Frau Johannsen, wie ist das Projekt FRIDA! entstanden und an wen richtet es sich?
Laura Johannsen: Das Jobcenter Bremen hat das Projekt FRIDA! Frauen in der Arbeitswelt entwickelt, um Frauen gezielter bei der Integration in Arbeit zu unterstützen – insbesondere jene, die von bestehenden Angeboten weniger profitieren. Gleichzeitig wollen wir herausfinden, was Frauen davon abhält, erwerbstätig zu sein und mit welchen Methoden wir dem am besten begegnen können. Daraus wollen wir natürlich auch Erkenntnisse für das ganze Haus nutzbar machen. Anlass war eine Zielvereinbarung zur Förderung von Frauen. Eine Projektgruppe aus unterschiedlichen Bereichen bereitete das Vorhaben ein Jahr lang vor. Ich habe mit Projektstart Anfang 2023 die Leitung übernommen. Aktuell läuft das Projekt im dritten Jahr. Insgesamt betreuen wir über fünf Jahre hinweg drei verschiedene Zielgruppen nacheinander – Frauen in Partnerschaften mit gesicherter Kinderbetreuung, Frauen bei denen die Kinderbetreuung noch nicht gesichert ist und das jüngste Kind unter 3 Jahren ist und alleinerziehende Mütter sowie alleinstehende Frauen, die langzeitarbeitslos sind. Alle haben gemeinsam, dass sie Unterstützung beim (Wieder-Einstieg) in Arbeit oder Qualifizierung benötigen.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen häufig – und wie reagieren Sie darauf?
Laura Johannsen: Viele Frauen haben geringe Deutschkenntnisse. Die Teilnahme an Sprachkursen wird oft durch Schwangerschaft, Pflege oder fehlende Betreuung unterbrochen. Zudem sind klassische Rollenbilder weit verbreitet: Frauen übernehmen oft allein die Sorgearbeit, bringen ihre Partner zu Gesprächen mit oder trauen sich wenig zu. Auch das Selbstbewusstsein fehlt häufig – gerade bei Frauen ohne Schulabschluss oder Berufserfahrung. Wir reagieren mit passenden Angeboten wie der Maßnahme ‚FOkuS‘ (Frühe Orientierung mit Kind und Sprache), die Sprachförderung und Kinderbetreuung verbindet, oder Bewerbungstrainings, die auf Stärken aufbauen. Ziel ist, praktische Unterstützung zu bieten – nah an der Lebenslage der Frauen. Ergänzend dazu fördern wir den Austausch untereinander, etwa im Mutter-Kind-Café oder in einer eigens eingerichteten Sprachwerkstatt. Solche Orte geben den Frauen Sicherheit und helfen, Barrieren abzubauen.
Welche Ansätze haben sich in der praktischen Begleitung besonders bewährt?
Laura Johannsen: Vertrauensaufbau ist zentral. Zu Beginn führen wir intensive Gespräche, um die individuelle Situation zu verstehen. Einige Frauen begleiten wir auch persönlich zu Trägern, Ämtern oder Arbeitgebern. Besonders wirkungsvoll sind Formate, die Austausch ermöglichen. Ein Beispiel ist die ‚Job-Safari‘: In kleinen Gruppen bereiten sich die Frauen vor, besuchen gemeinsam Betriebe und bewerben sich direkt. Eine Teilnehmerin hat danach zum Beispiel zum ersten Mal alleine eine Onlinebewerbung abgeschickt. Solche Schritte zeigen, wie wichtig persönliche Erlebnisse für das Selbstvertrauen sind. Wir sehen außerdem: Wenn Frauen sich gegenseitig unterstützen, entstehen Netzwerke, die sie nachhaltig stärken. Das erleben wir immer wieder – auch bei kleineren Formaten wie Bewerbungstrainings, in denen sie ihre Stärken selbst entdecken.
Welche Rolle spielen Spezialisierung und Zusammenarbeit mit Partnern?
Laura Johannsen: Spezialisierte Ansätze lohnen sich – das zeigt FRIDA! sehr deutlich. Die enge Zusammenarbeit im Team, der kollegiale Austausch und die enge Betreuung schaffen eine gute Grundlage. Gleichzeitig arbeiten wir mit internen und externen Partnern zusammen: Mit dem Arbeitgeber-Service bieten wir regelmäßige Gespräche an. Auch der ärztliche Dienst ist eingebunden, etwa bei Gesundheitsgesprächen speziell für Frauen. Wir nutzen zudem Räume außerhalb des Jobcenters, zum Beispiel Mütterzentren oder Vereine. Das schafft Vertrauen und bringt uns näher an die Lebensrealität der Frauen. Neue Kooperationen entwickeln wir oft direkt aus dem Bedarf heraus, wenn wir feststellen, dass es für bestimmte Gruppen kein passendes Angebot gibt. So sind viele Formate überhaupt erst entstanden.
Wie messen Sie den Erfolg des Projekts?
Laura Johannsen: Wir vergleichen unsere Projektteilnehmerinnen mit einer Kontrollgruppe aus dem Jobcenter Bremen – mit ähnlichem Profil, aber ohne FRIDA!-Teilnahme. Unsere Ergebnisse sind durchweg besser: mehr Beratung, höhere Integrationsquoten, mehr Teilnahme an Maßnahmen. Das zeigt, dass sich gezielte und engmaschige Betreuung auszahlt. Unsere Erkenntnisse dokumentieren wir regelmäßig, zum Beispiel in Abschlussberichten zu jeder Zielgruppe. Sie enthalten Daten, Praxisbeispiele sowie Rückmeldungen der Frauen und bilden die Grundlage für die Weiterentwicklung des Projekts.
Was möchten Sie anderen Jobcentern mitgeben – und was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Laura Johannsen: Es ist wirksam, die Potenziale von Frauen systematisch zu erfassen und in die Integrationsarbeit einzubeziehen. Der enge kollegiale Austausch und eine Spezialisierung auf bestimmte Zielgruppen können dabei helfen. Wichtig ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, die intensive Betreuung ermöglichen. Ich wünsche mir, dass das kein Ausnahmefall bleibt. Wenn wir langfristig erfolgreich integrieren wollen, braucht es dafür ausreichend Personal und strukturelle Unterstützung. Gleichzeitig sollten wir offen bleiben für neue Wege – und dafür, auch mal Dinge auszuprobieren. Denn wir sehen: Es wirkt.
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