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Kulturwandel

Selbstreflexion und Achtsamkeit: Stimmen aus den Jobcentern

Wie gelingt Achtsamkeit, wie funktioniert Selbstreflexion und wie stärkt man Resilienz? Für das chancen-Magazin haben wir acht Mitarbeitende aus acht deutschen Jobcentern befragt. Lesen Sie hier ihre ganz persönlichen Tipps aus dem beruflichen und dem privaten Alltag.

Moji Mareike Enderich ist Arbeitsvermittlerin – und nutzt Staus beim Pendeln zum Reflektieren.

Wie selbstreflektiert gehen Sie durchs Leben?

Marco Backs, Arbeitsvermittler und Beratungstrainer im Jobcenter Berlin Mitte:

„Ich würde sagen: sehr. Bei mir liegt es auch an meiner Ausbildung, ich bin Ethnologe. In der Erforschung des Fremden erfährt man zugleich viel über sich. Man lernt, aus fremden Augen auf sich selbst zu blicken. Mir ist bewusst geworden, dass meine Einstellung, Gesellschaft und Kultur nur eine von vielen sind. Hier im Jobcenter empfinde ich diese Erfahrung als Riesengewinn. Selbstreflexion ist für mich eine Reflexion der eigenen Stärken – und meine ethnologische Erfahrung ist eine Stärke. Ich gehe zum Beispiel ohne Berührungsängste in die aufsuchende Beratung. Andere Lebensrealitäten interessieren mich einfach.“

Wie gelingt Ihnen Achtsamkeit im Alltag?

Sabine Mendez, Mitglied der Geschäftsführung des Jobcenters Köln:

„Achtsamkeit bedeutet für mich, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen. Achtsam mit mir selbst und auch im Miteinander zu sein. Das ist seit der Pandemie noch wichtiger geworden. Manche unserer 1.500 Mitarbeitenden fragen sich nach Monaten mit kaum persönlichen Kontakten noch heute: Wie gehe ich mit Einsamkeit um? Wie lerne ich neue Menschen kennen? Ich sehe es als meine Aufgabe, auch in diesen Fragen achtsam mit Mitarbeitenden umzugehen. Wir bieten mit dem Employee Assistance Program eine individuelle Beratung, auch für Familienmitglieder des Haushalts. Die qualifizierten Beraterinnen und Beratern sind telefonisch erreichbar.“

Was ist Ihr persönlicher Tipp für gestärkte Resilienz?

Monika Owen, Fallmanagerin und Gleichstellungsbeauftragte im Jobcenter Landsberg am Lech:

„Ich habe durch eine Therapeutin gelernt, was der Begriff bedeutet. Sie hat mir gezeigt, wie ich meine Resilienz durch Meditation stärken kann. Ich hatte Panikattacken und bin von Depressionen betroffen. Und in meiner Arbeit habe ich viel mit Menschen zu tun, denen es ähnlich geht. Es gibt immer mehr Leute, die immer mehr Steine in ihrem Rucksack tragen. Es stärkt meine persönliche Resilienz, wenn ich merke, dass ich diesen Menschen helfen kann. Das ist meine Motivation hier im Jobcenter seit 14 Jahren: Menschen helfen. Wenn jemand Arbeit findet, rufe ich direkt an und sage: ‚Herr Müller, ich freue mich mit Ihnen!‘“

Wie selbstreflektiert gehen Sie durchs Leben?

Moji Mareike Enderich, Leiterin eines Vermittlungsteams am Standort Rüsselsheim des Kommunalen Jobcenters Kreis Groß-Gerau:

„Ich fahre täglich 40 Kilometer mit dem Auto zur Arbeit – und durch Staus habe ich oft 1,5 Stunden Zeit zum Nachdenken: Wie viel Sinn hat mein Job eigentlich? Seit der Pandemie finde ich meine Arbeit wichtiger denn je. Ich bin nebenberuflich Sängerin, viele meiner Freunde machen Musik im Hauptberuf. Wenn es keine Jobcenter gäbe, hätten sie monatelang kein Geld gehabt. Jeder von uns kann plötzlich aus seinem Leben gerissen werden und völlig unverschuldet in so eine Notlage geraten. Diese Erkenntnis hat mich sehr geerdet. Wir im Jobcenter können dann konkret etwas für die Menschen tun und helfen.“

Wie gelingt Ihnen Achtsamkeit im Alltag?

Karina Porstmann, Betriebsakquisiteurin im Netzwerke-ABC-Team des Jobcenters Vogtland:

„Ein paar einfache Dinge helfen mir, achtsamer zu sein: Bei gutem Wetter gehe ich jeden Dienstag um 18:15 Uhr in einen Park, dort habe ich eine Bank, wo ich eine halbe Stunde für mich allein bin. Bei schlechtem Wetter – lachen Sie jetzt nicht – gehe ich stattdessen in ein Schuhgeschäft. Ich durchstreife die Regale. Ich mag es unheimlich, wenn Schuhe schön sortiert sind, nach Farben und Formen. Und dazu der Geruch von Leder! In meinem früheren Beruf als Schuhverkäuferin erfüllte es mich immer mit Zufriedenheit am Ende des Tages vor einem gut durchsortierten Schuhregal zu stehen.“

Was ist Ihr persönlicher Tipp für gestärkte Resilienz?

Sebastian Kleist, Vorstand des Kommunalen Jobcenters Lahn-Dill:

„Pausen und Bewegung. Ich lege Wert darauf, jeden Mittag rauszugehen und mir etwas zu essen zu holen. Das verbinde ich mit einer halben Stunde Spaziergang. Ich nehme mein Handy nicht mit und gehe meist allein, um die Gedanken schweifen zu lassen. Ich fordere auch alle Mitarbeitenden auf, sich Pausen zu nehmen. Bei uns im Jobcenter nutze ich außerdem keinen Fahrstuhl. Die Resilienz unserer Mitarbeitenden zu stärken und ihre Gesundheit zu unterstützen ist uns sehr wichtig: Wir bieten beispielsweise Bike-Leasing an. Damit der Arbeitstag nach dem Radfahren frisch beginnt, haben wir eine Dusche installiert.“

Wie selbstreflektiert gehen Sie durchs Leben?

Eike Belle, Geschäftsführerin des Jobcenters Cottbus:

„Ich hinterfrage jede meiner Entscheidungen. Nicht aus Unsicherheit, sondern vielmehr aus Ehrgeiz. Ich möchte von meiner Umwelt als schnell und gut wahrgenommen werden. Das ist mein Treiber – und Selbstreflexion hilft mir: Wie nehmen mich wohl andere Menschen wahr? Habe ich an alles gedacht? Ich hinterfrage meine Entscheidungen und damit auch ein Stück weit mich selbst. Nur wenn ich reflektiere, kann ich mich verbessern. Ich fühle mich damit sehr wohl, denn nach vielen Jahren in verschiedenen Jobcentern arbeite ich wirklich gerne in diesem Beruf.“

Was ist Ihr persönlicher Tipp für gestärkte Resilienz?

Sabine Moschner, Integrationsfachkraft mit Schwerpunkt Alleinerziehende im ABC-Team des Jobcenters Berlin Neukölln:

„Eine optimistische und positive Grundhaltung. Ich versuche mir ständig bewusst zu machen, dass es für jedes Problem eine Lösung geben kann. Falls es bei meiner Arbeit einmal nicht funktioniert, akzeptiere ich das aber auch. Manche Menschen nehmen keine Hilfe an. Alle führen ihr Leben selbst, das kann ich nicht für sie übernehmen. Grundsätzlich gehe ich mit einem Lächeln durch den Tag. Ich bin keine gebürtige Berlinerin, deshalb kann ich das sagen: Es macht sehr viel Spaß, grummelige Berlinerinnen und Berliner anzulächeln. Man kann Berliner mit einem Lächeln wirklich überraschen, bekommt dann aber häufig ein Lächeln zurück.“

Dieser Artikel stammt aus dem chancen-Magazin 2022 zum Thema Selbstreflexion. Auf dieser Seite finden Sie alle Artikel aus dem Magazin.