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Bürgergeld

„Unser Weg zum Bürgergeld“: Jobcenter Bremen setzt auf Kreativität und Partizipation

Das geplante Bürgergeld ist die bisher größte Reform der Grundsicherung für Arbeitsuchende. Auf welche Veränderungen müssen sich die Mitarbeitenden in den Jobcentern einstellen? Wo steht das Vorhaben derzeit – und wie lässt es sich am Ende erfolgreich umsetzen? Erste Antworten darauf suchte das Jobcenter Bremen bei einer internen Kick-Off-Veranstaltung.

Silke Sönksen/ Jobcenter Bremen

Moderatorin Beate Hoffmann begrüßte Geschäftsführer Thorsten Spinn auf der Bühne.

Gedämpftes Licht, entspannte elektronische Musik, lange Stuhlreihen in einer ehemaligen Fabrikhalle, die nun als Eventlocation dient – in diesem Umfeld kamen Mitte September 2022 mehr als 700 Mitarbeitende des Jobcenters Bremen zu einer internen Veranstaltung zusammen. Doch nicht etwa zu einem Fest, wie der erste Eindruck vermuten ließ, sondern um sich über die nunmehr zwölfte Änderung des SGB II zu informieren – zugleich die größte Reform seit 20 Jahren. „Unser Weg zum Bürgergeld“ – der Name der Kick-Off-Veranstaltung war Programm. Die Ziele: den Change-Prozess einläuten und gemeinsam konkrete Ideen zur Umsetzung sammeln.

„Jobcenter und ihre Arbeit sind wertvoll und wichtig“

Dass dieser „Weg zum Bürgergeld“ nicht immer ein leichter für alle Beteiligten werden könnte, räumte Geschäftsführer Thorsten Spinn direkt zu Beginn ein. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und nun auch noch die jüngsten Preissteigerungen: in fast allen Bereichen des Lebens seien dies Herausforderungen, die uns nicht nur als Privatperson betreffen, sondern auch direkt im Job. Für Jobcenter-Mitarbeitende sei dies eine Doppelbelastung – und wir müssen damit rechnen, dass in den kommenden Monaten noch mehr Menschen Grundsicherung beantragen müssen.

Spinn rief seinen Mitarbeitenden ins Gedächtnis: Jobcenter und ihre Arbeit sind wertvoll und wichtig. Ihm sei bewusst, dass einige das geplante Bürgergeld unter diesen Vorzeichen als zusätzliche Bürde empfinden könnten, und auch die kontroversen Diskussionen auf vielen Ebenen, medial ebenso wie in der Politik, seien ihm bekannt. „Aber“, so Spinn, ich hoffe, dass es uns der neue gesetzliche Rahmen ermöglicht, eine neue Haltung zu initiieren und ernsthafte Chancen zu fördern. Die Reform bietet viele Ansätze, nachhaltig etwas zu verändern.

Blitzumfrage zeigt: Mitarbeitende noch uneins über Bürgergeld

Aber wie sehen die Mitarbeitenden die bevorstehenden Änderungen aktuell? Mittels eines QR-Codes konnten die Anwesenden anonym und in Echtzeit ihre Eindrücke übermitteln, die wenige Minuten später geteilt wurden. Die Umfrageergebnisse zu „Bürgergeld – Ihr erster Gedanke in einem Wort“ ließen auf einige Skepsis schließen: „Herausforderung“, „ungerecht“, „schwierig“ – diese Begriffe landeten ganz vorne. Erst mit deutlichem Abstand wurden auch „Augenhöhe“ und „Hoffnung“ genannt. Geschäftsführer Spinn zeigte sich verständnisvoll gegenüber den Vorbehalten: Nicht nur für Informationen, sondern auch für diese ehrliche Rückkopplung sei die Auftaktveranstaltung richtig und wichtig. Am Ende geht es nicht nur darum, über die Umsetzung zu sprechen, sondern auch herauszufinden, welche Unterstützung und Begleitung Sie von uns benötigen, ermutigte Spinn seine Kolleginnen und Kollegen.

Silke Sönksen/ Jobcenter Bremen

Moderatorin Beate Hoffman befragte die Geschäftsführung, bestehend aus Anja Fricke, Thorsten Spinn und Salvatore die Benedetto (von links) zur Bürgergeld-Einführung.

Bürgergeld-Entwurf ist noch in der politischen Diskussion

Doch was genau auf die Mitarbeitenden mit dem neuen Bürgergeld zukommen wird, lässt sich derzeit nur auf Basis des Gesetzentwurfes erahnen, den das Bundeskabinett Mitte September vorgelegt hatte. Da ist definitiv noch Musik drin, beschrieb es Salvatore di Benedetto. Gemeinsam mit Anja Fricke ergänzt di Benedetto die Geschäftsführung des Jobcenters Bremen. An diesem Vormittag führten die beiden Stellvertretenden von Thorsten Spinn die Anwesenden durch die inhaltlichen Eckpfeiler der geplanten Reform:

  1. Ein Kooperationsplan löst die Eingliederungsvereinbarung ab.
  2. In den ersten sechs Monaten gilt eine Vertrauenszeit.
  3. Der Vermittlungsvorrang entfällt.
  4. Coachingangebote unterstützen die Beratungsarbeit.
  5. Die Anrechnung von Einkommen wird vereinfacht.
  6. In den ersten zwei Jahren gilt eine Karenzzeit für Vermögen und Wohnraum.
  7. Die sogenannte Bagatellgrenze kommt: Rückforderungen für geringe Beträge in Höhe von bis zu 50 Euro entfallen.

Einige Punkte würden bereits jetzt in den Jobcentern umgesetzt, betonten Fricke und di Benedetto – etwa die zweijährige Karenzzeit für Vermögen, die seit Beginn der Corona-Pandemie greift. Andere Vorhaben, wie die geplante Bagatellgrenze, führten zudem zu merklich weniger Bürokratie.

Was Kreativität mit dem Bürgergeld zu tun hat

Wie also lassen sich die absehbaren Veränderungen im Arbeitsalltag umsetzen und alle Mitarbeitenden, auch diejenigen, die vielleicht noch skeptisch sind, nachhaltig mit einbeziehen? Dafür holte sich das Jobcenter Bremen kreative Unterstützung: Unter dem Titel „Ideen – Die Währung der Zukunft“ nahm Speaker und Coach Nico Gundlach die Anwesenden in einem Impulsvortrag mit auf eine Reise in die Welt wissenschaftlich fundierter Kreativitätskonzepte. Denn, so Gundlach: Organisationen, die die Kreativität ihrer Mitarbeitenden fördern, können besser mit Veränderungen umgehen. Dafür müsse niemand das viel zitierte Rad neu erfinden. Die meisten Problemlösungen sind gar nicht gänzlich neu, sondern eine Kombination aus bereits bestehenden.

Auf eingetretenen Pfaden werde man aber seltener fündig, verdeutlichte Gundlach anhand von Beispielen und kleinen Praxisübungen. Wenn ich auf neue Lösungsansätze kommen will, muss ich den Bereich meines bisherigen Wissens erstmal verlassen. Das A und O hierfür sei eine positive Fehler- und Lernkultur. Nur durch trial and error seien frische Ideen und Verbesserungen bestehender möglich. Kreativität ist immer ein Prozess, schlug Gundlach die Brücke zum Einführungsprozess des Bürgergeldes.

Silke Sönksen/ Jobcenter Bremen

Speaker Nico Gundlach erläuterte verschiedene Kreativitätskonzepte.

Warum die Bürgergeld-Einführung in den Köpfen erstmal scheitern sollte

Ist Kreativität vielleicht der Schlüssel für Jobcenter, die Bürgergeld-Pläne erfolgreich umzusetzen? Das sollten die Bremer Mitarbeitenden, inspiriert durch Gundlachs Vortrag, selbst herausfinden. In insgesamt 70 Teams fanden sich die Kolleginnen und Kollegen an Workshop-Tischen zusammen, um über die Frage zu grübeln: Was können wir dafür tun, dass die Einführung des Bürgergeldes ein Erfolg wird? Überlegt wurde dabei nicht auf gut Glück, sondern mithilfe der sogenannten „Flipflop-Methode“. Die funktioniert so: Zunächst wird überlegt, was alle Beteiligten tun müssten, damit bestimmte Pläne – hier: das Bürgergeld – vollauf scheitern. Davon ausgehend werden Ansätze entwickelt, um genau dieses Scheitern zu verhindern.

Silke Sönksen/ Jobcenter Bremen

Team 433 erarbeitete in dieser Situation Ideen zur Umsetzung des Bürgergeldes.

Die ersten Ansätze, die die Bremer Jobcenter-Mitarbeitenden innerhalb von 45 Minuten entwickelten, waren vielfältig. Exemplarisch wurden davon einige auf dem Podium präsentiert.

• Ein Team regte an, das Bremer Jobcenter-Intranet deutlich zu vereinfachen und besser zu strukturieren. Dadurch entfielen aufwendige und zeitintensive Informationssuchen und die gewonnene Zeit könne in fundierte Beratungsgespräche investiert werden. Zudem sollten interne „best practice“-Teambeispiele für Lösungsansätze aller Art veröffentlicht werden – ganz nach dem Motto: „Klauen erlaubt.“
• Eine weitere Gruppe brachte „Bürgernah mit Bürgergeld“ ins Spiel. Der Hintergedanke: Mehr gelebte „Bürgernähe“ im Arbeitsalltag führe zu höherer Akzeptanz gegenüber der Institution Jobcenter, und damit einhergehend zu weniger Widerständen gegenüber den Regeln und Mitarbeitenden. Dies seien wichtige Punkte, damit das Bürgergeld ein Erfolg werde.

Allein zum kreativen Austoben waren die Workshops aber nicht: Im Anschluss wurden alle erarbeiteten Ideen in sogenannten „Ideenboxen“ gesammelt. „Gute Ideen sollen nicht verloren gehen“, erläuterte Geschäftsführer Spinn. Die Einfälle würden sorgfältig aufgearbeitet.

Silke Sönksen/ Jobcenter Bremen

Hans-Magnus Pliester (links), Teamleiter des Teams 433 im Jobcenter Bremen, stellte die Ideen seines Teams aus der Workshopphase vor.

Handlungssicherheit und mehr Personal: Das wünschen sich die Mitarbeitenden

Doch was wünschen sich die Mitarbeitenden von der Geschäftsführung, um das Bürgergeld gut umsetzen zu können? Auch hier lieferte eine anonyme Umfrage via QR-Code eindeutige Ergebnisse: „Realitätsnahe Personalplanung“, „Handlungssicherheit“, „konkrete Verfahrensanleitungen“, „verlässliche IT-Lösungen“ und „Kreativraum“ waren die am häufigsten genannten Schlagworte. Der Kreativraum wird kommen, versicherte Spinn. Bei der Personalplanung sei das Jobcenter aktuell am oberen Limit. Er wolle daher derzeit keine Versprechen machen, die er vielleicht nicht halten könne. Auch konkretere Informationen für mehr Handlungssicherheit hingen derzeit von den weiteren Entwicklungen ab, ergänzte seine Vertreterin Fricke. Auch wir fragen uns: Wie bekommen wir es hin, von voraussichtlich Ende November bis Ende Dezember die notwendigen Informationen und Weisungen an unsere Mitarbeitenden, an Sie, weiterzureichen? Dafür seien Schulungen und überarbeitete Materialien geplant – doch wie und wann, könne man momentan nur erahnen.

Wie also geht es weiter im Jobcenter Bremen? Wir haben uns heute hier getroffen, um gemeinsam einen Prozess anzustoßen, bei dem wir nun im regelmäßigen, gemeinsamen Austausch bleiben, verabschiedete die Geschäftsführung ihre Kolleginnen und Kollegen. Weitere Veranstaltungen im kleineren Rahmen seien bei entsprechender Informationslage vorstellbar. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich auf eine neue Haltung einlassen und wir gemeinsam ein neues besseres System schaffen, schloss Spinn.

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