt Loß. Es gehe um viel mehr als eine Gruppendiskussion. Die Fallberatung beinhalte, sich zu öffnen und anderen Vertrauen zu schenken. Denn die Teilnehmenden bringen echte Probleme mit, die sie teils in Gedanken verfolgen. „Manche haben zunächst die Befürchtung, vor den Kolleginnen und Kollegen unprofessionell zu wirken. Jede Person, die sich öffnet, macht sich ja auch angreifbar.“ Dabei bedeute Professionalität in Berufen, in denen man nah mit Menschen arbeitet, genau das: die eigenen Grenzen und Emotionen wahrzunehmen und damit umgehen zu können.

Während der Corona-Beschränkungen ruhten auch die kollegialen Fallberatungsgruppen. Nun gilt es, die Treffen an die veränderten Arbeitsbedingungen anzupassen. In einer Befragung der aktuell 174 Mitarbeitenden in kollegialen Fallberatungsgruppen sprach sich eine Mehrheit dafür aus, die Treffen entweder komplett online oder komplett in Präsenz stattfinden zu lassen. Wobei ein reines Onlineformat immer die Herausforderung mit sich bringt, genügend Abstand zur täglichen Arbeit zu gewinnen. Die Gruppen erproben nun verschiedene Formate und werten sie aus.

Doch damit nicht genug: Im Jobcenter Lahn-Dill reflektieren nicht nur die Mitarbeitenden in Einzel- und Gruppenterminen. Allen Führungskräften stehen Coachingangebote zur Verfügung. Die Führungskräfte werden von externen Supervisorinnen und Supervisoren und Coaches begleitet. Loß berät die Führungskräfte je nach Bedarf bei der Suche nach Coaches, ist aber hier nicht selbst aktiv, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Und schließlich wird auch die Supervisorin supervidiert: Sabine Loß besucht eine Supervision für sich selbst: „Ich arbeite mit Menschen, also gelten alle Kriterien für gute Arbeit dabei auch für mich.“

So verläuft eine kollegiale Fallberatung

  • Frequenz: einmal pro Quartal
  • Teilnehmende: bis zu 12 pro Gruppe
  • Dauer: etwa 3 Stunden
  • Atmosphäre: entspannt bei Kaffee, Keksen und Obst
  • Setting: Konferenzraum mit Flipchart
  • Ablauf: Austauschrunde („Wie geht es mir?“) zu Beginn, Gruppe wählt Fall und moderierende Person

Fallberatung in 8 Schritten:

  1. Fallgeber(in) schildert Situation.
  2. Fallgeber(in) konkretisiert Anliegen.
  3. Berater(innen) stellen Verständnisfragen, geben dabei aber keine (versteckten) Lösungsvorschläge.
  4. Berater(innen) bilden Hypothesen, äußern ihre Eindrücke, Vermutungen, Annahmen.
  5. Fallgeber(in) kommentiert Hypothesen: „Das erscheint mir möglich / unwahrscheinlich …“
  6. Berater(innen) sammeln Lösungsideen.
  7. Fallgeber(in) nennt für ihn/sie stimmige Lösungsansätze.
  8. Berater(innen) äußern persönliche Betroffenheit: „Bei mir war es auch mal so, dass …“

Dieser Artikel stammt aus dem chancen-Magazin 2022 zum Thema Selbstreflexion.