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Flucht

„Ich habe selbst erlebt, was die Kunden durchmachen“

Die ZAF in Bremen ist ein Jobcenter im Jobcenter – speziell für geflüchtete Leistungsberechtigte. Ganz bewusst gibt es dort Mitarbeitende, die keine deutschen Muttersprachler sind.

Fadi Issa flüchtete selbst aus Syrien. Jetzt ist er Arbeitsvermittler im Jobcenter Bremen.

Fadi Issa hatte schon als Kind eine Leidenschaft fürs Bauen. Sein Traum: neue Häuser konstruieren. Deshalb studierte er Bauingenieurwesen. Doch der Bürgerkrieg erschütterte Syrien. 2015 musste Issa seine Heimat verlassen und ein neues Leben beginnen. Das, was er heute in Bremen baut, ist größer als jedes Haus: Issa hilft im Jobcenter, ganze Leben neu aufzubauen – als Mitarbeiter speziell für Geflüchtete. Und so kümmert sich der Bauingenieur aus Damaskus um die Zukunft jener Menschen, die eine ebenso bewegte Biografie haben wie er selbst.

Issa arbeitet seit 2018 im Jobcenter Bremen. Dort gibt es seit der großen Flüchtlingsbewegung 2015/2016 eine ganz besondere Abteilung: die Zentrale Anlaufstelle Flüchtlinge (ZAF). Es ist eine Art kleines Jobcenter innerhalb des Jobcenters, mit eigener Eingangszone und eigenem Vermittlungsteam speziell für Geflüchtete.

Zwei Jahre vor seinem ersten Arbeitstag in der ZAF saß Issa selbst in einem Schlauchboot, um von der Türkei aus in die EU zu gelangen. Er durchquerte Griechenland zu Fuß, kam über Zwischenstationen nach Rostock. Dort besuchte er zwar nie einen Sprachkurs, lernte aber schnell Deutsch durch Sprechen – die vierte Sprache nach Arabisch, Englisch und Französisch. Sein Vermittler im Jobcenter fragte damals, ob er nicht Dolmetscher im Jobcenter werden wolle. Issa informierte sich, bewarb sich initiativ auf einen Job in der Eingangszone, da dort Arabischkenntnisse gesucht wurden, und bekam den Job.

Aus Rostock wechselte er nach Bremen zur ZAF. Eine Besonderheit sind dort nicht nur die Leistungsberechtigten, sondern ebenso die Mitarbeitenden: Einige sprechen Türkisch, Albanisch, Arabisch und Englisch. Und die deutschen Muttersprachler*innen arbeiten täglich Hand in Hand mit Sprachmittler*innen. Sie sind externe Kräfte, aber eng eingebunden. Sie helfen unter anderem bei der Verständigung auf Persisch und Kurdisch.

Das kulturelle Verständnis sei ebenso wichtig wie das sprachliche, sagt Issa. Das fange schon bei der Behörde Jobcenter an. „In Syrien gibt es nichts Vergleichbares. Es gibt ein Büro für Stellenvermittlung. Aber wer keine Arbeit hat, bekommt kein Geld“, sagt er. So ergeben sich grundlegende Missverständnisse. „Es saßen schon Flüchtlinge vor mir, die glaubten, das Geld vom Jobcenter sei ein Gehalt vom Staat. Dass jeder in Deutschland einfach so Geld bekomme.“ Wer die Situation in Syrien nicht kennt, vermutet womöglich böse Absichten bei den Menschen. Doch viele Geflüchtete fremdeln lediglich mit dem System. In solchen Situationen sei es einfacher, auf Arabisch das Prinzip des Sozialstaates zu erläutern, sagt Issa.

„Sprache ist hier bei uns das zentrale Thema, denn die meisten Kundinnen und Kunden sprechen gar kein oder kaum Deutsch“, sagt Volker Buurman. Er leitet die Arbeitsvermittlung in der ZAF und ist Mitarbeiter der ersten Stunde. Mit den Sprachmittler*innen arbeitet er täglich: „Wenn ich ein Schreiben rausschicke, lasse ich das vorher übersetzen – das funktioniert spontan auf Zuruf“, sagt er. „Und für jedes Erstgespräch hole ich sowieso direkt unsere Sprachmittler*innen dazu.“ Durch die sprachliche Barriere dauere die Arbeit länger. Deshalb betreuen Buurman und seine 15 Mitarbeitenden jeweils 200 Leistungsberechtigte statt wie üblich 250. Eine solche Entlastung habe es für die Kolleg*innen im Leistungsbereich nie gegeben. Buurman verschweigt nicht, dass sich dies als Problem herausstellte. Immer wieder stauten sich Anträge und Nachfragen. „Auch im Leistungsbereich ist die Arbeit aufwendiger, weil die Geflüchteten mehr Beratung brauchen“, sagt Buurman. Deshalb verlagert das Jobcenter Bremen aktuell die Bearbeitung von Leistungen von der ZAF in andere Geschäftsstellen, um die Arbeit neu zu organisieren.

Volker Buurmann baute die ZAF mit auf – und liebt die Arbeit mit den Geflüchteten.

2021 war ein bewegtes Jahr, nicht nur aufgrund der Pandemie. Die ZAF wuchs innerhalb eines Jahres von 1.800 auf 2.700 Leistungsberechtigte – und erwartet mit einem Blick auf Afghanistan und andere Krisenherde keine Trendumkehr. In die ZAF kommen jene Geflüchtete, denen gerade Asyl gewährt wurde und die deshalb neu leistungsberechtigt im SGB II sind. Doch auch eine andere Zahl prägte 2021: Im ersten Halbjahr schafften es 186 Geflüchtete in sozialversicherungspflichtige Arbeit. Die ZAF verdoppelte ihre Integrationsquote. „Eine Krise wegen Corona haben wir nicht erlebt“, sagt Buurman.

Wie kommt das? Die meisten Geflüchteten wollen arbeiten und lassen sich leicht aktivieren. Würde die Teilnahme am Integrationskurs mitzählen, würde die ZAF mit ihrer Aktivierungsquote „durch die Decke gehen“, berichtet Buurman. „Unsere Kunden haben ein großes Vertrauen in deutsche Behörden, sie arbeiten mit und gehen auf unsere Vorschläge ein. Wir müssen sehr selten mit Sanktionen arbeiten.“ Hinzu komme, dass die meisten sehr gut telefonisch, per E-Mail oder Videoberatung zu erreichen sind – ein großes Plus in der Coronazeit.

Die digitalen Kontaktwege eröffnen viele Möglichkeiten: Als ein großer Onlinehändler ein neues Logistikzentrum bei Bremen eröffnete, schickte Buurman ein Angebot per E-Mail an mehrere hundert Leistungsberechtigte in der ZAF mit Deutschkenntnissen. Das Ergebnis: Viele bekamen einen Job. „Das war vielleicht nicht der Standardweg. Aber es hat funktioniert – wir haben viele Menschen in Arbeit gebracht“, sagt Buurman. „Wir machen hier einen tollen Job!“

Fadi Issa hat sich in der ZAF schnell weiterentwickelt. Zunächst war er in der Allgemeinen Arbeitsvermittlung tätig, dann in der Ausbildungsvermittlung. Seit Juli 2021 betreut er Geflüchtete in der Jugendberufsagentur im Bremer Jobcenter. Sein kulturelles Verständnis ist auch dort ein Gewinn: Warum lehnt so mancher Geflüchtete eine Ausbildung ab? Grund sei häufig der Erwartungsdruck, weiß Issa. Viele Geflüchtete wollten schnell mehr Geld verdienen, um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen.

Issa versucht – früher in der ZAF und heute in der Ausbildungsvermittlung – stets Distanz und Mitgefühl gleich zu gewichten. Um Distanz zu wahren, spricht er wenn möglich Deutsch – auch mit anderen Syrern. Zugleich erinnern ihn viele Menschen an seinen eigenen Werdegang: „Ich habe selbst erlebt, was die Kunden durchmachen“, sagt er. „Ich kenne die Angst, wenn zum Beispiel eine Rechnung kommt, die man nicht versteht.“ Diese persönliche Erfahrung sei immer wieder Motivation. Issa erinnert sich an eine Situation, in der eine geflüchtete Mutter verzweifelt um Milch für ihr Baby bat. „Da kann man nicht nach Hause gehen und ruhig schlafen. In solchen Fällen bleiben wir so lange im Jobcenter, bis wir einen Gutschein ausgeben oder eine Barauszahlung stellen können.“