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Kommunikation

„Führung durch Vorbild und eine offene Kommunikationskultur“: zwei Geschäftsführer im Gespräch

Gute Führung, das Selbstverständnis und Herausforderungen: Die beiden neuen Geschäftsführer Lars Andresen und Marcus Weichert tauschen sich über ihre bisherigen Erfahrungen und Erwartungen für die Zukunft aus. Andresen leitet seit Januar 2023 das Jobcenter Potsdam. Weichert steht seit Februar 2023 an der Spitze des Dortmunder Jobcenters. Im Gespräch erzählen sie, was die Jobcenter zuletzt am meisten verändert hat und warum eine offene Kommunikation unabdingbar ist.

Lars Andresen (links) führt seit Januar 2023 das Jobcenter Potsdam. Marcus Weichert ist seit Februar 2023 Geschäftsführer des Dortmunder Jobcenters.

Herr Andresen, Herr Weichert, Sie beide waren bis vor kurzem in Führungspositionen bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) in der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg tätig. Nun leiten Sie jeweils ein Jobcenter. Inwieweit hat sich Ihr Arbeitsalltag verändert?

Weichert: Ich komme gebürtig aus Berlin und wohne hier auch weiterhin mit meiner Familie. Unter der Woche arbeite ich nun in der Regel von Montag bis Donnerstag in Dortmund, aber das Pendeln bin ich bereits gewohnt: In meinen neun Jahren, die ich für die Bundesagentur für Arbeit und die Regionaldirektion tätig war, habe ich nur drei in Berlin gearbeitet. Der größte Unterschied ist definitiv der Personalkörper. In meiner ersten Agentur hatte ich beispielsweise zwei operative Bereichsleitungen und rund ein Dutzend Teamleiter. In Dortmund sind es nun allein 70 Führungskräfte und rund 1.100 Mitarbeitende insgesamt. Nicht mit allen kann ich mich täglich austauschen, aber ich möchte für meine Mitarbeitenden vor Ort sein. Ich lege großen Wert auf Führung durch Vorbild und eine offene Kommunikationskultur.

Andresen: Dem kann ich mich anschließen. Als Geschäftsführer eines Jobcenters musst du präsent sein. Für mich ist das selbstverständlich: Ich bin außerdem noch neu in Potsdam und muss meine Mitarbeitenden erstmal kennenlernen. Das würde gar nicht funktionieren, wenn ich häufig abwesend wäre – und davon abgesehen, lässt sich Verantwortung auch nicht wegdelegieren.

Herr Weichert, Sie haben gerade von „Führung durch Vorbild“ gesprochen. Was genau umfasst dieser Ansatz für Sie?

Weichert: Vor allem die bereits erwähnte offene Kommunikation – insbesondere, was meine Entscheidungen anbelangt. Am Ende muss ich in der Lage sein, meine Entscheidungen allen Beteiligten, also sowohl meinen Mitarbeitenden als auch der Stadt Dortmund und der BA, erklären zu können. Mit „erklären“ meine ich keineswegs „rechtfertigen“: Natürlich kann es vorkommen, dass mein Gegenüber eine andere Sichtweise vertritt. Es geht nicht darum, jemandem meine Meinung aufzuzwängen. Aber, und das gebe ich auch meinen Führungskräften immer mit auf den Weg, man sollte seine Entscheidungen darlegen und auch bei Meinungsverschiedenheiten noch vernünftig miteinander arbeiten können.

Andresen: Kommunikation ist extrem wichtig. Ich möchte, dass meine Mitarbeitenden mich ansprechen können und nicht der Eindruck entsteht, ich als Geschäftsführer würde mich vor unangenehmen Themen wegducken. Wir sprechen die Themen offen an und gehen dabei vernünftig miteinander um. Ich erwarte, dass wir uns genauso den Leistungsbeziehenden gegenüber verhalten. Man muss nicht immer einer Meinung sein, aber wir gehen respektvoll miteinander um. Das Sprichwort „Der Fisch stinkt immer vom Kopf her“ beschreibt es wohl ganz gut: Wenn ich mich als Geschäftsführer schlecht benehmen würde, dann dürfte ich mich am Ende auch nicht beschweren, wenn die Leistungsbeziehenden von meinen Mitarbeitenden nicht gut behandelt würden.

Weichert: Da sind wir direkt bei der inneren Einstellung. Viele unserer Leistungsberechtigten können sich nicht mehr aus eigener Kraft helfen, aber unsere Mitarbeitenden sind weder Sozialarbeiter noch Psychotherapeuten. Letztlich geht es darum, die Notlage der Kundin oder des Kunden sachlich zu erkennen, ohne die Situation emotional zu bewerten, und dann zu schauen: Welche Fähigkeiten bringt die Person mit? Welche Instrumente stehen uns zur Verfügung? Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch nach einem selbstbestimmten Leben strebt – auch unsere Leistungsbeziehenden. Niemand dürfte es toll finden, über Jahrzehnte beim Jobcenter vorsprechen zu müssen.

Durch geförderte Weiterbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen soll das Bürgergeld genau diesem Langzeitleistungsbezug entgegenwirken…

Weichert: Der Fokus geht in die richtige Richtung. Ich hätte mir angesichts des Fachkräftemangels und der dynamischen Arbeitsmarktsituation allerdings gewünscht, dass auch die Unterstützung bezahlter Ausbildungen mit in die Reform eingeflossen wäre – etwa durch anders gestaltete Anrechnungen. Eine vollwertige Berufsausbildung könnte gerade für ältere Leistungsbeziehende große Chancen bieten. Insgesamt versprechen wir uns aber, die Menschen künftig stärker an die Hand nehmen zu können. Die Umstellung auf die angepassten Regelsätze hat im Übrigen reibungslos funktioniert.

Andresen: Der Ansatz, Weiterbildung und Qualifizierung attraktiver zu machen und die Leistungsbeziehenden dahingehend intensiver zu betreuen, ist gut. Ich überlege derzeit auch, wie wir im Jobcenter das Bürgergeld als Aufhänger nutzen können, über unsere Arbeit mit den Leistungsbeziehenden generell nochmal nachzudenken. Hier sind wir wieder beim Thema innere Einstellung, aber auch Kundenorientierung: Wie erreichen wir vor allem diejenigen wieder, die nicht zu Terminen erscheinen? Was brauchen diese Menschen? Ich möchte, dass die Leistungsbeziehenden realisieren, „das Jobcenter will mich nicht bestrafen, sondern mir helfen“.

Weichert: Absolut. Das Thema Imagewandel beschäftigt uns in Dortmund auch. Wenn wir wollen, dass Jobcenter positiver wahrgenommen werden, müssen wir mit unserer Arbeit einen Beitrag dazu leisten. Sehr schade fand ich, dass im Zuge der Bürgergeld-Einführung in den Medien wieder verstärkt über Sanktionen diskutiert wurde. Dabei lag die bundesweite Sanktionsquote zuletzt im niedrigen einstelligen Bereich – bei uns in Dortmund bei weniger als zwei Prozent. Ich als Geschäftsführer werde mein Handeln stets an den 98 Prozent der Leistungsbeziehenden ausrichten, mit denen die Zusammenarbeit gut funktioniert.

Herr Andresen, Sie haben gerade energisch genickt.

Andresen: Die politischen Debatten über Sanktionen mit dem Tenor „Arbeitet endlich auf Augenhöhe mit den Bürgern“ waren für viele meiner Mitarbeitenden sehr kränkend. Meine Kolleginnen und Kollegen leisten einen guten Job und ich kenne niemanden, der sagt, „Mensch, eine Sanktion hilft mir richtig weiter, jemanden wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren“. Im Gegenteil: Meine Vermittlungskräfte sind der Überzeugung, dass Sanktionen sie im zähen Vermittlungsprozess um Monate zurückwerfen. Was unsere Arbeit aber noch stärker verändert hat als die Bürgergeld-Einführung und die damit einhergehenden Debatten, war die Corona-Pandemie. Termine fanden nur noch telefonisch, manchmal auch digital, statt und mein Eindruck ist, dass wir dadurch einige Leistungsbeziehende verloren haben könnten. Die müssen wir wieder erreichen. Gemeinsam mit meinem Führungsteam habe ich daher beschlossen, dass die Beratungstermine deutlich ausgebaut werden und unser Jobcenter fortan von montags bis freitags geöffnet ist, nicht nur an einzelnen Tagen. Wir wollen für die Menschen erreichbar sein – in Präsenz, telefonisch und an sieben Tagen die Woche auch auf jobcenter.digital.

Wie ist die Resonanz Ihrer Mitarbeitenden auf diese Änderungen?

Andresen: Natürlich gab es hier und da interne Widerstände. Die ausgeweitete Erreichbarkeit passte anfangs nicht jedem. Für mich ist das aber eine Frage der persönlichen Einstellung: Wenn ich als Jobcenter Menschen weiterhelfen möchte, muss ich erreichbar sein. Wichtig ist, dass man skeptischen Mitarbeitenden die Intention vermittelt, die hinter dem Ansatz steht. Die Mehrheit arbeitet ja aus einer intrinsischen Motivation heraus im Jobcenter – weil sie Menschen unterstützen möchte. Am Ende waren die meisten überzeugt.

Weichert: Was Lars Andresen gerade beschrieben hat, geht in Richtung „die eigenen Entscheidungen erläutern können“: Vor allem bei kontroverseren Themen holt man seine Mitarbeitenden nur ab, wenn man eine offene Kommunikationskultur mit ihnen pflegt. Bei mir soll auch Jede und Jeder mit Problemen direkt zu mir kommen können. Darum starte ich noch im Mai mit einem offenen Meeting, das regelmäßig stattfinden wird. Ich bin dann in einem bestimmten Zeitfenster anwesend und alle Kolleginnen und Kollegen, die Zeit und Lust haben, können zum ungezwungenen Austausch vorbeikommen.

Andresen: Ich hospitiere seit meinem Einstand in Potsdam in mindestens einem Team pro Monat, zudem tausche ich mich regelmäßig mit meinen Mitarbeitenden aus. Dadurch bin ich nicht nur deutlich auskunftsfähiger darüber, was wir als Jobcenter alles leisten. Ich habe auch besseren Einblick darin, was meine Kolleginnen und Kollegen, aber auch die Leistungsbeziehenden, bewegt. Das hilft uns allen im Arbeitsalltag ungemein. In dem Zuge lässt sich auch leichter darüber sprechen, was gut oder vielleicht weniger gut läuft.

Erst die Umbrüche durch die Corona-Pandemie, dann die Betreuung der Ukraine-Geflüchteten, nun die Bürgergeld-Einführung: Die Jobcenter hatten zuletzt viele Herausforderungen verstärkt parallel zu stemmen. Warum sollten sich potenzielle neue Kolleginnen und Kollegen dennoch für einen Werdegang im Jobcenter entscheiden?

Andresen: Diejenigen, die bereits bei uns arbeiten, machen das ihren Aussagen zufolge sehr gerne. Sie loben die sinnstiftende Tätigkeit, die spannenden Aufgaben, das kollegiale Miteinander und den vernünftigen Gehaltsrahmen. Wer gerne mit Menschen arbeitet und klare Strukturen bevorzugt, ist im Jobcenter definitiv an der richtigen Adresse – zumal eine Laufbahn im öffentlichen Dienst noch weitere Vorteile mit sich bringt. Uns stellt sich vor allem die Frage, wie wir all die positiven Aspekte noch stärker nach außen tragen können, um Bewerberinnen und Bewerber von uns als Arbeitgeber zu überzeugen.

Weichert: Dem habe ich nichts hinzufügen. Jobcenter bieten zahlreiche spannende Tätigkeitsbereiche und sichere Strukturen. Entscheidend ist vor allem, dass man die intensive Arbeit mit Menschen mag.