Raffaele Gianni postet auf LinkedIn Einblicke aus seinem Arbeitsalltag in der Bundestagsverwaltung. Im Frühjahr 2026 entscheidet er sich, etwas sehr Persönliches zu teilen. Weil er meint, es sollte sich gar nicht so „persönlich“, so „geheim“ anfühlen müssen: „Ich bin ein Hartz-IV-Kind.“ Es ist sein erfolgreichster Post. Die Resonanz ist groß und unterstützend – auch von Jobcenter-Mitarbeitenden. Gianni ist jemand, dessen Kindheit von Entscheidungen des Jobcenters geprägt war. Heute arbeitet er selbst im öffentlichen Dienst.
Wie er auf die Jobcenter blickt? Da ist kein Groll – aber Vorschläge.
Möglichmacher oder Tag-Verderber
Dass da weniger Geld ist als in anderen Familien, hat Gianni im ständigen Abwägen gemerkt: Ob etwas möglich ist. Sollte man danach fragen? Oder lieber nicht? Da war immer zuerst in meinem Kopf: ‚Wie fühlt meine Mutter sich, wenn ich mir das jetzt wünsche‘?
Wie sich seine Mutter dabei fühlt, hing immer auch am Jobcenter. Das hat Gianni früh verstanden. „Möglichmacher“ oder „Tag-Verderber“ – in seiner Kindheit konnte das Jobcenter beides sein.
Möglichmacher dann, wenn Dinge einfach gingen: Schulhefte, Klassenfahrten. Noch wichtiger aber: Die wichtigste positive Erinnerung an das Jobcenter ist: Da kommt Geld her – verlässlich. Und damit können wir unsere Miete bezahlen und Essen kaufen
, berichtet der 23-Jährige. Wie es ist, wenn das nicht passiert, haben Gianni, seine Mutter und seine ältere Schwester nämlich auch erlebt. In meiner Jugend gab es eine mehrjährige Phase, in der die Leistungen für unsere Familie ausgesetzt wurden. Das war mein größter Vertrauensbruch mit dem Jobcenter.
Eine Sprache, die verunsichert
Schwierig war es manchmal aber auch schon auf Alltagsebene. Diese Schreiben mit Paragraphen ohne Erklärung – das ist total verunsichernd. Man hat immer sofort das Gefühl, man hat etwas falsch gemacht.
Oder falsch verstanden. So auch am Telefon. Dann wurde der Hörer an ihn weitergereicht. Meine Mutter versteht fließend Deutsch, das war nicht das Problem. Sie hat nicht verstanden, was gemeint war. Die Jobcenter-Mitarbeitenden haben mir dann alles erklärt. Ich musste es verstehen, weitergeben. Das ist zu viel Verantwortung für einen Jugendlichen.
In diesen Momenten hätte es ein Weiterdenken gebraucht, eine Grenzziehung – auch von den Menschen aus dem Jobcenter, findet Gianni. Darauf kommt Gianni immer wieder zurück: Es geht nicht um die Entscheidungen per se, es geht um den Umgang, um Sprache, Erklärung und der Blick auf die familiäre Situation – besonders dann, wenn Kinder unausgesprochen Verantwortung übernehmen.
Vorwurfsvoll klingt er dabei nicht. Ich verstehe, wie hart der Job ist, vor welchen großen Herausforderungen die Mitarbeitenden stehen. Und wie viel mehr sie leisten, als ihr eigentliches Aufgabenprofil vielleicht abzeichnet.
Es muss Zeit für Erklärungen geben
Heute bezieht Giannis Mutter weiterhin Grundsicherung. Dabei erlebt Gianni, was sich verändert, wenn Jobcenter stärker begleiten. Meine Mutter ist nun bei einem Team des Jobcenters, das mehr Ressourcen zur Verfügung hat. Es gibt mehr Zeit für Gespräche, fürs Zuhören. Sie wurde dort sogar zu einer Weihnachtsfeier eingeladen.
Die Wirkung ist spürbar. Die Angst vor dem Jobcenter schwindet.
Auch Gianni prägen die vergangenen Erfahrungen: Ich habe ein sehr hohes Verantwortungsgefühl im Job. Ich bin nun auch im öffentlichen Dienst und will hier etwas bewegen – mit meinen Erfahrungen von damals. Mir ist wichtig, dass wir den Menschen die Berührungsängste nehmen und Vertrauen aufbauen. Ich möchte dazu beitragen, dass der Kontakt zu einer staatlichen Institution wie dem Bundestag mit positiven Erfahrungen verbunden wird, die man gerne im Gedächtnis behält.
Das ist eine seiner Botschaften: Jobcenter-Mitarbeitende sollten bei allen Entscheidungen im Hinterkopf behalten: Da hängen oft auch Kinder dran. Kleinigkeiten können große Auswirkungen haben.
Dabei driftet er lieber in Positiv-Beispiele: Die Zeit, in der wir ohne Leistungen auskommen mussten – da ist damals etwas falsch gelaufen.
Jahre später habe der ehemalige Geschäftsführer des Jobcenters Giannis Mutter zufällig getroffen, sich an sie erinnert – und anerkannt, was falsch gelaufen ist, Bedauern geäußert. Das war unglaublich wichtig für meine Mutter und mich.
Entscheidend ist immer, wie der direkte Kontakt läuft
Aus seinen Erfahrungen leitet Gianni keine Forderungen ab, sondern Hinweise für die Praxis. Er macht deutlich, wie viel schon kleine Dinge verändern können: verständliche Sprache, die ein „Wir“ forciert; Anerkennung für kleine Erfolge; ein Blick dafür, wenn Kinder Verantwortung übernehmen, ohne dass es jemand bemerkt. Es geht nicht darum, Regeln aufzuweichen
, sagt er. Sondern darum, mitzudenken, wie sie ankommen. Sie richtig zu vermitteln, auch wenn das im Arbeitsalltag manchmal schwer ist.
Für Gianni steht fest: Jobcenter können Möglichmacher sein – und sie prägen das Leben oft weit über den einzelnen Termin hinaus. Nicht nur durch ihren allgemeinen Auftrag, sondern durch Sprache, Haltung und das Mitdenken der Lebensrealität von Familien. Gerade Kinder spüren diese Wirkung früh und tragen sie weiter.
Neugierig geworden?
Im Praxisblick erzählen wir mehr spannende Geschichten über die Wirkung verständlicher Sprache im Verwaltungsalltag, zum Beispiel in unserem Interview mit Sprachwissenschaftler Dr. Steffen Eckhardt.
Mit unserem Newsletter verpassen Sie keine Artikel oder Veranstaltungen mehr. Jetzt anmelden!