Frau Herrnsdorf, Sie sind seit April Amtsleiterin des kommunalen Jobcenters Landkreis Bautzen. Was reizt Sie an dieser Aufgabe besonders?
Nadin Herrnsdorf: Die Aufgabe, Menschen in herausfordernden Lebenslagen zu unterstützen, ihren Weg zurück in Beschäftigung zu finden, ist für mich nicht nur Beruf, sondern Herzensangelegenheit. Nach über 25 Jahren Erfahrung in der Arbeitsvermittlung und -verwaltung sehe ich, wie wichtig eine gute Balance zwischen professioneller Beratung, Verlässlichkeit und praktischer Lösungsorientierung ist. Gemeinsam mit meinem Team konkrete Perspektiven für Menschen im Landkreis Bautzen zu schaffen, motiviert mich jeden Tag.
Sie möchten neue Wege in der Vermittlung gehen – auch für Menschen mit besonderen Lebenslagen. Was genau planen Sie?
Nadin Herrnsdorf: Viele Menschen, die Leistungen vom Jobcenter beziehen, bringen komplexe Problemlagen mit – etwa fehlende Abschlüsse oder Mobilitätsprobleme. Standardverfahren reichen oft nicht aus. Wir setzen daher auf individuelle Förderstrategien, die längerfristig wirken und auf die jeweilige Lebensrealität abgestimmt sind. Wichtig ist mir dabei, nicht aufzugeben, sondern auch Umwege in Kauf zu nehmen und immer wieder neue Chancen aufzuzeigen – sei es durch Qualifizierung, Projektarbeit oder Kooperationen mit sozialen Trägern.
Jeder Mensch hat Potenzial – unsere Aufgabe ist es, dieses gemeinsam sichtbar zu machen.
Können Sie ein Beispiel nennen, wie neue Beschäftigungsmöglichkeiten in Ihrem Landkreis konkret aussehen können?
Nadin Herrnsdorf: Der Landkreis Bautzen verfügt über einen vielfältigen Branchenmix – insbesondere in Industrie, Handwerk, Logistik und Pflege gibt es einen hohen Fach- und Arbeitskräftebedarf. Wir entwickeln unsere Vermittlungsformate stetig weiter, um auch Betriebe zu erreichen, die bereit sind, mit Menschen zu arbeiten, die nicht über alle formalen Qualifikationen oder perfekten Sprachkenntnisse verfügen. In enger Abstimmung mit Unternehmen, Kammern und Bildungsträgern setzen wir auf arbeitsplatznahe Qualifizierung, Sprachförderung im Betrieb und begleitende Betreuung. Der Weg führt weg von pauschalen Maßnahmen hin zu individuellen Integrationspfaden, die auf den konkreten Arbeitsplatz hinführen. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten ist es wichtig, vorhandene Potenziale zu nutzen – besonders auch für Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund. Wenn wir diese Potenziale richtig erschließen, profitieren Unternehmen, Region und die Menschen selbst.
Welche Schritte haben Sie bereits angestoßen, um das Jobcenter digitaler aufzustellen?
Nadin Herrnsdorf: Wir haben begonnen, digitale Verfahren in der Antragstellung und bei der Übermittlung von Unterlagen zu etablieren. Bürgerinnen und Bürger sollen künftig ihre Unterlagen direkt per QR-Code beim Jobcenter hochladen können, die dann automatisch in der persönlichen elektronischen Akte der Leistungsberechtigten abgelegt werden. Das reduziert Wartezeiten und erleichtert die Bearbeitung. Erste Tests laufen bereits, und ich bin zuversichtlich, dass wir unser digitales Kontaktformular Anfang 2026 flächendeckend einführen können. Ab Dezember 2025 startet zudem der digitale Bürgerservice LISA, der in zwei Städten Videoberatung mit den sozialen Behörden ermöglicht. Mein Ziel ist es, digitale Angebote und persönliche Beratung sinnvoll zu verzahnen, ohne Menschen auszuschließen, die noch Unterstützung im digitalen Umgang brauchen.
Auch die Zusammenarbeit mit anderen sozialen Akteuren ist zentral für die Arbeit im Jobcenter. Wie wollen Sie diese Kooperationen weiterentwickeln?
Nadin Herrnsdorf: Die Herausforderungen wie Fachkräftesicherung oder Strukturwandel können wir nur gemeinsam mit anderen sozialen Akteuren bewältigen. Ich wünsche mir eine noch engere Zusammenarbeit mit Bildungsträgern, Jugendhilfe, Ehrenamt und Integrationsdiensten. Wir sollten den Blick über unseren eigenen Tellerrand hinauswagen und gemeinsame Projekte initiieren, auch mithilfe von Drittmitteln. Seit 2024 arbeiten wir bereits eng mit den sozialen Ämtern im Landkreis Bautzen innerhalb eines Dezernats zusammen. So gelingen ein zielorientierter Austausch und ein gemeinsamer Blick auf die Bedarfe unserer Bürgerinnen und Bürger.
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