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Inklusion

Aktive Bewältigung von Arbeitslosigkeit: Das AktivA-Training in der Praxis

Emre Kara, Sachgebietsleiter der Netzwerke ABC, berichtet von der Umsetzung des AktivA-Trainings im Jobcenter Stuttgart.

Portraitfoto von Emre Kara.

Welche Idee steckt hinter dem AktivA-Training? Seit wann gibt es das Projekt im Jobcenter Stuttgart?

Emre Kara: Das AktivA-Training ist ein ressourcenorientiertes Training, das die Gesundheit und die Handlungskompetenz der Teilnehmenden stärken sowie die eigene Initiative fördern soll. Wir versuchen, die Stärken und Ressourcen der Teilnehmenden zu erkennen und auf Basis derer ihre Motivation zu sichern. Deshalb passt es auch sehr gut zu den Netzwerken ABC, die es seit 2017 im Jobcenter Stuttgart gibt. Als Träger setzen wir die Netzwerke ABC mit zwei Maßnahmen um: Amina und Acqua. Bei Amina werden geflüchtete Menschen betreut, bei Acqua Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen - alles im Einzelcoaching. AktivA bietet uns die Möglichkeit, in Gruppensettings einen besonderen Blick auf die Gesundheit der Teilnehmenden zu lenken. Das AktivA-Training selbst wurde 2022 zum ersten Mal bei uns durchgeführt, und seitdem dreimal, sozusagen als Erprobungsphase. Ab nächstem Jahr soll es regulär viermal jährlich stattfinden. Insgesamt sind es aktuell 14 Mitarbeitende im Jobcenter Stuttgart, die bei einem externen Träger zu AktivA-Multiplikatorinnen und -Multiplikatoren geschult wurden. Bei der Schulung durchlaufen alle ein Training und erhalten dabei einen eigenen Eindruck, wie es ist, an AktivA teilzunehmen.

Wie genau laufen die AktivA-Trainings ab?

Emre Kara: AktivA wird als Gruppentraining zwei Wochen lang halbtags durchgeführt, viermal die Woche. Das macht es auch für die Teilnehmenden angenehm, weil sie nicht den ganzen Tag lang eingespannt sind, zumal auch die Inhalte recht umfangreich sind. Im Anschluss dieser zwei Wochen Training gibt es einen Thementag, an dem wir die durchschnittlich 12 Teilnehmenden über Förderleistungen des SGB II und III informieren. Da geht es dann beispielsweise um Gesundheitsprogramme der Krankenkassen oder um lokale Aktivitätsmöglichkeiten im Raum Stuttgart. Drei Monate nach dem AktivA-Training findet schließlich ein Reflexionstag statt. An diesem Tag können nochmal alle Teilnehmenden zu uns kommen und in der Gruppe ein Fazit ziehen: Wie geht es ihnen drei Monate später? Was hat sich verändert? Wir führen außerdem eine standardisierte Befragung durch, um das Training im Team auszuwerten und einen Blick auf die möglichen Auswirkungen zu werfen.

Welche Inhalte bietet das AktivA-Training?

Emre Kara: Das komplette Programm besteht aus vier Modulen, die sinnvoll aufeinander aufbauen. Es beginnt mit der Aktivitätenplanung. Als erwerbslose Person habe ich viel Zeit in der Woche - es geht also darum, zu schauen, wie ich diese Zeit sinnvoll nutzen und bestimmte Aktivitäten, wie zum Beispiel regelmäßige Spaziergänge oder wichtige Aufgaben, planen kann. Das Ziel ist es, eine Struktur im Alltag aufzubauen, um Aufgaben und Pläne in ein gutes Gleichgewicht zu bringen. Das zweite Modul beinhaltet konstruktives Denken. Gedanken können sehr viel beeinflussen, auch gesundheitlich. Hilft mir mein Denken bei der Verwirklichung meiner Wünsche oder ist es eher hinderlich? Schaffe ich es, bestimmte Situationen und Reaktionen neutral und objektiv zu bewerten und dadurch zu reflektieren? Beim dritten Modul werden die Sozialkompetenzen gestärkt. Wie baue ich soziale Beziehungen auf? Welche Möglichkeiten habe ich, neue Kontakte in meine Lebensphase der Erwerbslosigkeit zu integrieren? Wie setze ich meine Wünsche durch? Im vierten und letzten Modul wird schließlich das systematische Problemlösen anhand beispielhafter problematischer Situationen oder eigen festgelegter Ziele erprobt. Die AktivA-Trainings finden in Gruppenarbeit statt und beinhalten viele praktische Übungen, die im Alltag direkt angewendet werden können. Es ist also weniger ein Vortrag als ein interaktives Teilnehmen, und bisher hat das auch allen sehr viel Spaß gemacht.

Mit welchen gesundheitlichen Belastungen haben erwerbslose Menschen und Langzeitarbeitslose häufig zu kämpfen? Welche Rolle spielt dabei die psychische Gesundheit?

Emre Kara: Erwerbslosigkeit und psychische Gesundheit sind eng miteinander verknüpft. Arbeitslosigkeit und vor allem Langzeitarbeitslosigkeit beeinflussen in manchen Fällen die körperliche als auch die mentale Gesundheit stark. Das kann sich in Form von Stress, Angstzuständen und Depressionen zeigen, zu einem inaktiven Lebensstil führen und auch das Herz-Kreislauf-System belasten. Durch finanzielle Einschränkungen können die Menschen weniger auf ihre gesunde Ernährung achten. Sie kommen bei der medizinischen Versorgung häufig zu kurz, weil auch oftmals Plätze für die Psychotherapie, zum Beispiel auch in der eigenen Muttersprache, fehlen. Bei vielen führt die Arbeitslosigkeit auch zu sozialer Isolation, wenn sie den Arbeitsplatz verlieren und sich selbst abschotten, weil sie mit dem eigenen Selbstwertgefühl zu kämpfen haben. Schließlich ist der Arbeitsplatz bei uns in der Gesellschaft ein wichtiger Teil der Identität. (Langzeit-) Arbeitslosigkeit beeinflusst die Gesundheit also auf vielen verschiedenen Ebenen. Natürlich ist das individuell und bei manchen mehr, bei anderen weniger stark ausgeprägt. Studien, wie die GEDA-Studien des RKI, haben gezeigt, dass durch gesundheitliche Probleme nicht nur Arbeitslosigkeit entstehen kann, sondern dass auch umgekehrt Arbeitslosigkeit gesundheitliche Probleme hervorbringen oder diese noch verschlechtern kann.

Wie können die Inhalte des AktivA-Trainings dabei helfen, die Gesundheit der Teilnehmenden zu stärken?

Emre Kara: Wir können natürlich keine direkten Wirkungen messen. Die Ergebnisse von Befragungen und Gesprächen zeigen jedoch, dass die Teilnehmenden viel Spaß bei den Trainings hatten und sich danach selbst als aktiver im Alltag und gesundheitlich fitter einschätzen. Wir als Trainerinnen und Trainer haben beobachtet, dass bei vielen die Eigeninitiative und Motivation sehr stark angestiegen ist. Die Teilnehmenden haben sich stärker mit ihrer eigenen Situation auseinandergesetzt und auf Basis dessen Entscheidungen bewusster getroffen. Einige von ihnen haben eine Anstellung gefunden. Ich bin da immer etwas vorsichtig, eine direkte Verbindung zu ziehen, aber wir merken schon, dass das Training einen Effekt hat, und zwar auf verschiedenen Ebenen. Die Aktivitätenplanung hilft, dem Alltag eine Struktur zu geben. Das konstruktive Denken spricht die Psyche an. Das bedeutet, positiver denken und eigene Denkmuster erkennen, bevor sie ins Negative abrutschen. Der Aufbau von Sozialkompetenzen kann soziale Beziehungen festigen, was sich wiederum positiv auf die Psyche auswirkt.

Auf welche Resonanz stößt das Trainings-Angebot bei den Leistungsbeziehenden?

Emre Kara: Bisher ist in den Trainings immer eine gute Gruppendynamik entstanden. Die AktivA-Inhalte und das Gruppensetting führen dazu, dass sich die Teilnehmenden öffnen und auch Schwächen zeigen. Die Teilnehmenden sind sehr offen miteinander umgegangen, haben Kontakte genknüpft und sich gegenseitig unterstützt. Uns wurde oft mitgeteilt, dass die Arbeit in der größeren Gruppe viel Spaß macht. Bei vielen herrscht eine Scham aufgrund ihrer Situation, sodass sie sich kaum noch mit anderen Leuten treffen. Im Training konnten sich die Teilnehmenden gegenseitig stärken und auffangen und in einem geschützten Raum über ihre eigenen Erfahrungen erzählen. Dieser Austausch bedeutet auch uns Mitarbeitende viel. Natürlich begegnen wir den Leistungsbeziehenden in den Beratungsgesprächen auf Augenhöhe, aber in der Gruppe ist die Dynamik nochmal eine andere.

Gibt es Erfolgsgeschichten aus dem AktivA-Training, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Emre Kara: Die Geschichte einer Teilnehmerin hat mich zum Nachdenken gebracht, auch wenn es nicht die typische Erfolgsgeschichte ist. Eine jüngere Teilnehmerin, die gesundheitliche Probleme hatte und davor kaum zu erreichen war, konnte sich beim Training nur schwer öffnen. Im Nachgang hat sie dann ziemlich schnell eine Arbeitsstelle gefunden. Im Coaching hat sie anschließend erzählt, dass ihr während des Trainings der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bewusstgeworden wäre, in diesem Beispiel wie das Jobcenter sie von außen sähe und dass sie selbst ein ganz anderes Verständnis von sich selbst hätte. Das hätte ihr wohl ein anderes Bewusstsein und eine reflektierte Einschätzung ihrer Situation gegeben. Sie selbst wollte anschließend nicht mehr als Langzeitarbeitslose eingeordnet werden. Insgesamt ermutigt es uns auch, zu sehen, wie die Teilnehmenden sich untereinander vernetzen und unterstützen und zum Teil sogar freundschaftliche Kontakte knüpfen.

Können die Inhalte des Trainings womöglich auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Jobcenter-Mitarbeitenden haben?

Emre Kara: Auf jeden Fall. Das Konzept von AktivA ist nicht auf eine Gruppe beschränkt, sondern für jeden Menschen sinnvoll. Gerade weil wir als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren das Training selbst durchlaufen haben, konnten wir die Inhalte auch im eigenen Alltag oder bei der Arbeit anwenden. Beispielsweise das systematische Problemlösen mit Hilfe des SMART-Modells hilft uns dabei, Ziele klar und konkret zu formulieren und umzusetzen. So können Aufgaben strukturierter angegangen werden. Generell ist die Selbstreflexion, die im Training erlernt wird, auch im persönlichen Alltag und bei der Bewältigung von Stresssituationen hilfreich.

Welche Möglichkeiten bieten Ihnen die Netzwerke ABC in Ihrem Jobcenter?

Emre Kara: Als zertifizierter Träger werden die Netzwerke ABC bei uns im Jobcenter Stuttgart als Maßnahme umgesetzt. Das heißt, wir haben die Möglichkeit, auch außerhalb von Bereichen der persönlichen Ansprechpartnerinnen und-partner oder der Leistungsgewährung neue Ideen und Konzepte zu erproben. Wir sind eine Art Innovationszentrum im Jobcenter, denn das Konzept ist sehr offen und kann mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden. In Projekten zum Thema gesellschaftlicher Teilhabe und anderen Netzwerk-Projekten können wir verschiedene Ideen aktiv voranbringen. Daran anknüpfend haben wir für das nächste Jahr auch ein Bewerbungscenter geplant, bei dem die Teilnehmenden Vorstellungsgespräche üben und gemeinsam mit uns Bewerbungen schreiben können. Hier können sie ihre neu erworbenen Kompetenzen direkt nutzen. Auch Betriebsbesichtigungen und Arbeitgeber-Speed-Datings möchten wir demnächst umsetzen. Das AktivA-Training bietet eine gute Ergänzung zum Leitgedanken der Netzwerke ABC, da mehrere Komponenten (Gesundheit, Eigeninitiative, Handlungskompetenz) verbunden werden.

Das AktivA-Training wird seit 2022 im Jobcenter Stuttgart umgesetzt. Sollten Sie Fragen dazu haben oder sich austauschen wollen, melden Sie sich gerne direkt bei Emre Kara.

Steckbrief

  • Standort: Jobcenter Stuttgart
  • Organisationsform: zugelassener kommunaler Träger
  • Anzahl der Beschäftigten: über 600
  • Anzahl der Leistungsbeziehenden: rund 41.000