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„Mit Vertrauen kommen wir sehr weit“ – Interview mit Dr. Yvonne Kaiser

Seit April 2022 leitet Dr. Yvonne Kaiser die Abteilung II des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS). Im Interview beschreibt sie ihre Aufgaben, die anstehenden Veränderungen durch das Bürgergeld – und welche Themen ansonsten auf ihrer Agenda stehen.

Dr. Yvonne Kaiser

Zur Person: Dr. Yvonne Kaiser leitet seit 19. April 2022 die Abteilung II (Arbeitsmarktpolitik, Arbeitslosenversicherung, Bürgergeld, Grundsicherung für Arbeitsuchende) im BMAS, die unter anderem für den Bereich SGB II verantwortlich ist. Frau Dr. Kaiser ist Volkswirtin und arbeitet seit dem Jahr 2000 in verschiedenen Funktionen im BMAS, darunter auch mehrfach in der Abteilung II. Zuletzt war sie Leiterin der Unterabteilung „Personal, Innerer Dienst, Recht“ in der Zentralabteilung des BMAS.

 

Sie haben gerade eine neue Position übernommen. Wie würden Sie Ihrem privaten Umfeld Ihre Aufgabe im BMAS beschreiben? 

Dr. Yvonne Kaiser: Das ist nicht so einfach, weil die meisten Menschen nicht wirklich wissen, wie in einem Ministerium gearbeitet wird. Meistens sage ich zuerst, dass es die Aufgabe des Ministeriums ist, die Arbeitswelt mit zu gestalten und die sozialstaatlichen Instrumente fortzuentwickeln. Die anspruchsvollen und spannenden Themenfelder werden in einzelnen Fachabteilungen bearbeitet. Die Abteilung Arbeitsmarktpolitik, Arbeitslosenversicherung, Bürgergeld, Grundsicherung für Arbeitsuchende hat rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Unsere Aufgabe ist es, den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil bei seiner Arbeit bestmöglich zu unterstützen. Die fachlichen Aufgaben werden von den Expertinnen und Experten in der Abteilung bearbeitet. Meine Aufgaben liegen in der Koordination und Steuerung, aber auch in der Kommunikation. Ich versuche für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen und übernehme die Verantwortung für die Arbeit der Abteilung.

 

Zu den großen Vorhaben im SGB II der kommenden Monate zählt die Einführung des Bürgergelds. Was wird sich dadurch verändern?

Dr. Yvonne Kaiser: Ich sehe die Einführung des Bürgergelds als unsere aktuell wichtigste Aufgabe an. Der Koalitionsvertrag sieht einen grundlegenden Wandel hin zu einem ermöglichenden, lernenden und digitalen Staat vor, der vorausschauend für die Bürgerinnen und Bürger handelt. Es geht beim Bürgergeld darum, das Leben der Menschen einfacher zu machen und eine neue Kultur der Zusammenarbeit entstehen zu lassen. Der Koalitionsvertrag zielt auch auf mehr Respekt und Umgang auf Augenhöhe ab. Diese Haltung gilt es auch bei der Einführung des Bürgergelds umzusetzen. Die neuen Regelungen aus Sicht der Menschen zu entwerfen, für deren Unterstützung sie da sind, finde ich einen sehr demokratischen und modernen Ansatz. Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, dass wir dies für Menschen machen, die froh wären, wenn sie nicht auf staatliche Hilfe angewiesen wären. Ich habe den Eindruck, dass viele häufig zuerst an Menschen denken, die das soziale Sicherungsnetz zum eigenen Vorteil benutzen könnten. In den vielen Jahren meiner Tätigkeit im Bereich Personal habe ich hingegen die Erfahrung gemacht, dass wir mit Vertrauen sehr weit kommen und mit Misstrauen schnell an Grenzen stoßen. Unsere Aufgabe ist es, die geltenden Regeln zu überprüfen, ob sie dieser Haltung entsprechen, und weiter zu verbessern. Aber die gesetzlichen Regelungen sind nur ein Teil der Realität. Mindestens genauso wichtig oder sogar wichtiger ist, wie sie umgesetzt werden. Das Bürgergeld wird nur dann erfolgreich sein, wenn wir seine Umsetzung zu unserer gemeinsamen Aufgabe machen. Dafür brauchen wir die tatkräftige Unterstützung der Mitarbeitenden in allen Jobcentern.

 

Es gibt viele weitere übergreifende Themen: Neues Arbeiten nach der Pandemie, Digitalisierung der Verwaltung, der Fachkräftemangel – welches steht warum ganz oben auf Ihrer persönlichen Agenda?

Dr. Yvonne Kaiser: Mittlerweile alle. Der Fachkräftemangel ist das Thema unter den dreien, das uns schon am längsten begleitet. Wir brauchen mehr gut qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Inland und auch aus dem Ausland. Hierfür wurde bereits viel getan, aber wir müssen unsere Aktivitäten weiter ausbauen. Im Ministerium widmet sich diesem Thema seit der neuen Legislaturperiode eine eigene Abteilung, mit der ich eng zusammenarbeite. Die Digitalisierung war natürlich auch schon vor der Pandemie Thema, aber sie hat durch COVID-19 einen deutlichen Schub bekommen. Wir haben Vieles möglich gemacht, als es darum ging, mit den Bürgerinnen und Bürgern in Kontakt zu treten, ohne ihnen persönlich zu begegnen. Das war gut so. Aus meiner Sicht ist die Digitalisierung der Verwaltung ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einem modernen Staat. Hier gibt es noch viel zu tun. Als ehemals zuständige Unterabteilungsleiterin für das Personal des BMAS und des Geschäftsbereichs habe ich miterlebt und mitgestaltet, wie sich die Arbeitsweise des Ministeriums in den vergangenen zwei Jahren verändert hat. Und auch in diesen Veränderungen sehe ich klare Vorteile. Die mobile Arbeit hat es vielen Beschäftigten ermöglicht, Privatleben und Berufsleben besser miteinander zu vereinbaren. Und die Abkehr von der Präsenzkultur hat insbesondere denen neue Möglichkeiten der Teilhabe am Arbeitsleben eröffnet, die zuvor nicht immer präsent waren. Wenn Besprechungen und Terminbegleitungen digital stattfinden, können auch die teilnehmen, die sie vorbereitet haben - egal, von wo aus sie gerade arbeiten. Das ist aus meiner Sicht eine tolle Entwicklung.

 

Für die Jobcenter und für das BMAS war die Pandemie eine bewegte Zeit. Welchen positiven Schwung nehmen Sie mit für die Zukunft?

Dr. Yvonne Kaiser: Ich bin beeindruckt, was wir alle in den vergangenen zwei Jahren geschafft haben. Und damit meine ich jeden einzelnen Menschen. Ich weiß noch, wie ich vor nunmehr gut zwei Jahren morgens auf menschenleeren Straßen quer durch Berlin mit dem Fahrrad ins Ministerium gefahren bin. Berlin war menschenleer. Wir waren alle zutiefst verunsichert, was der Corona-Ausbruch für unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unser Leben bedeutet. Und wenn ich jetzt sehe, wie wir mit den immer neuen Herausforderungen der Pandemie umgegangen sind, dann macht mich das stolz. Ich finde es sehr beruhigend zu wissen, wie schnell wir uns auf zuvor nicht vorstellbare Herausforderungen einstellen können. Daraus können wie eine große Zuversicht für unser künftiges Wirken ziehen.

 

Ganz akut ist derzeit die Betreuung von Geflüchteten aus der Ukraine. Wie können die Jobcenter dabei helfen? 

Dr. Yvonne Kaiser: Wir arbeiten aktuell daran, dass die Geflüchteten aus der Ukraine zeitnah Leistungen der Grundsicherung beziehen und in die Betreuung der Jobcenter übergehen können. Das halte ich für einen wichtigen Beitrag, um ihnen zu zeigen, dass sie hier willkommen sind. Das wäre auch meine wichtigste Bitte an die Jobcenter: Heißen Sie die Geflüchteten willkommen und bieten Sie Ihre Unterstützung an. Im Moment geht es zunächst um finanzielle und humanitäre Hilfe. Niemand weiß, wie lange die Geflüchteten in Deutschland bleiben werden. Aber das sollte uns nicht dazu veranlassen, erst einmal in eine Warteposition zu gehen: Sprachförderung, Kinderbetreuung und die Vermittlung in Berufe, die der Ausbildung und Arbeitserfahrung der Geflüchteten entsprechen, sind wichtige Voraussetzungen, dass sich die Menschen bei uns wohlfühlen. Ob sie eines Tages wieder in ihre Heimat zurückkehren können und wollen, werden wir sehen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen jeden Schritt hier bei uns zu erleichtern.