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Startseite der Servicestelle SGB II Praxisblick „Die Menschen wollen nicht arbeitslos sein.“

„Die Menschen wollen nicht arbeitslos sein.“

Wie die Druckerei Sachsendruck mit Hilfe des Jobcenters Vogtland neue Fachkräfte findet – ein Interview mit Geschäftsführer Ralf Fischer.

Ob „Bobo Siebenschläfer“ oder „Gute Nacht, Gorilla“ – das Plauener Traditionsunternehmen SDP Sachsendruck hat einige der beliebtesten Kinder- und Pappbilderbücher Deutschlands produziert. Damit das auch in Zukunft gelingt, braucht die Druckerei Fachkräfte. Diese findet sie nun durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Vogtland.

Herr Fischer, der viel zitierte Fachkräftebedarf ist …

Ralf Fischer: Auch bei uns angekommen. Viele unserer Fachkräfte gehen jetzt in Rente. Das hinterlässt ein richtiges Loch. Dadurch merken wir den demographischen Wandel sehr. Aber: Uns gibt es seit 1643. Wir haben schon viele Krisen überstanden. Wir bieten also Sicherheit und Stabilität als Arbeitgeber. Jeder Zweite in unserer Stadt hat irgendwie mit uns zu tun. Und was wir machen, ist in Deutschland einmalig. Das wollen wir potenziellen Bewerbenden aufzeigen.

Welche Stellen betrifft das besonders bei Sachsendruck?

Ralf Fischer: Zum einen Medientechnologie Druckverarbeitung ehemals Buchbinder und Medientechnologie Druck, einst Drucker – Berufszweige, die eine dreijährige Ausbildung erfordern. Menschen, die wissen, wie ein Buch aussieht, die sich mit Formaten, Seitenzahlen und Laufrichtungen auskennen. Darüber hinaus Anlagenführer – diese riesigen Maschinen zu steuern und die Zusammenhänge zu verstehen, ist herausfordernd. Alles Berufe, die heute nicht so leicht Nachwuchs finden. Deshalb müssen wir auch Leute aus fremden Berufen einstellen und ihnen die Arbeit mit Papier beibringen.

Welche Eigenschaften und Fähigkeiten suchen Sie in Bewerbenden?

Ralf Fischer: Pünktlichkeit, Sprachkenntnisse, gutes Auftreten und ein kollegiales Miteinander. Bewerbende, die diese Voraussetzungen erfüllen, kommen in Frage. Besonders die Arbeit im Team ist bei uns sehr wichtig. Außerdem legen wir Wert auf Qualitätsbewusstsein, sich führen lassen, eigene Ideen mitbringen und innovativ sein. Wenn man all diese Parameter betrachtet, dann wird es schon sehr mau, was der Arbeitsmarkt aktuell auf uns loslässt.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Suche nach neuen Arbeitskräften?

Ralf Fischer: Unsere Lohnstruktur spielt eine Rolle – die ist nicht vergleichbar mit den hohen Lohnbereichen manch anderer Industrien. Zudem ist es sehr wichtig, Bewerbungsgespräche vorausschauend zu führen und zu prüfen, ob die Leute ehrlich sind: Sind sie stabil? Oder gibt es zum Beispiel Suchterkrankungen? Das hätte ich nie gedacht, dass wir auf so etwas achten müssen. Das war vor 30 Jahren gar kein Thema. Aber heute ist es leider eines.

Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen und Veränderungen?

Ralf Fischer: Wir verbringen mehr Zeit mit der Führung und Förderung der Mitarbeitenden. Die Personalabteilung tauscht sich permanent mit den Teams, Führungskräften und Teamleitern aus. Dabei geht es auch darum, für Stabilität zu sorgen. Wir versuchen uns immer zu helfen – und bei Bedarf kontaktieren wir Beratungsstellen. Wir sind auch Teil eines großen Netzwerks von Druckerinnen und Druckern. Da tauschen wir uns untereinander aus: Was macht der andere beim Thema Personal? Was für Themen haben die? Wie gehen wir damit um? Die Anforderungen an uns Arbeitgebende im Umgang mit Personal sind heute völlig anders. Das ist wie ein Paket, das man mit jedem neuen Mitarbeitenden neu schnüren muss.

Wie ist die Beziehung zum Jobcenter Vogtland entstanden und welche Unterstützung erhalten Sie?

Ralf Fischer: In unserer Personalabteilung arbeiten zwei super Mitarbeiterinnen. Sie sind auf das Jobcenter zugegangen. Dann sprachen wir zunächst mit den Mitarbeitenden von Jobcenter und Arbeitgeberservice und lernten uns kennen. Denn: Es hängt ja auch mit dem Menschlichen zusammen – kommt man miteinander klar? In diesem Austausch entstand die Idee des Bewerbertags. Von der Vorbereitung, wie die Veranstaltung geführt wurde, dem Support vor Ort, über die Nachbereitung, die Arbeitsverträge und wie die Gespräche geführt wurden. Da wurden unsere Wunschvorstellungen umgesetzt, auch was den Umgang mit den Anforderungen potenzieller Bewerbender angeht. So wünscht man sich das als Arbeitgeber.

Wie groß war das Interesse am Bewerbertag?

Ralf Fischer: Es gibt auf uns sonst keinen ‚Run‘ an Bewerbungen. Aber beim Bewerbertag kamen tatsächlich 16 von 23 angemeldeten Personen. Wenn wir wissen, dass so viele kommen, sind wir motiviert. Dann nimmst du dir richtig Zeit für vier oder fünf Stunden. Und das ist auch ein Signal ans Haus. Wir erhalten immer Hinweise aus den Teams: ‚Wir brauchen hier Nachwuchs.‘ 16 Teilnehmende beim Bewerbertag – das ist schon ein Zeichen an die Mannschaft.

Wie verlief der Bewerbertag?

Ralf Fischer: Wir luden die Bewerbenden in unseren ehemaligen Speisesaal ein. Hier haben wir uns vorgestellt und es kam zu einem ersten Austausch. Dann gab es eine Betriebsführung. Maschinen- und Anlageführer, Bundverarbeitung, Drucker, usw. konnten ihre Arbeit zeigen und Bewerbende stellten im Nachgang Fragen zu unserer Firma, zur Arbeitszeit oder der Entlohnung. Die wussten ja gar nicht, was wir machen. Mir war sehr wichtig bei diesen Gesprächen dabei zu sein, weil ich wissen wollte, wie die Bewerbenden uns als Unternehmen sehen und ob sie sich die Arbeit vorstellen könnten.

Welche Rolle hat das Jobcenter bei der Veranstaltung übernommen?

Ralf Fischer: Eine wichtige! Man darf auch nicht vergessen: Die Jobcenter-Mitarbeitenden sind ja auch Vertrauenspersonen für die Bewerbenden. Die Kolleginnen und Kollegen vom Jobcenter kennen die Geschichte hinter den Personen und haben sie vorbereitet. Zudem können sie uns auch später sagen, wie viele Bewerbende sich wirklich vorstellen können, bei uns zu arbeiten. Die Jobcenter spielen also eine sehr große Rolle und sollten eine noch viel größere Rolle spielen.

Was hat Ihnen am Bewerbertag besonders gefallen?

Ralf Fischer: Dass die Mitarbeiterinnen vom Jobcenter und Arbeitgeberservice die Bewerbenden ganz direkt angesprochen haben: ‚Können Sie sich vorstellen, hier zu arbeiten?‘ Das war wirklich neu für mich und hat mich sehr erfreut! Ich habe gemerkt, dass auch ich danach lebhafter geworden bin. Diese direkte Ansprache fand ich sehr gut!

Welche Erkenntnisse haben Sie denn aus dem Bewerbertag gezogen?

Ralf Fischer: Ich habe gelernt, dass der Bewerbertag die Leute zu uns führt – anders als Flyer oder Plakataktionen. Im Austausch mit dem Jobcenter und unserer Personalabteilung konnten wir die Bewerbenden ganz anders einschätzen. Das hat mir besser gefallen als klassische Bewerbungsgespräche. Das Team und ich waren konzentrierter. Und die Einzelgespräche mit den Leuten im Nachgang fand ich besser. Dass zwei der Teilnehmenden heute bei uns arbeiten, hat auch etwas mit diesem menschlichen Austausch zutun: Einer der beiden hatte ein Erfolgserlebnis am Probetag, wurde von allen gegrüßt und fühlte sich willkommen. Das ist gerade dann wichtig, wenn es Sprachbarrieren gibt. Gerade diese Menschen müssen wir auch fördern, denn wir brauchen sie. Mein Fazit: Die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter hat uns den Druck genommen. Es liegt nicht mehr nur auf meinen Schultern.

Werden Sie einen solchen Bewerbertag auch in Zukunft organisieren?

Ralf Fischer: Ja, definitiv. Und wir werden diesen Bewerbertag innerhalb unserer Branche auch vermarkten. Das werden auch noch andere bei uns im Netzwerk machen. Am 13. August 2026 wird bereits der dritte Bewerbertag bei uns stattfinden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Wie würden Sie die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Jobcentern gestalten?

Ralf Fischer: Wir können Mitarbeitende zum Erfolg führen, indem wir ihnen Sicherheit durch langfristige Arbeitsverträge geben. Aber eine enge Begleitung über mehrere Monate können wir als Arbeitgeber nicht leisten. Hier wäre mehr Coaching durch die Jobcenter hilfreich. Denn: Arbeitslosigkeit hat ja auch psychische Gründe. Ein Teilnehmer des Bewerbertags sagte zu mir: ‚Wissen Sie, wie viele Bewerbungen und Ablehnungen ich bereits bekommen habe?‘ Alles aufgrund seines Auftretens, seines Äußeren, seiner Nationalität. Auch das spielt ja eine Rolle im Bewerbungsprozess. Aber wir müssen ja gucken, dass wir diese Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren und den Staat entlasten. Das schaffen wir nur über Angebote wie Coaching. Die Menschen wollen doch nicht arbeitslos sein. Sie zu integrieren hat auch etwas mit Wertschätzung zutun.

Und was empfehlen Sie anderen Arbeitgebenden, die Fachkräfte suchen?

Ralf Fischer: Nutzt unbedingt diese Chance! Wir können doch nicht immer nur sagen: ‚Uns fehlen die Leute!‘ Wir müssen doch auch mal das nutzen, was es gibt. Bei uns schließen zum Beispiel die Apotheken um 17:00 Uhr, weil die Mitarbeitenden fehlen. Das betrifft auch Gaststätten, Dachdecker, Handwerksbetriebe, Produktionsbetriebe und viele mehr. Wenn die Jobcenter und der Arbeitgeberservice uns so unterstützen, dann sehen wir, dass es doch Menschen gibt, die arbeiten wollen und können.

Das Unternehmen SDP Sachsendruck meldete uns Personalbedarf im Bereich der Maschinen- und Anlagenführer. Der Arbeitgeber-Service hat angeboten, gemeinsam mit mir einen Bewerbertag zu organisieren. Die Integrationsfachkräfte aus der Arbeitsvermittlung nannten mir Arbeitsuchende, die sich für die Stelle eignen könnten. Einige von ihnen habe ich zum Bewerbertag bei Sachsendruck eingeladen, sie vorbereitet und vor Ort begleitet. Gerade die Vorbereitung der Bewerbenden ist für den Erfolg entscheidend. Bei Sachsendruck konnten direkt ‚Probearbeiten‘, Maßnahmen beim Arbeitgeber, mit dem Unternehmen abgestimmt werden.

Mehr über SDP Sachsendruck


Rund 130 Personen arbeiten bei der Sachsendruck SDP GmbH im südwestsächsischen Plauen. Das im Jahr 1643 gegründete Unternehmen produziert Flyer, Broschüren und weitere Werbeartikel – ist aber vor allem als Experte für die Kinderbuchproduktion bekannt. Heute ist Sachsendruck Deutschlands einziger Hersteller von Pappbilderbüchern. Ralf Fischer ist seit 2020 Geschäftsführer.

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