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Gleichstellung

„Ich mag es nicht, nur zu Hause zu bleiben“

Das Programm „Stark im Beruf“ will Mütter mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt integrieren. Enge Partner: Jobcenter bundesweit. In Halle (Saale) sind gleich zwei Projekte aktiv – bei der Halleschen Jugendwerkstatt und der AWO SPI. Ein Ortsbesuch.

Fokussiert: Teilnehmerin Imen Gherri (rechts) antwortet souverän auf die Fragen von Projektleiterin Alina Bielawski.

Imen Gherri sitzt aufrecht. Ihre Augen sind weit geöffnet. Die Mutter von drei Kindern ist hochkonzentriert, antwortet schnell auf die Fragen der Personalchefin. Es ist nicht ihr erstes Vorstellungsgespräch – das merkt man. Gherri hat viel erlebt und noch viel mehr vor. Ihr nächstes Ziel: Sie will eine gute Stelle finden, am liebsten als Erzieherin.

Deshalb ist Gherri heute hier, in einem Übungsraum der Halleschen Jugendwerkstatt. Ihr Vorstellungsgespräch ist ein Training. Auch die Arbeitsstelle gibt es nicht. Noch nicht. Die „Personalchefin“ in diesem Rollenspiel hilft aber eifrig mit, dass Gherri und weitere Frauen eine echte Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen: Alina Bielawski spielt überzeugend die Personalerin, leitet aber eigentlich das „Stark im Beruf“-Projekt bei der Halleschen Jugendwerkstatt, einem sozialen Träger. Rund 90 Projekte dieser Art gibt es bundesweit, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) zuzüglich einer Kofinanzierung. Jobcenter sind enge Kooperationspartner, denn die Teilnehmerinnen sind häufig Leistungsberechtigte bzw. -beziehende nach dem SGB II.

Architektin oder Analphabetin: Die Teilnehmerinnen sind vielfältig

„Möchten Sie denn noch ein Kind bekommen“, fragt Projektleiterin Bielawski in ihrer Rolle als Personalerin. „Dazu möchte ich nichts sagen“, antwortet Gherri so prompt und selbstsicher, dass alle im Raum überrascht aufschauen. Drei weitere Frauen sitzen im Übungsraum und analysieren aufmerksam, was Bielawski fragt und wie Gherri darauf reagiert. Alle Frauen sind Mütter, alle würden gerne eine Arbeitsstelle antreten. Gherri stammt aus Tunesien, die anderen drei Frauen aus Syrien. Die Hürden auf ihrem Weg in den Beruf sind vielfältig: Viele Mütter mit Migrationshintergrund haben keine Ausbildung oder keine, die auch in Deutschland anerkannt ist. Vielen fehlt die Berufserfahrung, manchen außerdem die Sprachkenntnis.

Die Teilnehmerinnen sprechen in entspannter Atmosphäre. Amina Al Fawaz (Dritte von links) hat selbstgemachte Baklava für alle mitgebracht.

Diese Frauen in den Arbeitsmarkt zu bringen, funktioniere nicht mit einem Patentrezept, erläutert Bielawski. In ihren Kursen habe schon eine Architektin neben einer Analphabetin gesessen. „Wir können mit dieser Zielgruppe keinen geradlinigen Weg gehen. Unsere Teilnehmerinnen sind schon als Frauen und Mütter häufig benachteiligt, haben dazu Migrationshintergrund“, sagt sie. „Viele von ihnen regeln die Familienangelegenheiten ganz allein. Und manche tragen ein Kopftuch – was leider viele Unternehmen noch immer als Problem empfinden.“

Individuelle Betreuung ist der große Pluspunkt

Das Programm „Stark im Beruf“ nimmt sich deshalb der Frauen jeweils ein Jahr an – und das individuell. In der Halleschen Jugendwerkstatt gibt es Bewerbungs- und Computerkurse für alle, doch sehr viel Arbeit geschieht unter vier Augen. Alina Bielawski und ihre Kollegin Mariam El-Mokdad gehen mit den Frauen zu Behördenterminen, durchforsten mit ihnen gemeinsam Stellenanzeigen und begleiten sie zu Vorstellungsgesprächen – und manchmal sogar zu Arztterminen. „Frau Bielawski ist wie eine Freundin, wie eine Schwester für uns“, sagt Safa Afifi, alleinerziehende Mutter, die mit ihrem Sohn aus Syrien geflüchtet ist. Bielawski wird ein wenig rot im Gesicht und bedankt sich für das Lob.

Später, in einem ruhigen Moment, erläutert Bielawski: Viele Frauen treffen auf tiefsitzende Berührungsängste. „Hier in Halle ist es für viele immer noch ungewohnt, von einer Frau mit Kopftuch bedient zu werden. Es fehlt die Migrationsgeschichte hier im Osten“, sagt sie. Das „Stark im Beruf“-Programm kann nicht alle gesellschaftlichen Hindernisse beseitigen, aber doch für jede einzelne Frau konkrete Fortschritte bringen. Gherri, die seit 2011 in Deutschland ist, Arabisch und Französisch spricht, in Tunesien Englisch studiert und dann hierzulande Deutsch gelernt hat, konnte sich im Projekt beruflich orientieren. „Stark im Beruf“ zeigte ihr einen Weg auf – und Gherri hatte tatsächlich schon ein „echtes“ Vorstellungsgespräch.

Alina Bielawski macht die Frauen bei der Halleschen Jugendwerkstatt stark fürs Berufsleben.

Diana Becker-Wlodarczyk ist froh, dass in Halle (Saale) gleich zwei „Stark im Beruf“-Projekte aktiv sind. Die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA) im Jobcenter zählt unter den Leistungsberechtigten aktuell 1.800 Frauen, die keine deutschen Staatsangehörigen sind und Kinder unter 15 Jahren haben. Nicht für alle ist „Stark im Beruf“ der passende Ansatz, doch viele benötigen genau diese intensive Betreuung. „Ihre Vermittlungshemmnisse sind häufig so komplex, dass wir die Träger zur Unterstützung brauchen“, sagt Becker-Wlodarczyk. „Die Frauen stellen auch Fragen zum gesellschaftlichen Leben und wissen oft nicht, wie zum Beispiel das System der Sozialversicherung funktioniert. Für die Beantwortung solcher Fragen bleibt unseren Integrationsfachkräften nicht immer die Zeit.“

Erfolg der Projekte spricht sich herum – auch im Jobcenter

Die Mitarbeitenden stellen deshalb gerne den Kontakt zu den „Stark im Beruf“-Projekten her. „Hier bei uns im Jobcenter sind die Projekte bekannt. Freie Plätze sind schnell belegt. Manchmal haben wir eine Kundin nicht im Blick dafür. Aber dann erzählt ihr eine Freundin davon und die Kundin bittet, mitmachen zu können“, berichtet Becker-Wlodarczyk. Schließlich seien die Projekte auch vor Ort gut vernetzt, man kenne sich über das Integrationsnetzwerk der Stadt, in dem sich Behörden, Migrantenorganisationen, -vereine und -verbände austauschen.

Wollen Sie sich bewerben? Christiane Maue hört Fansah Hamo zu.

In Halle-Neustadt kommt Fansah Hamo zu ihrem Termin. Die Teilnehmerin des zweiten „Stark im Beruf“-Projektes in Halle (Saale) ist zur Einzelberatung verabredet – im Mehrgenerationenhaus, dem Sitz des Trägers AWO SPI Soziale Stadt und Land Entwicklungsgesellschaft. Hamo hat Gutes im Gepäck, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Syrerin zieht zunächst selbstgebackene Kekse aus ihrer Tasche. Dann legt sie eine Mappe auf den Tisch. Darin: ein Zertifikat. „Ich habe den Sprachkurs C1 bestanden“, sagt Hamo und ist sichtlich stolz.

Viel Arbeit zu Hause – dennoch will Fansah Hamo wieder einen Job

Hamo stammt aus dem kurdischen Nordosten Syriens. Sie hat studiert, als Geschichtslehrerin gearbeitet, sechs Kinder bekommen. Ihr Mann, ebenfalls Lehrer, flüchtete aus dem kriegsgebeutelten Land. Er fuhr mit dem Boot nach Griechenland und kämpfte sich zu Fuß durch. In Deutschland angekommen konnte er seine Familie nachholen. Nahe Halle (Saale) eröffnete er einen Frisörsalon, drei der Kinder besuchen inzwischen das Gymnasium, die älteste Tochter lässt sich zur Pharmazeutisch-Technischen Assistentin ausbilden. Und jetzt zieht es auch die sechsfache Mutter wieder ins Berufsleben, obwohl sie einen Sohn besonders intensiv betreuen muss: Er kam mit dem Down-Syndrom zur Welt. Was motiviert Hamo? Sie antwortet knapp: „Ich mag es nicht, nur zu Hause zu bleiben.“

Die „Stark im Beruf“-Projektleiterin Christiane Maue blättert in ihrem dicken Ordner. Wie sehr die Partner der Frauen hinter dem Berufswunsch stehen, sei so unterschiedlich wie die Frauen selbst. „Es gibt Männer, die nur fragen: ‚Und wer kümmert sich dann um die Kinder?‘ Es gibt aber ebenso viele Frauen, die von ihren Ehemännern sehr unterstützt werden“, sagt Maue.

Christiane Maue vom Träger AWO SPI klickt sich für die Frauen auch durch Stellenbörsen.

Seit fast einem Jahr ist Hamo Teil des Projektes, jeden ihrer Schritte hat Maue im Ordner notiert: Gemeinsam haben sie Zeugnisse aus Syrien übertragen, Studium und berufliche Erfahrung anerkennen lassen. Hamo hat eine Berufsorientierung absolviert, einen PC-Kurs gemacht und sich außerdem zur Pädagogischen Fachkraft weiterbilden lassen. Diese berufliche Qualifikation gibt es in dieser Form nur in Sachsen-Anhalt. Der Weg ist lang – „Stark im Beruf“ ist ein Lotse entlang des langen Weges voller Behördentermine und Formulare.

Das Jobcenter hat ihr bereits drei Stellen als Schulbegleiterin vorgeschlagen, Maue hat weitere Stellenanzeigen herausgesucht. „40 Stunden sind zu viel, ich muss doch nachmittags meinen Sohn zur Therapie begleiten“, sagt Hamo mit Blick auf eine Ausschreibung. Maue beschwichtigt und sagt: „Wir versuchen trotzdem, ob Teilzeit möglich ist. Sie haben so gut Deutsch gelernt und kennen von zu Hause die Arbeit mit behinderten Kindern.“ Fansah Hamo nickt und verspricht, selbst eine Bewerbung zu schicken.

Videokonferenzen stellen für viele Frauen eine Hürde dar

Mit Computern und im Internet ist sie fit – was längst nicht für alle Frauen im Projekt gilt. Zu Zeiten der Corona-Lockdowns kommunizierten Teilnehmerinnen und Projekt-Vertreterinnen mehr über das Telefon als über Videochats, berichtet Maue. WhatsApp sei weit verbreitet, mit Zoom seien nur wenige klargekommen. „Wir haben aus der Zeit mitgenommen, dass wir die Frauen digital mehr empowern müssen“, sagt Maue. Schon heute lernen sie in Kursen Textverarbeitung und den Umgang mit Google Maps – damit sich die Frauen allein zurechtfinden. Doch es brauche künftig noch viel tiefergehende Kenntnisse, sagt Maue.

Maue und ihre Projektkollegin Satenik Roth haken etwa einmal pro Quartal bei Ex-Teilnehmerinnen nach, wie es für sie weiter geht. Insbesondere Frauen, die eine Ausbildung beginnen, brechen häufig ab, beobachtet Maue. Die Frauen seien in der Praxis gut, scheiterten aber oft an der Theorie. „Es gibt leider keine berufsspezifischen Sprachschulen, in denen die Frauen die ganzen Fachwörter lernen können.“ Die „Stark im Beruf“-Projekte bleiben deshalb auch nach Ende der offiziellen Laufzeit Anlaufstellen für die Frauen – weil sie Fragen haben, aber manchmal auch, weil sie jemandem stolz ihre Zukunftspläne vorstellen wollen.

Das Programm

„Stark im Beruf – Mütter mit Migrationshintergrund steigen ein“ fördert rund 90 Projekte bundesweit, Jobcenter sind häufig enge Partner. Bis Mitte 2022 setzt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hierfür 37 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) ein. Fast die Hälfte der Mütter mit Migrationshintergrund ist nicht erwerbstätig, mehr als eine halbe Million dieser Frauen würde gerne sofort einen Job annehmen.

Mehr Informationen zum Projekt finden Sie hier.

 

Bis zum Sommer 2021 haben bei der AWO SPI in Halle 79 Frauen an „Stark im Beruf“ teilgenommen. Zehn konnten eine Arbeit und drei eine Ausbildung beginnen. Sieben haben ein Praktikum und vier eine berufliche Qualifizierung absolviert. Sechs der Teilnehmerinnen konnten ihren Schulabschluss anerkennen lassen.

Bei der Halleschen Jugendwerkstatt nahmen im selben Zeitraum 59 Frauen teil, 13 konnten eine Arbeit und sechs eine Ausbildung beginnen. 18 Teilnehmerinnen haben ein Praktikum absolviert, 24 eine Qualifizierung erlangt und 14 ihren Abschluss anerkennen lassen.