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Im Hildesheimer Bürgergeld-Café hat das Jobcenter den Spirit des Gesetzes im Blick

Kaffee und Kuchen gibt es im Hildesheimer Bürgergeld-Café nicht, dafür aber einen Raum für den regen Austausch und Kurzschulungen: Das Jobcenter befasst sich mit dem Gesetz auf unkonventionelle Weise. Möglich machen dies vier interne Bürgergeld-Guides – und die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Mindset. Ein Ortsbesuch.

Anastasia Schuster/ Servicestelle SGB II

Ort des Austausches außerhalb der Büros: das Hildesheimer Bürgergeld-Café.

An diesem Dienstag im März herrscht „Schietwetter“, wie man in Niedersachsen gerne sagt: Der Sturm treibt den Regen fast waagerecht durch die Luft, und wenn der Tag eine Farbe hätte, wäre es Grau.

Die Fassade des Hildesheimer Jobcenters fügt sich nahtlos ein in die grauen Nuancen seiner Umgebung, doch innen sieht es ganz anders aus: Ein apfelgrüner „Willkommen“-Schriftzug begrüßt die Besucherinnen und Besucher im Erdgeschoss, die Räume sind hell. Dass das „Willkommen“ keineswegs eine Floskel, sondern eine gelebte Mentalität in diesem Jobcenter ist, verdeutlichen die Gespräche an diesem Nachmittag. Vom Behördencharakter, der Jobcentern gerne nachgesagt wird, versucht sich das Jobcenter Hildesheim so weit wie möglich abzugrenzen – und zwar nicht nur den Leistungsbeziehenden gegenüber, sondern auch intern.

Anastasia Schuster/ Servicestelle SGB II

Im Erdgeschoss des Jobcenters werden die Besucherinnen und Besucher mehrsprachig „Willkommen“ geheißen

Im Bürgergeld-Café geht es um „den Spirit“ des Gesetzes

Der jüngste Schritt in diese Richtung: ein Bürgergeld-Café für die Mitarbeitenden. Wer hier Kaffee, Kuchen und sanfte Hintergrundmusik erwartet, irrt sich: Mit einem gastronomischen Angebot hat das Bürgergeld-Café im Schulungstrakt des Jobcenters nichts zu tun. Im Mittelpunkt steht der Austausch über das Gesetz und die damit verbundenen Chancen, aber auch Sorgen und Bedenken, welche die Mitarbeitenden beschäftigen.

Der Begriff „Café“ sei gewählt worden, um den Austauschcharakter zu unterstreichen, erläutert Bürgergeld-Guide Matthias Oppermann: „Wir wollen den Raum nutzen, um den Spirit des Bürgergeldes zu vermitteln. Es handelt sich eben nicht nur um eine materiellrechtliche Änderung, sondern auch um eine Änderung, wie wir künftig mit unseren Leistungsbeziehenden zusammenarbeiten. Um dieses Mindset geht es uns.“

Oppermanns Kollegin Nancy Breuer, ebenfalls Bürgergeld-Guide, ergänzt: „Die Kolleginnen und Kollegen sollen die Möglichkeit haben, außerhalb der üblichen Diensträume ihre Gedanken zum Bürgergeld zu äußern – bevor sich vielleicht etwas anstaut.“

Offene und unkonventionelle Formate: in Hildesheim kein Neuland

Wie also kam es zum Bürgergeld-Café und welche Aufgaben haben die Bürgergeld-Guides? Ein Rückblick: Mit unkonventionellen Herangehensweisen und neuen Formaten ist das Hildesheimer Jobcenter schon seit einiger Zeit vertraut. „Wir hatten im Jahr 2019 angefangen, uns organisatorisch neu aufzustellen. Vor allem wollten wir uns viel stärker sozialräumlich ausrichten“, erzählt Geschäftsführer Ulrich Nehring. Seit 2021, also inmitten der Corona-Pandemie, sei dieser Prozess abgeschlossen. „Wir haben uns vorab gefragt, wie groß eigentlich die Hürden für unsere Leistungsbeziehenden sind, zu uns ins Jobcenter zu kommen“, fährt Stephan Preine, Bereichsleiter Markt und Integration, fort. „Wir nennen unser Haus auch gerne ‚graue Zitadelle‘, und sind zu dem Schluss gekommen: Die Hürden sind teils sehr hoch.“

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Geschäftsführer Ulrich Nehring und Bereichsleiter Stephan Preine tauschen sich mit den Bürgergeld-Guides Nancy Breuer und Matthias Oppermann (von links) über das Bürgergeld-Café aus.

Was zwischen den Zeilen des Bürgergeld-Gesetzes steht

Um die Leistungsbeziehenden besser zu erreichen, fingen die Jobcenter-Mitarbeitenden im Jahr 2019 an, vor Ort in den jeweiligen Stadtbezirken Beratungsarbeit zu leisten und präsenter zu sein. Wichtige Anlaufstellen dafür waren und sind soziale Begegnungsstätten. Während der Pandemie kamen Walk-and-Talk-Termine hinzu – nicht selten auch als kleine Stadtteil-Führung, in denen Leistungsbeziehende den Jobcenter-Mitarbeitenden ihr Umfeld nähergebracht haben.

„Wir haben schnell gemerkt, dass wir auf diese Weise auch Menschen erreichen, an die wir über klassische Beratungsgespräche womöglich nicht herangekommen wären. Um gute Ergebnisse mit den Kundinnen und Kunden zu kreieren, muss ich mir deren jeweilige Lebensrealität anschauen und mich fragen: Passt meine Arbeitsweise dazu?“, beschreibt Nehring den Ansatz mit energischen Gesten. „In dieser Hinsicht war das Bürgergeld kein Schock mehr für uns, weil wir schon vorher nach dessen Grundsätzen gehandelt haben. Ich sage immer, das Bürgergeld hat im Grunde unsere bestehenden Ansätze legalisiert“, ergänzt Nehring lachend.

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Geschäftsführer Ulrich Nehring spricht leidenschaftlich über die Neuausrichtung seines Jobcenters.

Die Grundsätze, von denen Nehring spricht: Die Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Leistungsbeziehenden auf Augenhöhe sowie die Frage, wie sich mit den Leistungsbeziehenden bestmögliche Beziehungsebenen aufbauen lassen, um gemeinsam etwas zu erreichen. Diese Aspekte stünden auch zwischen den Zeilen des Bürgergeld-Gesetzes, betont Bereichsleiter Preine. „Das Bürgergeld-Café ist die nächste Ausbaustufe, mit der wir uns diesen Fragen auf unkonventionelle Weise nähern.“

Das Bürgergeld-Café lebt durch die Bürgergeld-Guides

Auf den hellen Fluren, die zum Bürgergeld-Café führen, geben Schlagworte an den Wänden Hinweise auf die Werte, an denen man sich in Hildesheim orientiert: „Motivation“ steht dort in Großbuchstaben, umrahmt von „Optimismus“, „Teamwork“, „Leidenschaft“ und weiteren positiven Begriffen.

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„Motivation“ und mehr: In Hildesheim blickt man nach vorne.

Im Bürgergeld-Café ziert eine Fototapete mit einem sattgrünen Waldmotiv die gesamte hintere Wand, fünf farblich abgestimmte Hocker stehen lose verteilt im Raum. Fast heimelig wirkt das Setting – jedenfalls auf den ersten Blick nicht so, wie man sich einen Ort vorstellt, an dem Gespräche über das Bürgergeld im Fokus sind. An der Wand gegenüber der Fensterfront aber hängen sie: die jüngsten Weisungen und rechtlichen Änderungen. Auch ein Whiteboard zum Ideen sammeln und Gedanken sortieren steht bereit, denn im Bürgergeld-Café finden auch Workshops und Schulungen zum Gesetz statt.

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Hereinspaziert: Eine großflächige Fototapete nimmt dem Bürgergeld-Café die Bürostrenge.

Und damit zu den Menschen, ohne die das Bürgergeld-Café nur ein weiterer Raum im Jobcenter wäre: Die insgesamt vier Bürgergeld-Guides sorgen in Hildesheim nicht nur dafür, dass alle Mitarbeitenden durch Newsletter und Kurzschulungen stets auf dem aktuellen Stand der Rechtslage sind. Sie sind auch die Ansprechpersonen für alle Gedanken rund um die Frage „Was macht das Bürgergeld mit uns?“, kurzum: für Gespräche über Haltungsfragen.

Workshops als „Menü“: Was „schmeckt“ den Mitarbeitenden am Bürgergeld, und was nicht?

„Wir haben schon vor Inkrafttreten des Gesetzes mitbekommen, dass in den Teams viel über das Bürgergeld diskutiert wird“, berichtet Nancy Breuer. Sie arbeitet im Leistungsbereich und ist zertifizierte Trainerin – und nun auch Bürgergeld-Guide. Ende November 2022 starteten sie und ihre drei Kolleginnen und Kollegen im Jobcenter mit den ersten Workshops und sogenannten Galeriearbeiten, einer Kreativitätstechnik zur Lösung von Problemen. Behandelt wurden ausschließlich Aspekte, die sich mit Fragen zur inneren Einstellung und der eigenen Denkweise beschäftigten. Die Workshops waren als „Menü“ aufgebaut, aus dem die Mitarbeitenden wählen durften, was „ihnen schmeckt“ am Bürgergeld und welche Punkte ihnen „schwer im Magen liegen“. „Die Ergebnisse haben wir anschließend in einer Präsentation und dem ersten Newsletter zusammengefasst“, erläutert Breuer.

„Geschmeckt“ hat den Mitarbeitenden zu dem Zeitpunkt unter anderem:

  • die Einführung einer Bagatellgrenze
  • das Weiterbildungsgeld sowie der Bürgergeldbonus
  • die Verlängerung der Umschulungsdauer
  • die neuen Einkommensregelungen.

„Schwer im Magen“ lagen ihnen hingegen:

  • die Höhe der Vermögensfreibeträge
  • die Kurzfristigkeit der Umsetzung
  • der geringe Abstand zwischen dem Niedriglohnsektor und dem Bürgergeld
  • die Reduzierung der Aufrechnungsmöglichkeiten.
Anastasia Schuster/ Servicestelle SGB II

Mit Spaß bei der Sache: Matthias Oppermann (vorne links) bringt Nancy Breuer und Stephan Preine zum Schmunzeln.

Die Bürgergeld-Guides stehen für Verlässlichkeit

Seit Anfang 2023 geben die Bürgergeld-Guides zudem die rechtlichen Änderungen in zweistündigen Kurzschulungen, sogenannten „Learning Nuggets“, an die Jobcenter-Belegschaft weiter. Zu den meist teamübergreifenden Seminaren laden die Guides vorrangig ins Bürgergeld-Café ein, doch auf Wunsch sind auch Videobesprechungen möglich, um Fragen zeitnah zu klären.

Für Bereichsleiter Preine liegen die Vorteile, die Neuerungen, vor allem aber auch die „Nebentonspur“ des Bürgergeldes durch vier Personen zu vermitteln, auf der Hand: „Die Bürgergeld-Guides stellen eine Verlässlichkeit dar, sie sprechen mit einer konstanten Stimme. Die rechtlichen Aspekte werden stets mit der gleichen Haltungsfrage verknüpft, die uns in Hildesheim leitet: Wie arbeiten wir zielführend mit unseren Kundinnen und Kunden zusammen?“

Bürgergeld-Guide Matthias Oppermann bestätigt dies: „Am Ende ist es unser Anspruch, die Kundinnen und Kunden zu unterstützen und gemeinsam zu schauen, welche Steine im Weg liegen – und wie wir diese zusammen aus dem Weg räumen können.“ Oppermann arbeitet im Hildesheimer Jobcenter im Bereich Markt und Integration und ist seit Tag eins dabei. Mit SGB II-Gesetzesänderungen kennt er sich nach 18 Jahren also aus. Und seine Rolle als Bürgergeld-Guide? „Es ist eine spannende Aufgabe, als Guide die Prozesse im Jobcenter zu begleiten und ein Stück weit mitgestalten zu können.“

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Gemeinsames Brainstorming: Matthias Oppermann sammelt die Ideen von Stephan Preine und Nancy Breuer am Whiteboard.

Beschäftigung mit dem Mindset zahlt sich bereits aus

Intern kommt die offene Herangehensweise an das Bürgergeld ebenfalls sehr gut an. „Unsere Kolleginnen und Kollegen sind froh, dass sie sich nicht alle Gesetzesvorlagen einzeln anschauen müssen, sondern von uns punktuell aufbereitet bekommen“, berichtet Breuer.
Und auch die intensive Auseinandersetzung mit dem Mindset zahlt sich aus: „Bei uns ist kürzlich ein Neuantrag eingegangen: Der Antragsteller verfügt über mehrere tausend Euro Ersparnisse, besitzt ein Grundstück – und ist schwer erkrankt. Natürlich müssen wir nun erstmal schauen, wie das Vermögen verteilt ist, aber vielmehr fragen wir uns: Warum ist derjenige jetzt bei uns, was ist sein persönliches Schicksal? Er hat momentan ganz andere Baustellen als die Arbeitsuche“, erzählt Breuer nachdenklich.

Geschäftsführer Nehring sieht darin die Hildesheimer Ausrichtung bestätigt: „Wenn wir uns so einem Fall, bei dem hohe Vermögenswerte mit im Spiel sind, mit dieser Haltung nähern können, dann haben wir schon sehr viel erreicht. Denn natürlich könnten wir das Ganze auch rein verwaltungstechnisch abarbeiten.“ Doch genau das möchte sein Jobcenter vermeiden: „Beim Bürgergeld war es uns wichtig, auch die Zwischentöne zu berücksichtigen und die Mitarbeitenden dahingehend zu begleiten – und ich finde es großartig, wie die Bürgergeld-Guides das bisher machen.“

Hinweis: Mit dem Zweiten Haushaltsfinanzierungsgesetz zum Bundeshaushalt 2024 wurde der Bürgergeldbonus abgeschafft. Das Weiterbildungsgeld und die Weiterbildungsprämie bleiben erhalten.