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Servicestelle SGB II für Jobcenter | SGB2.info Praxisblick „Wartet nicht auf den Vorfall!“

„Wartet nicht auf den Vorfall!“

Wie das Jobcenter Bremerhaven Extremismus thematisiert und durch eine demokratische Kultur, Haltung beweist. Ein Interview mit Jobcenterleitung Nina von Rittern.

Nina von Rittern, Jobcenterleitung im Jobcenter Bremerhaven

Rechtsruck. Digitalisierung. KI. Arbeitslosigkeit. Menschen erleben heute vielfältige gesellschaftliche Veränderungen und Herausforderungen. Gleichzeitig fühlen sie sich abgehängt oder entwickeln Ängste. Das betrifft Beschäftigte wie auch Leistungsbeziehende im Jobcenter gleichermaßen. Das Jobcenter Bremerhaven will diesen Gefühlen früh begegnen und engagiert sich aus diesem Grund im Bereich Extremismusprävention. Dabei stoppt es jedoch nicht bei Symbolen oder Verboten. Stattdessen setzen Jobcenterleitung Nina von Rittern und ihr Team auf einen demokratischen Dialog, Werteorientierung und eine Organisationskultur, in der Unsicherheiten angesprochen und andere Meinungen ausgehalten werden. Wie genau sie dabei vorgehen, erzählt sie im Interview.

Frau von Rittern, warum ist Extremismusprävention aus Ihrer Sicht überhaupt ein Thema für die Jobcenter?

Nina von Rittern: Ich nehme im Privaten wie im Beruflichen wahr, wie sich das Miteinander verändert, wie sich Sprache und Verhalten verändern und wie Druckmomente entstehen. Dadurch, dass wir als Jobcenter im Kern der Gesellschaft unterwegs sind, begegnen wir diesen gesellschaftlichen Druckmomenten hautnah. Als öffentliche Organisation tragen wir aus meiner Sicht auch Verantwortung dafür, demokratische Werte und ein respektvolles Miteinander zu stärken. Und das nicht ausschließlich mit Blick auf Leistungsbeziehende. Das fängt schon bei uns selbst an. Ich sehe absolut die Notwendigkeit, das nicht einfach laufen zu lassen.

Sie tauschen sich mit dem Kompetenzzentrum für Deradikalisierung und Extremismusprävention im Land Bremen (KODEX) aus. Wie ist diese Zusammenarbeit entstanden? 

Nina von Rittern: Auf KODEX bin ich über mein Netzwerk gestoßen. Über das Jobcenter Bremen habe ich erfahren, dass das für sie ein extrem wertvoller Austausch war. Da ich in meinem Haus sowieso thematisiere, wie wollen wir eigentlich miteinander umgehen, was ist uns wichtig, was ist unsere Haltung, was sind unsere Werte, haben wir dann zwei Kolleginnen von KODEX zu uns ins Jobcenter eingeladen. Denn genau dafür sind Netzwerke da. Sie berichteten dann zum Beispiel über Aussteigerberatung aus extremistischen Szenen. Dabei ging es sowohl um Links- und Rechtsextremismus wie auch Islamismus.

Meinen Leuten in solchen Situationen Handlungssicherheit zu geben, ist das übergeordnete Ziel.

Was nehmen Sie aus dem Austausch mit KODEX für Ihr Jobcenter mit?

Nina von Rittern: Ich habe aus dem Austausch mitgenommen, dass wir möglichst lange respektvoll im Dialog bleiben sollten. Das heißt ausdrücklich nicht, menschenfeindliche oder extremistische Positionen zu relativieren. Aber wir sollten Menschen auch nicht vorschnell auf ein Schlagwort oder eine einzelne Aussage reduzieren. Wenn ich den Dialog sofort abbreche, habe ich auch keine Möglichkeit mehr, jemanden zu erreichen. Das Team von KODEX war da klar: Wenn wir gleich im ersten Schritt sagen: ‚Mit dir rede ich nicht mehr.‘ Dann erreicht man nichts.

Menschen, die von uns ausgegrenzt werden, kriegen wir nicht wieder zurück.

Sie sagen, Handlungssicherheit zu geben, ist eine Führungsaufgabe. Wie genau unterstützen Sie Ihre Mitarbeitenden, damit diese schwierige Gespräche führen können? 

Nina von Rittern: Unabhängig von diesem konkreten Thema arbeiten wir bei uns gerade grundsätzlich daran, mehr Handlungssicherheit zu schaffen. Dafür nutzen wir den HaSi-Unterstützungskompass, einen Ansatz, den ich aus dem Jobcenter Rhein-Sieg übernommen habe. Im Kern geht es darum, Beschäftigten und Führungskräften Orientierung zu fachlicher, persönlicher oder gesundheitlicher Unterstützung zu geben. Gleichzeitig entwickeln wir einen gemeinsamen Maßstab dafür, wie wir mit Verhalten umgehen, das von unseren vereinbarten Standards abweicht. Extremistische oder menschenfeindliche Äußerungen können dabei ein Thema von vielen sein. Respekt und wertschätzende Kommunikation sind übrigens keine Anforderungen, die ich nur an andere stelle. Auch ich bin schon meinem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden und habe mich anschließend entschuldigt. Für mich gehört das zum Miteinander: Wir brauchen alle gute, allgemein bekannte Verhaltensstrategien. Dabei muss man unterscheiden: Es gibt schwierige Gespräche und es gibt Situationen, in denen Grenzen überschritten werden und Sicherheit Vorrang hat. So ist zum Beispiel mal eine Person hier in der Eingangszone ausgeflippt und eine junge Kollegin hat sich bedroht gefühlt. Die Person wurde des Hauses verwiesen und die Polizei gerufen. Für akute Bedrohungssituationen gibt es bei uns klare Abläufe und Sicherheitsmaßnahmen. Danach gehe ich trotzdem einmal selbst zu der Kollegin hin und frage sie, wie es ihr geht. Denn ich bin überzeugt, wir dürfen bei solchen Sachen nicht einfach in die Routine übergehen, sondern müssen Ängste ernst nehmen.

Die Muster erkennen statt Symboliken auswendig lernen: Wie geht das?

Nina von Rittern: Zunächst einmal: Unsicherheit ist erlaubt. Ich kann nur raten: Wenn ihr unsicher seid, dann holt euch Unterstützung! Denn so ist diese Dynamik von Symboliken für uns im Jobcenter eigentlich kaum zu erfassen. Wichtig ist zu handeln, wenn wir Muster erkennen, zum Beispiel dieses konsequente Schlechtmachen von anderen Menschen aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Religion. Überall da, wo jemand in die Ecke gestellt wird, müssen wir Haltung zeigen.

Was raten Sie anderen Jobcentern, die sich ebenfalls Unterstützung im Umgang mit Extremismus holen möchten?

Nina von Rittern: Wenn ich was empfehlen kann, dann: Wartet nicht auf den ersten Vorfall! Denn Prävention beginnt früher – im täglichen Umgang. Macht euch dazu auch im Netzwerk schlau. Ich stehe da gerne zur Verfügung. Ich bin zum Beispiel auch sehr eng mit meinem Personalrat, schwerbehinderten Vertrauenspersonen, Gleichstellungsbeauftragten sowie AGG-Beauftragten (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) im Austausch.

Die AGG-Beauftragten im Jobcenter Bremerhaven

Im Jobcenter Bremerhaven ist Gleichbehandlung eine Sache für das Duo Eylem Kilic und Özgür Gündog aus der Vermittlung und der Leistung. Sie sind die interne Anlauf- und Beschwerdestelle, wenn Mitarbeitende Diskriminierung oder sexuelle Belästigung erfahren oder beobachten. Mehr Informationen finden Sie in diesem Flyer Jobcenter Bremerhaven [PDF, 374KB].

Bei all dem, was gerade passiert: Welche Erfahrungen geben Ihnen Hoffnung?

Nina von Rittern: Mir macht Hoffnung, dass ich viele Menschen erlebe, die bereit sind, sich für ein respektvolles Miteinander einzusetzen. Dazu gehören bei uns zum Beispiel die AGG-Beauftragten. Besonders beeindruckt mich aber auch eine Vermittlerin aus unserem Haus, die als Jugendliche aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen ist und sich heute ehrenamtlich im Auswandererhaus Bremerhaven engagiert. Mensche, wie sie, zeigen mit ihrer eigenen Lebensgeschichte, dass Offenheit, Zusammenhalt und demokratische Werte nicht nur Worte sind, sondern gelebt werden können. Das gibt mir Zuversicht. Denn bei all den unterschiedlichen Meinungen, die es in einer Demokratie geben darf und soll, bleibt für mich das Gespräch der wichtigste Lösungsweg.

Neugierig geworden?

Im Praxisblick erzählen wir mehr spannende Geschichten zu den individuellen Netzwerken der Jobcenter. Wie wichtig der enge Kontakt und die Zusammenarbeit außerhalb des Jobcenter-Universums ist, zeigt die Initiative „Welcome Saxony“ für mehr Weltoffenheit.

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