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Kulturwandel

Rainer Radloff: „Resilienz setzt für mich Selbstreflexion voraus“

Rainer Radloff ist Geschäftsführer im Jobcenter Bielefeld. Im Jahr 2021 fanden dort immense Umbrüche statt: 360 Mitarbeitende haben intern ihren Job gewechselt. Das Ziel: den Menschen noch stärker in den Mittelpunkt stellen. Im Gespräch verrät Radloff, wie er selbst mit den Veränderungen umgegangen ist, was er daraus für die Zukunft gelernt hat – und wie er seine eigene Resilienz stärkt.

Rainer Radloff ist Geschäftsführer im Jobcenter Arbeitplus Bielefeld.

Herr Radloff, in Ihrem Jobcenter hat sich im Jahr 2021 viel verändert: Die Beratung sollte menschenzentrierter werden, 360 Mitarbeitende haben ihren Job gewechselt. Wie haben Sie Ihre Mitarbeitenden ermutigt?

Wir haben die Veränderungen in einem sehr beteiligungsorientierten Prozess umgesetzt. Unsere Mitarbeitenden konnten sich in verschiedenen Rollen einbringen. Zum Beispiel wurde in Projektgruppen gearbeitet. Die einzige Vorgabe, die wir dabei gemacht haben: Wie können wir die Prozesse, die wir zu dem Zeitpunkt schon hatten, so vereinfachen, dass die Kundenorientierung noch stärker in den Vordergrund rückt? Für die Projektgruppen brauchten wir 40 Mitarbeitende – doppelt so viele haben sich beworben. Das Interesse war also von Beginn an da. In Onlineveranstaltungen mit bis zu 250 Mitarbeitenden haben die Gruppen dann über den aktuellen Stand der Dinge informiert. Diese Beteiligungsorientierung gibt es bei uns bereits seit 2005. Dennoch glaube ich, dass ich bei den jüngsten Umbrüchen nicht jeden einzelnen Mitarbeitenden erreichen konnte. Jede Person reagiert anders auf Veränderungen, und bei 530 Mitarbeitenden ist es normal, dass nicht alle die gleiche Meinung teilen.

Sie halten sogenannte Retrospektiven aus der agilen Softwareentwicklung für eine interessante Methode: am Ende einer Woche auf die Dinge zurückzublicken, die nicht so gut liefen. Was war bisher Ihr lehrreichster Fehler im Beruf?

Zu Beginn unserer Umorganisierung habe ich gedacht: „Das können wir auch gut während der Pandemie machen.“ Ich bin da sehr locker reinmarschiert und habe unterschätzt, welche enormen Veränderungen und Herausforderungen die Pandemie für die Menschen über die Arbeit hinaus bedeutet hat. Wenn dann noch ein Umbruchprozess in der Organisation hinzukommt, kann das für viele überfordernd sein – das hatte ich anfangs anders eingeschätzt.

Menschen, die auch in schwierigen oder stressigen Situationen gelassen und fokussiert bleiben, bezeichnet man oftmals als „resilient“. Wie gehen Sie persönlich mit Stressmomenten um?

Resilienz setzt für mich Selbstreflexion voraus. Um mich selbst und mein Handeln zu hinterfragen, muss ich die entsprechenden Fragen erlernen – und sie vor allem in stressigen Situationen stellen. Ich zum Beispiel frage mich dann: „Wo sind gerade meine Triggerpunkte, was stresst mich, und wie gehe ich damit um?“ Dabei denke ich auch in drei Zonen: Wenn ich ein Bewusstsein dafür habe, wo meine Ruhezone liegt und wo mein Herausforderungs- und Überforderungsbereich, dann kann ich entsprechend handeln. Wichtig ist es, immer wieder in die eigene Ruhezone einzukehren und dort bewusst die Ressourcen anzuzapfen, um mit neuer Kraft in die Herausforderung hineinzugehen.

Sie haben die drei Zonen angesprochen: Wie gehen Sie vor, wenn Sie sich überfordert fühlen?

Ich bin mittlerweile seit rund 30 Jahren Führungskraft, insofern hat mir während der Umbruchphase bei uns im Haus auch meine Erfahrung im Umgang mit herausfordernden Situationen geholfen. Im Grunde ist auch dies ein längerer Prozess: herauszufinden, wo die eigenen Grenzen zwischen den Zonen liegen, und sich aktiv abzugrenzen, wenn ein Gefühl der Überforderung eintritt. Meist wird für mich die empfundene Überforderung von außen herangetragen – auch hier stelle ich mir inzwischen eine Frage: Wie kann ich die Überforderung auch als Herausforderung begreifen? Über die Jahre habe ich dadurch ein hilfreiches Bewusstsein dafür entwickelt, wie ich gestärkt durch den Arbeitsalltag gehe.

Welche Tipps und welcher Input von außen haben Ihnen geholfen?

Im Grunde arbeite ich seit Beginn meiner Führungstätigkeiten mit professioneller Unterstützung von außen zusammen, zum Beispiel mit Coaches. Entweder, wenn sich eine besonders herausfordernde Phase ankündigt, oder auch rückblickend. Wir schauen dann etwa, wie ich in welcher Situation agiert und reagiert habe und welchen Zugewinn ich daraus für die Zukunft ziehen kann. Dieser Blick von außen hilft mir, Dinge in einem anderen Licht wahrzunehmen und die Perspektive zu wechseln. Ich finde das sehr, sehr wichtig. Im Nachhinein denke ich auch, damit viel für meine Gesundheit getan zu haben.

Wie sieht Ihre eigene Strategie für mehr Resilienz aus – und was davon könnten Sie Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg geben?

Zunächst einmal: sich wirklich Unterstützung von außen holen. Das war lange Zeit verpönt, aber dafür sollte man unbedingt offen sein. Mir hilft zudem Meditation sehr stark. Ich meditiere seit vielen Jahren, und für mich war und ist dies immer eine Möglichkeit, mich selbst herunterzufahren. Zum einen merke ich dies daran, dass meine Gedanken ein Stück weit freier werden – beim Meditieren habe ich meist die besten Ideen –, zum anderen erreiche ich auch manchmal den Punkt, an dem ich meine Gedanken stoppen kann. Das ist für mich eine große Erholung. In der Regel meditiere ich morgens nach dem Aufstehen, und so häufig wie möglich auch in der Natur. Durch die gespürte Naturverbundenheit erlebe ich die Dinge nochmal anders. Zudem habe ich durch das Meditieren gelernt, meine Gedanken während der Meditation zunächst so wertfrei wie möglich vorüberziehen zu lassen, auf der anderen Seite aber auch meine eigenen Bewertungen zu überprüfen.

Und wie kommen Sie nach Feierabend wieder mental zu Kräften?

Neue Kraft tanke ich unter anderem mit Bewegung, Rad fahren beispielsweise, manchmal auch als Vorbereitung auf eine Meditation. Und natürlich mit Gesprächen: Auch im Austausch mit meinem engsten Kreis kann ich Dinge reflektieren. Außerdem habe ich nie aufgehört, an meiner Entwicklung zu arbeiten und mich weiterzubilden. Immer wieder Neues aufzunehmen und zu verarbeiten, hilft mir auch dabei, andere Blickwinkel auf meine Arbeit sowie auf mich selbst zu bekommen.

Schauen wir noch einmal auf Resilienz-Strategien: Immer mehr Jobcenter setzen auf Workshops oder Kurse für ihre Mitarbeitenden, um ihnen gezielt dabei zu helfen, resilienter zu werden. Welchen Ansatz verfolgt Ihr Haus dahingehend?

Für die ostwestfälischen Jobcenter, also auch für unser Haus in Bielefeld, gab es erstmals im Jahr 2009 vom Bund geförderte Stressmanagement-Angebote. Ebenso wie ich für mich Selbstreflexion als Kernelement im Umgang mit Stress sehe, ist es auch wichtig, den Mitarbeitenden Raum zum Reflektieren zu geben. Jede und jeder Mitarbeitende ist dieses Programm durchlaufen. Dann kam die Corona-Pandemie und wir haben das Angebot etwas vernachlässigt – weil lange nicht klar war, ob und wann es wieder Präsenzseminare geben kann. Dieses Stressmanagement werden wir jetzt sehr wahrscheinlich wieder anbieten, wollen dabei aber noch stärker als bisher auf den Praxistransfer setzen. Große Resonanz findet auch ein Coachingangebot, das allen Beschäftigten zur Verfügung steht.

Beim „Tag der Arbeitplus“ (Gesundheitstag für alle Mitarbeitenden) bietet unser Haus zudem Meditations- und Yogakurse an, damit unsere Mitarbeitenden auch dort immer wieder hineinschnuppern können. Natürlich gibt es die ein oder andere Person, die mit solchen Angeboten nichts anfangen kann. Insgesamt aber glaube ich, dass die Mehrheit davon bisher profitiert hat. Damit sich dieser Anteil stetig weiter erhöht, nehmen wir das Thema „gesunde Führung“ mehr und mehr in den Blick.

Dieser Artikel stammt aus dem chancen-Magazin 2022 zum Thema Selbstreflexion. Auf dieser Seite finden Sie alle Artikel aus dem Magazin.