Herr Osiander und Herr Ramos Lobato, was ist die OnJob-Befragung und welches Ziel verfolgt sie?
Christopher Osiander: Die OnJob-Befragung ist eine Online-Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter Beschäftigten in den Jobcentern und wurde ursprünglich im Zuge der Bürgergeldreform eingeführt. Inzwischen betrachten wir aber nicht mehr nur die Auswirkungen dieser Reform. Wir befassen uns darüber hinaus auch mit anderen Entwicklungen und politischen Veränderungen, die die Arbeit in den Jobcentern beeinflussen. Dafür befragen wir zum dritten Mal Jobcenterleitungen sowie Beschäftigte auf der operativen Ebene, wie zum Beispiel Integrationsfachkräfte und Mitarbeitende in der Leistungsbearbeitung. Uns interessiert ihre Sicht auf aktuelle Themen rund um die Grundsicherung für Arbeitsuchende. Mithilfe der Ergebnisse können wir die Entwicklungen in den Jobcentern besser verstehen und wissenschaftlich analysieren.
Wer kann an der Umfrage teilnehmen?
Christopher Osiander: Wir arbeiten mit einer zweigeteilten Stichprobe, bestehend aus Befragten der gemeinsamen Einrichtungen (gE) und der kommunalen Jobcenter (zkT). In gE wählen wir zufällig Beschäftigte aus und laden sie zur Teilnahme ein. In den zkT erfolgt die Einladung über die Jobcenterleitungen. Dort können alle Beschäftigten teilnehmen, die eine Einladung weitergeleitet bekommen.
Philipp Ramos Lobato: Wichtig ist: Interessierte können sich nicht selbst für die Befragung anmelden. Das hat einen wichtigen Grund: Würden sich nur freiwillig Interessierte beteiligen, könnten bestimmte Sichtweisen überrepräsentiert sein. Die Ergebnisse könnten dadurch verzerrt werden. Um ein möglichst realistisches Bild zu erhalten, setzen wir auf ein zufälliges Auswahlverfahren, das solche Verzerrungen vermeidet.
Gibt es Änderungen im Aufbau oder Vorgehen bei der dritten Befragung?
Christopher Osiander: Größere Veränderungen gibt es nicht. Wir schreiben dieselben Personen an, die wir in der Vergangenheit gezogen haben – wie in der vorherigen Befragungswelle. Bestimmte Fragen stellen wir in jeder Befragungswelle, damit wir Entwicklungen über die Zeit beobachten können. Ein paar Inhalte passen wir jedoch an, um aktuelle Diskussionen aufzugreifen.
Philipp Ramos Lobato: Außerdem bleiben die Fragebögen an die jeweilige Arbeitssituation angepasst. Das heißt: Beschäftigte in der Leistung erhalten teilweise andere Fragen als Integrationsfachkräfte, weil sich ihre Aufgaben unterscheiden. Zudem bleibt die Dauer der Befragung bei etwa 25 bis 30 Minuten.
Sie erwähnten neue inhaltliche Schwerpunkte. Können Sie Beispiele nennen?
Christopher Osiander: Wir greifen mehrere aktuelle Themen auf. Dazu gehören Leistungsminderungen, der Umgang mit Leistungsmissbrauch sowie die Frage, wann Leistungsberechtigte als erwerbsfähig gelten. Außerdem führen wir erstmals ein neues Befragungselement ein: Wir legen den Teilnehmenden kurze, fiktive Fallsituationen vor und fragen sie, wie sie in diesen Situationen entscheiden würden. Die beschriebenen Situationen unterscheiden sich jeweils in einzelnen Merkmalen. So können wir analysieren, welche Faktoren für die Einschätzung der Befragten besonders wichtig sind.
Philipp Ramos Lobato: Der Schwerpunkt bei diesem Teil der Be-fragung liegt auf dem Thema Leistungsminderungen. Uns interessiert, wie Fachkräfte bestimmte Situationen bewerten und welche Rolle dabei die Umstände des Einzelfalls spielen. Mit diesen Fallbeispielen möchten wir besser verstehen, welche Aspekte Entscheidungen beeinflussen.
Welche zentralen Erkenntnisse konnten Sie aus den bisherigen Befragungen gewinnen?
Christopher Osiander: Wir beobachten, dass Weiterbildungen ein wichtiges Thema für die Befragten sind. Integrationsfachkräfte berichten, dass fehlende schulische oder fachliche Grundlagen der Leistungsberechtigten häufig eine Teilnahme an Maßnahmen erschweren. Auch gesundheitliche Probleme der Leistungsberechtigten und knappe Budgets spielen hier eine wichtige Rolle. Zudem sehen die Befragten Hindernisse bei der Vereinbarkeit von Weiterbildung und Kinderbetreuung. Gerade Frauen mit Kindern betrifft das sehr häufig, weil es zu wenig passende Teilzeit-Weiterbildungen gibt. Hier sehen Fachkräfte noch ungenutzte Potenziale.
Philipp Ramos Lobato: Ein weiteres wichtiges Thema ist die Erwerbsfähigkeit. Viele Mitarbeitende der Jobcenter schildern, dass sie bei einem Teil der Leistungsberechtigten erhebliche gesundheitliche Einschränkungen wahrnehmen. Aus ihrer Sicht sollte der Übergang in passende Unterstützungssysteme für diese Personen leichter möglich sein. Deshalb gehen wir in der kommenden Befragungswelle noch intensiver auf dieses Thema ein.
Wann liegen erste Ergebnisse der dritten Welle vor?
Christopher Osiander: Die Befragung soll im Oktober 2026 starten. Der genaue Zeitpunkt steht jedoch noch nicht endgültig fest. Die Erhebung dauert dann voraussichtlich vier bis sechs Wochen. Mit ersten Veröffentlichungen rechnen wir im Laufe des ersten Halbjahres 2027.
Wird es weitere OnJob-Befragungen geben?
Philipp Ramos Lobato: Ja. Nach der dritten Welle planen wir voraussichtlich eine vierte Befragung im Jahr 2028. Angedacht ist, in dieser Welle die Stichprobe nochmal aufzustocken. Das ist notwendig, weil sich natürlich über die Jahre Aufgaben und Zuständigkeiten bei den Befragten ändern. So stellen wir sicher, dass die Befragung weiterhin repräsentativ bleibt und die Gesamtheit der Mitarbeitenden der Jobcenter abbildet.
Was möchten Sie den Jobcentern vor der Befragung noch mitgeben?
Christopher Osiander: Wir möchten uns bei allen bedanken, die sich an den vergangenen Befragungen beteiligt haben. Jede Teilnahme hilft uns, ein realistisches Bild der Arbeit in den Jobcentern zu erhalten. Ihre Antworten bilden die Grundlage unserer wissenschaftlichen Arbeit und unserer Politikberatung. Wir erleben, dass die Ergebnisse auch in Politik und Verwaltung auf großes Interesse stoßen. Ministerien, die Bundesagentur für Arbeit, kommunale Spitzenverbände und weitere Akteure nutzen sie für ihre Arbeit. Deshalb freuen wir uns über jede Kollegin und jeden Kollegen, die oder der eine Einladung erhält und an der Befragung teilnimmt.
Philipp Ramos Lobato: Dem schließe ich mich an. Wir würden uns sehr freuen, wenn die Beteiligung auch in Zukunft hoch bleibt. Langfristige Befragungen sind besonders wertvoll, weil sie zeigen, wie sich die Arbeit der Jobcenter über die Jahre verändert. Gerade angesichts möglicher Sozialstaatsreformen kann das wichtige Erkenntnisse liefern – auch für die Jobcenter selbst.
Weitere Informationen
...finden Sie im Infopaket des IAB: Online-Jobcenter-Befragung des IAB – Welle 3 – 2026 [PDF, 208KB]
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Noch mehr zu OnJob-Befragungen lesen Sie in unseren Interviews zur ersten und zweiten Befragungswelle.
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