Prof. Dr. Rump, wie verändert sich die Arbeitswelt aktuell – und was bedeutet das für Beschäftigte?
Jutta Rump: Wir erleben gerade eine sehr tiefgreifende Transformation durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Dabei verschwinden die meisten Berufe nicht. Aber rund 80 Prozent der Tätigkeiten verändern sich deutlich. Das bedeutet: Anforderungen verschieben sich. Routine wird zunehmend automatisiert. Der Mensch bleibt für Einordnung, Entscheidung und Verantwortung zuständig. Ich sage immer: Ich sitze weiterhin im Fahrerinnensitz. Dafür brauche ich aber gutes Fachwissen, um die Ergebnisse der Technik beurteilen und steuern zu können.
In der Praxis der Jobcenter stellt sich oft die Frage: Wie können Frauen in wirtschaftlich eigenständige Arbeit gebracht werden. Was ist aus Ihrer Sicht zentral?
Jutta Rump: Ich glaube zutiefst, dass wirtschaftliche Eigenständigkeit in Deutschland sehr stark mit Qualifizierung und Abschlüssen zusammenhängt. Wir sind eine Gesellschaft, die Zertifikate liebt. Deshalb ist für mich das oberste Ziel eine abschlussorientierte Qualifizierung. Das gilt für Frauen mit hoher Vorbildung genauso wie für Frauen ohne formalen Abschluss. Ohne Qualifikation bleibt man oft im Niedriglohnbereich hängen und das ist keine tragfähige Perspektive bis zum Lebensende.
Gleichzeitig sind viele Frauen durch Familie und Care-Arbeit stark belastet. Wie kann Qualifizierung trotzdem gelingen?
Jutta Rump: Man muss sich sehr genau anschauen, was Frauen tatsächlich leisten können – zeitlich und mental. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein zentrales Thema, gerade auch bei Alleinerziehenden. Deshalb reicht es nicht, nur zu sagen: „Mach eine Weiterbildung.“ Erfolgreich ist ein Gesamtpaket. Dazu gehört, die Motivation zu klären: Will die Frau das selbst oder kommt der Druck von außen? Ebenso wichtig sind begleitende Themen wie Zeitmanagement, Umgang mit Druck und die Frage: Wer unterstützt mich eigentlich? Diese Themen liegen am Rand des Weges, sind aber entscheidend für den Erfolg.
Welche besondere Rolle können BCA dabei übernehmen?
Jutta Rump: Die BCA haben hier eine Schlüsselrolle. Sie können sehr früh ansetzen und Frauen Orientierung geben. Aus meiner Sicht ist es wichtig, nicht nur über Berufe zu sprechen, sondern zuerst über Stärken und Talente. Die zentralen Fragen sollten lauten: Worauf hat diese Frau Lust? Was kann sie gut? Wenn man gemeinsam eine Standortbestimmung macht und darauf aufbauend eine realistische Perspektive entwickelt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen Qualifizierung durchhalten und später auch im Job bleiben.
Welche Kompetenzen werden für Frauen in Zukunft besonders wichtig sein – auch jenseits von Fachwissen?
Jutta Rump: Digitale Anwendungskompetenz wird immer wichtiger. Niemand muss programmieren können. Aber jede Frau sollte verstehen, wie digitale Systeme funktionieren, wie man präzise Anweisungen gibt und wo die Grenzen der Technik liegen. Wenn Frauen erleben, dass digitale Werkzeuge ihnen Zeit schenken und Sicherheit geben, entsteht Motivation. Gerade für Frauen, die ohnehin stark belastet sind, kann das ein echter Gewinn sein. Am Anfang steht immer eine Investition. Aber wenn der Nutzen spürbar wird, kann das ein wichtiger Schritt in Richtung wirtschaftliche Eigenständigkeit sein.
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Noch mehr über die Arbeitswelt von morgen erfahren Sie in unserem Interview mit Dr. Katharina Grienberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
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