Barrierefreiheit, Geduld und Teamgeist: Wie eine Rollstuhlnutzerin ihren Platz im Arbeitsleben fand – und warum diese Geschichte Menschen mit Behinderung und Jobcenter-Mitarbeitenden Mut macht.
„Geht nicht, gibt’s nicht – das ist mein Motto.“
Nathalie Klingbeil, Mitarbeiterin in der Flüchtlingsbetreuung:
Ich bin 43 Jahre alt und seit meiner Geburt auf einen Rollstuhl angewiesen. Das prägt mein Leben – und meinen Weg in Arbeit. 15 Jahre lang habe ich versucht, eine barrierefreie Stelle zu finden. Ich wollte die Chance, Verantwortung zu übernehmen. Nach meiner Schulzeit habe ich mit Anfang 20 eine Ausbildung als Bürofachhelferin angefangen und erfolgreich abgeschlossen. Anschließend arbeitete ich ein Jahr in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, fühlte mich aber nicht ausreichend gefordert. Ich wollte mehr bewegen! Also verabschiedete ich mich dort Anfang 2016, um etwas Geeigneteres zu finden.
Die Realität war ernüchternd: Viele Türen blieben verschlossen – entweder weil Gebäude nicht zugänglich waren oder Arbeitgeber Vorbehalte hatten. Die Zeit ohne Arbeit war hart. Mir fehlte das Gefühl, gebraucht zu werden. Das war das Schwerste. Als ich 2020 Kontakt zum Jobcenter Main-Kinzig-Kreis bekam, war ich skeptisch. Noch ein Versuch – würde er scheitern, wie die anderen? Doch die Gespräche mit meiner Fallmanagerin Frau Hussong im Jobcenter waren anders: wertschätzend, ehrlich, lösungsorientiert. Wir haben gemeinsam überlegt, wie ich Hindernisse überwinden kann. Die Übernahme der Fahrdienstkosten war ein wichtiger Schritt. Und das Coaching hat mir geholfen, meine Stärken klar zu sehen und dranzubleiben.
Der erste große Hoffnungsschimmer war ein Praktikum bei der Stadt Bad Orb Anfang Mai 2023. Endlich durfte ich zeigen, was ich kann. Danach kam die Festanstellung. Das war für mich wie ein Befreiungsschlag: Endlich eine Aufgabe, die Sinn stiftet und mich stolz macht.
Heute arbeite ich in der Flüchtlingsbetreuung. Ich kontiere Rechnungen, bearbeite Anliegen und habe viel direkten Kontakt mit Menschen. Genau das wollte ich: Verantwortung übernehmen und helfen. Geht nicht, gibt’s nicht – das ist mein Motto. Mein Rat an andere: Nicht aufgeben. Es lohnt sich, dranzubleiben, für sich einzustehen und Unterstützung anzunehmen.
„Nie den Mut verlieren – auch wenn es lange dauert.“
Ruzica Hussong, Sozialer Arbeitsmarkt-Coachin (SAM-Coachin) im kommunalen Jobcenter Main-Kinzig-Kreis:
Ich bin Fallmanagerin, Arbeitsvermittlerin und Coachin zugleich und habe daher besondere Möglichkeiten, Menschen zu unterstützen. Als ich Frau Klingbeil im Oktober 2020 kennenlernte, war mir sofort klar: Die Vermittlung würde schwierig. Ein Elektro-Rollstuhl bedeutet besondere Anforderungen an Arbeitsplätze – mehr Platz, barrierefreie Toiletten, Fahrdienste. Wir schrieben verschiedene Arbeitgeber an und kommunizierten offen, was gebraucht wird. Viele winkten ab, sobald sie davon hörten. Das war frustrierend, für Frau Klingbeil und für uns. Aber wir haben nicht aufgegeben.
Nach über einem Jahr mussten wir Frau Klingbeil aus dem Bereich Sozialer Arbeitsmarkt herausnehmen – das ist unsere Einheit für besonders intensive Betreuung – und ins Regel-Fallmanagement übergeben, also in die normale Betreuung im Jobcenter. Aber wir blieben am Ball. Sie schickte uns Stellenangebote, wir erstellten Bewerbungsprofile und hielten Kontakt.
Der entscheidende Wendepunkt kam, als die Stadt Bad Orb ein Praktikum ermöglichte – und dafür sogar die sanitären Anlagen anpasste. Das war keine Selbstverständlichkeit. Mehrfach verschob sich der Start, weil Umbauten nötig waren. Aber die Stadt blieb dran, und wir auch. Das Praktikum war der Türöffner: Frau Klingbeil konnte endlich zeigen, wie motiviert und kompetent sie ist. Und schnell war klar: Sie gehört ins Team.
Um den Start in ihr neues Arbeitsleben zu erleichtern, nutzten wir Fördermöglichkeiten nach § 16i SGB II: Diese umfassen bis zu 100 Prozent Lohnkostenzuschuss in den ersten beiden Jahren und dazu ein Budget für Weiterbildung. Diese Instrumente sind wichtig, aber noch wichtiger ist die Haltung: nicht aufgeben, kreativ bleiben, Lösungen suchen. Für mich beweist die Geschichte von Frau Klingbeil: Nie den Mut verlieren – auch wenn es lange dauert. Es lohnt sich, auch bei komplexen Fällen dranzubleiben. Kolleginnen und Kollegen rate ich: Holt euch Rückhalt im Team, nutzt kollegiale Fallberatung – und gebt die Zuversicht an die arbeitssuchenden Menschen, die ihr betreut, weiter.
„Frau Klingbeils Energie steckt an. Sie tut unserem Team unheimlich gut.“
Mirja Jacobsen, Flüchtlingsbetreuung in der Stadt Bad Orb:
Die Einarbeitung von Frau Klingbeil war unkompliziert, aber nicht völlig ohne Herausforderungen. Natürlich gab es Momente, in denen wir uns gefragt haben: Klappt das mit der Technik? Reichen die baulichen Anpassungen wirklich aus? Zum Beispiel mussten wir sicherstellen, dass sich Arbeitswege und das Büro für den Elektro-Rollstuhl eignen. Auch die Abstimmung mit dem Fahrdienst – damit Frau Klingbeil pünktlich gebracht und abgeholt wird – war neu für uns.
Was mich beeindruckt hat: Frau Klingbeil geht offen mit solchen Themen um. Wenn etwas nicht funktioniert, sucht sie sofort nach Lösungen – und wir gemeinsam mit ihr. Diese Haltung hat uns als Team gestärkt. Fachlich hat sie sich schnell eingearbeitet. Sie strukturiert Aufgaben klug und bringt frische Perspektiven ein. Menschlich ist sie eine Bereicherung: Wir lachen viel miteinander, geben uns ehrliches Feedback und können uns aufeinander verlassen.
Heute ist klar: Die anfänglichen Fragen waren kein Hindernis, sondern eine Chance, gemeinsam besser zu werden. Frau Klingbeils Energie steckt an. Sie tut unserem Team unglaublich gut.
Sie wollen mehr über die Erfolgsgeschichte wissen?
Ein kurzes Video vermittelt einen Eindruck von Nathalie Klingbeil an ihrem neuen Arbeitsplatz.
Barrierefreiheit & Förderungen als Schlüssel zum Erfolg
Worauf es bei der Vermittlung von Menschen mit Behinderungen ankommt ist dreierlei:
- Früh klären: Welche baulichen Anforderungen gibt es und sind Anpassungen nötig?
- Offen kommunizieren: Arbeitgeber über Fördermöglichkeiten informieren.
- Mögliche Förderungen prüfen, zum Beispiel:
- § 16e SGB II: Kurzfristige Förderung – bis zu 75 % Lohnkostenzuschuss im 1. Jahr.
- § 16i SGB II: Langfristige Förderung – bis zu 100 % Zuschuss in den ersten beiden Jahren, plus Weiterbildungsbudget von 3.000 Euro.
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