Trotz unterschiedlicher Sozialstaatssysteme verbindet die Steiermark und Braunschweig mehr, als man denkt: Beide Regionen sind vom Strukturwandel in der Automobilbranche betroffen. Gleichzeitig beschäftigt sie auch der Umgang mit den steigenden Anforderungen in der Betreuung von langzeitleistungsbeziehenden Menschen. Um Wissen zu teilen und neue Lösungen für die Praxis zu finden, arbeiten Arbeitsmarktservice und Jobcenter nun in einer länderübergreifenden Lernpartnerschaft zusammen. Im Interview berichten Oliver Bossow, Leitung des Jobcenters Braunschweig und Karl-Heinz Snobe, Landesgeschäftsführer des AMS Steiermark, was der offene Austausch in beiden Organisationen verändert.
Herr Bossow, was kann Braunschweig vom AMS lernen?
Oliver Bossow: Vor allem das Mindset können wir uns abschauen: Neues ausprobieren, schnell evaluieren, mutig anpassen. Das AMS hat eine Kultur, in der Innovation selbstverständlich ist. Sie testen neue Konzepte schnell und pragmatisch, und passen bei Bedarf an. Dazu gehört unter anderem der sogenannte Plan-Do-Check-Act-Zyklus – eine iterative Management-Methode, zum Planen, Durchführen, Prüfen und Aushandeln von verbesserten Prozessen. Auch der konsequente Einsatz von Kennzahlen ist vorbildlich. Beides bestärkt uns darin, eigene Pilotierungen konsequenter zu verfolgen und Kennzahlen effektiver zu nutzen. Denn all diese Werkzeuge stärken eine zukunftsfähige Integrationsarbeit, gerade in Zeiten eines steigenden Fachkräftebedarfs und Strukturwandels.
Herr Snobe, welche Rolle spielen strukturelle Gemeinsamkeiten bei Ihrem Austausch, wie etwa die Bedeutung der Automobilbranche?
Karl-Heinz Snobe: Eine Große. Die Steiermark und Braunschweig sind beide stark von der Automobilindustrie geprägt. Bei uns ist es Magna, in Braunschweig Volkswagen. Die Transformation der Branche betrifft trotz der Entfernung beide Regionen. Es gibt jetzt neue Qualifikationsprofile, Unsicherheit in Betrieben und veränderte Arbeitskräftebedarfe. Das erhöht den Druck auf unsere Systeme. Um Menschen langfristig beruflich zu stabilisieren, müssen wir sie deshalb frühzeitig weiterbilden. Durch den Austausch können wir hierbei voneinander lernen, in dem wir effektive Praxislösungen miteinander teilen. Davon profizieren wir enorm.
Schon gewusst?
Während Deutschland die Zuständigkeiten für Arbeitsuchende zwischen Bundesagentur für Arbeit und Jobcentern trennt, bündelt das Arbeitsmarktservice Österreich alle Aufgaben der Arbeitsmarktintegration in einer einzigen Organisation. Das AMS betreut sie vom befristeten Arbeitslosengeld bis hin zur Notstandshilfe. Zudem gibt es keine institutionelle Trennung zwischen Geldleistung und Integrationsarbeit.
Wie kam die Zusammenarbeit zwischen Ihren Einrichtungen zustande? Und was macht den Austausch besonders?
Oliver Bossow: Die Zusammenarbeit entstand im Rahmen einer institutionell etablierten Lernpartnerschaft zwischen der Bundesagentur für Arbeit und dem Arbeitsmarktservice Österreich. Auf dieser Grundlage wurden die Bundesländer Niedersachsen und die Steiermark miteinander verknüpft. Die Kolleginnen und Kollegen vom Arbeitsmarktservice Österreich waren sehr motiviert und das war von Anfang an ansteckend. Wir konnten offen über Herausforderungen sprechen, zum Beispiel darüber, wie sich der Langzeitleistungsbezug trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen eindämmen lässt. Das war sehr hilfreich. Eine Lernpartnerschaft lebt davon, dass beide Seiten ehrlich sind.
Karl‑Heinz Snobe: Ausgehend von Vorgesprächen kam der konkrete Impuls für den Austausch gezielt mit dem Jobcenter Braunschweig, da dort besonders wirksame Ansätze im Umgang mit Langzeitarbeitslosigkeit umgesetzt werden. Eines der dringendsten Anliegen für uns war tatsächlich die Frage: Wie gelingt es Braunschweig, Langzeitleistungsbeziehende trotz schwieriger Rahmenbedingungen besser zu vermitteln als viele andere Regionen? Antworten erhielten wir ganz praktisch am Besuchstag mit einer Jobcenter-Reise. Hier wechselten wir die Perspektive und erlebten den Weg eines Leistungsberechtigten durchs Jobcenter – von der Eingangstür bis zum Einzelgespräch. Mich überzeugte vor allem die Kombination aus kleinen Gruppenformaten, individueller Zielklärung und nachgehender Betreuung durch Coaches.
Langzeitleistungsbezug im Jobcenter Braunschweig
Nachdem im April 2022 Geflüchtete aus der Ukraine aus dem AsylbLG in den Rechtskreis SGB II überführt wurden, stieg auch in Braunschweig die Zahl der Bedarfsgemeinschaften (BG) an, gefolgt von dem verzögerten Effekt im April 2024 für den Langzeitleistungsbezug (LZB). Oliver Bossow erklärt: Man kann anhand der Zahlen erkennen, dass die Entwicklung der LZB allerdings nicht der Entwicklung der BG/eLB gefolgt ist. Es gab faktisch keinen so starken Anstieg bei den LZB, obwohl die BG/eLB aufgrund des Rechtskreiswechsels angestiegen sind. Der Aufwuchs konnte also begrenzt werden.
Eine Lernpartnerschaft setzt Vertrauen voraus. Welche konkreten Impulse haben Sie aus Braunschweig mitgenommen?
Karl-Heinz Snobe: Wir haben die Zielgruppenauflösung direkt übernommen und in unserer größten Geschäftsstelle in Graz umgesetzt. Leistungsberechtigte werden nun, wie in Braunschweig, nach ihrem Unterstützungsbedarf anstatt nach Alter, Familienstand oder Fluchtgeschichte zugeteilt. Außerdem greifen wir die Idee der kleineren Gruppenveranstaltungen auf. Wir wollen mit Gruppen von maximal zwanzig Personen die Wirksamkeit der Termine erhöhen. Das Modell aus Braunschweig zeigt uns auch, wie wichtig intensive, nachgehende Betreuung ist, also die Betreuung durch Coaches, die langzeitleistungsbeziehende Menschen auch nach einer Arbeitsaufnahme weiter begleiten.
Wie geht es mit der Lernpartnerschaft weiter?
Oliver Bossow: Wir planen derzeit das AMS in Graz besuchen. Dort wollen wir uns ansehen, wie die Kolleginnen und Kollegen den Strukturwandel und die Herausforderungen im Langzeitleistungsbezug strategisch begleiten.
Karl-Heinz Snobe: Beim nächsten Mal möchten wir die Zusammenarbeit vertiefen und als Gastgeber genauer auf unsere Arbeitsweise eingehen. Lernpartnerschaften sind im AMS über das gesamte Bundesgebiet etabliert. Wir wollen diese Methode zukünftig auch verstärkt mit dem Jobcentern Braunschweig nutzen. Die Verbindung zeigt uns, wie wertvoll grenzübergreifender, offener Austausch ist.
Lernpartnerschaften durch die Bundesagentur für Arbeit und das Arbeitsmarktservice Österreich koordiniert
Ausgangspunkt der Lernpartnerschaft mit der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen ist ein Beschluss des AMS-Vorstandes. Es wurden Kooperationen der österreichischen Bundesländer mit der Bundesagentur für Arbeit und deren Regionaldirektionen gestartet, um über einen längeren Zeitraum hinweg strategische Themen gemeinsam zu bearbeiten und gegenseitige Lernpotenziale zu orten. So bestehen heute bereits einige Lernpartnerschaften zwischen verschiedenen AMS-Standorten und Jobcentern.
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