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Beratung

Rettungsanker in rauer See

Das Logo des Projekts Auftrieb in Bochum

Wenn das Diensthandy von Nick Motzkus klingelt, folgt oft kein einfaches Gespräch. Der Sozialarbeiter kümmert sich im Ruhrgebiet um eine anspruchsvolle Klientel. Motzkus arbeitet mit jungen Menschen, in deren Leben kaum etwas in Ordnung ist. Unter ihnen sind 13 Jahre alte Straßenkinder und gerade Volljährige, die trotz ihres jungen Alters schon eine lange psychische Leidensgeschichte hinter sich haben. 

Wenn das Telefon aber klingelt und das Jobcenter dran ist, befürchtet Motzkus nichts Schlimmes, im Gegenteil. So wie in diesem Fall:

„Was machen Sie, wenn gleich noch jemand bei Ihnen vor der Tür steht“, fragt Fallmanager Andreas Schnieber aus dem Jobcenter Bochum.

„Na, ich mache die Tür auf und nicht zu“, antwortet Motzkus.

„Genau das wollte ich hören“, gibt Schnieber zufrieden zurück.

An dieses Telefonat erinnert sich Motzkus, weil es viel über das enge Verhältnis zwischen dem Jobcenter Bochum und dem Projekt „Auftrieb“ erzählt. Beide Seiten – das Jobcenter und die beteiligten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter – haben Vertrauen ineinander und eine gemeinsame Mission: entkoppelte junge Menschen vom Rande der Gesellschaft zurück ins Leben zu holen. Nick Motzkus leitet „Auftrieb“ und weiß mit Fallmanager Andreas Schnieber einen echten Partner an seiner Seite. Schnieber schickt Motzkus regelmäßig neue Teilnehmende – auch wenn es eng wird. So wie am Tag des Telefongesprächs. Die 20 regulären Plätze im Projekt sind vergeben, trotzdem sagt Motzkus Ja.

Bei „Auftrieb“ geht es um die wirklich heiklen Fälle. Manche Jugendliche und junge Erwachsene sind obdachlos, viele süchtig, psychisch erkrankt – und bei allen ist es eine Mischung aus mehreren Schwierigkeiten. „Multiple Problemlagen“ sagt Motzkus dazu. Er und drei Kolleginnen arbeiteten mit den jungen Klientinnen und Klienten daran, „den Tag lebbar zu machen“. Im Team ist auch eine Psychologin. Und Motzkus punktet nicht zuletzt mit reichhaltiger Lebenserfahrung: Er war Chemielaborant, Steuerfachangestellter, Ausbilder, Managementassistent und diplomierter Eventmanager.

Kaum eine oder einer von den jungen Klientinnen und Klienten schaffe es allein zum Jobcenter. „Viele verstehen überhaupt nicht, was das Jobcenter von ihnen will“, sagt Motzkus und versteckt dabei seinen Ruhrpottdialekt nicht. „Sie trauen sich auch nicht mehr nachzufragen.“ Motzkus nimmt sie an die Hand. Er nennt das Verhältnis zu den Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine professionelle Freundschaft. „Durch uns können sie wieder Vertrauen ins Jobcenter fassen.“

Der Weg dorthin ist lang. Unter den „Auftrieb“-Teilnehmenden sind immer wieder welche, die nichts und niemandem mehr vertrauen, auch nicht sich selbst. Die meisten Teilnehmenden in Bochum leiden unter psychischen Problemen bis hin zu umfassenden Sozialphobien. „Wir haben Teilnehmende im Projekt, die es nicht mehr schaffen, ihre Wohnung zu verlassen und einkaufen zu gehen“, erzählt Motzkus. Mit ihnen gehen die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter mal wieder vor die Tür, dann in einen Supermarkt – und irgendwann auch wieder zum Jobcenter. „Unser Programm spricht eine Zielgruppe an, die in mindestens 80 Prozent der anderen Maßnahmen nicht hineinpasst.“

Dieser umfassende Zuschnitt des Projektes kommt an, beobachtet Fallmanager Schnieber: „Reguläre Maßnahmen sind für einige ein Schreckgespenst, denn sie setzen eine feste Tagesstruktur voraus. Für manche ist das ein großes Problem, jeden Tag pünktlich um acht in einem Seminarraum zu sein.“ Deshalb kommt „Auftrieb“ oft zu den Teilnehmenden hin. Einmal pro Woche gibt es Kontakt zu jedem und jeder, der Träger CJD bietet eine offene Sprechstunde, und immer wieder sind Mitarbeitende wie Motzkus mit einem Campingbus unterwegs auf den Straßen. Eine Notfall-Handynummer ist rund um die Uhr erreichbar. 

Mit dem Ansatz schöpft „Auftrieb“ jenes Potenzial aus, das der § 16 h im SGB II den Jobcentern gibt. Geplant ist, „Auftrieb“ mindestens bis Ende 2021 fortzuführen.

Auch das Jobcenter Essen hat ein ähnliches Projekt unter dem Namen „Rückenwind“. Das CJD ist hier ebenfalls Partner des örtlichen Jobcenters. Motzkus ist mit jeweils halber Stelle in Bochum und Essen beschäftigt. Das Besondere bei „Rückenwind“ ist, dass hier das CJD die Teilnehmenden aufsucht und wieder ans Jobcenter heranführt – bei „Auftrieb“ werden neue Teilnehmende in der Regel vom Jobcenter vorgeschlagen.

Und das passiert im Alltagsbetrieb laufend. Eine feste Teilnahmedauer gibt es nicht, einige Jugendliche sind 3 und manche die maximal möglichen 12 Monate dabei. Mehr als die Hälfte nehme das Angebot als ihren „Rettungsanker“ gerne an, sagt Schnieber. „Bei ‚Auftrieb‘ geht es nur langfristig um Arbeit oder Ausbildung. Wer gerade zum Beispiel die Wohnungskündigung erhalten hat oder Besuch vom Gerichtsvollzieher bekommt, der hat für solche Fragen meist nicht den Kopf frei.“

Das Jobcenter kann dank der Möglichkeiten aus § 16 h Hilfestellungen leisten, die junge Menschen stabilisiert. Das gilt selbst dann, wenn sie zu diesem Zeitpunkt kein Arbeitslosengeld II erhalten, weil sie völlig entkoppelt leben und sämtliche Fristen überschritten haben. Die Unterstützung, die sie bekommen, ist so persönlich auf sie zugeschnitten, dass auch Schnieber sie mit den „individuellen Hilfen eines großen Bruders oder einer großen Schwester“ vergleicht.

Leider, sagt Motzkus, gebe es dafür eine große Zahl von Bedürftigen. Allein in Bochum könnten sie mehr als die vorhandenen 20 Plätze besetzen. Dennoch plädiert er für Augenmaß, um die hohe Qualität und Individualität beizubehalten: „Wir wollen ja keine Massen verarbeiten.“