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Beratung

Gute Beratung im Jobcenter – Expertinnen und Experten diskutieren bei Tagung des Netzwerkes SGB II

Hinter der Beratungspraxis in den Jobcentern liegen zweieinhalb bewegte Jahre. Die Corona-Pandemie machte lange Zeit Beratung in traditioneller Form unmöglich und zwang zu neuen Konzepten. Wie und wo gute Beratung künftig ansetzen sollte und welche Perspektiven es gibt, darüber diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Verbänden und Jobcentern auf einer Tagung des Netzwerkes SGB II.

Was zeichnet gute Beratung im Jobcenter aus? Darüber diskutierten mehr als 200 Teilnehmende aus Jobcentern, dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), der Bundesagentur für Arbeit (BA) sowie aus Wissenschaft und Verbänden. Die Tagung am 2. und 3. Juni 2022 in Wuppertal wurde vom Verein Beschäftigungspolitik: kommunal e.V. in Kooperation mit dem Jobcenter Wuppertal und dem Bundesnetzwerk der Jobcenter veranstaltet. Gefördert wurde der Expertinnen- und Expertentreff vom BMAS.

Die Beratungspraxis in den Jobcentern steht aktuell vor vielen Herausforderungen. Die Bundesregierung will das SGB II reformieren: aus Arbeitslosengeld II soll Bürgergeld werden. Damit wird der Beratungssauftrag der Jobcenter anders gefasst. Zudem gilt es, nach der Pandemie an den alternativen Kontaktwegen zu den Leistungsberechtigten festzuhalten und diese auszubauen. Und nicht zuletzt geht es auch darum, die Geflüchteten aus der Ukraine bestmöglich zu integrieren und Teilhabechancen zu bieten.

Unter dem Oberthema „Beratungsqualität als strategische Herausforderung für Führung, Fachkonzepte und Praxis in den Jobcentern“ lieferten insgesamt je sechs praxisnahe Plenumsvorträge und Forendiskussionen wertvolle Impulse zu vielschichtigen Themenkomplexen. Dabei kamen sowohl Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik als auch Mitarbeitende der Jobcenter zu Wort. Letztere brachten unter anderem aufschlussreiche „Best-Practice“-Beispiele aus ihren Häusern mit.

Wo steht die Beratungspraxis aktuell?

Nicht nur in den Vorträgen, sondern auch in informellen Gesprächen am Rande waren sich die Teilnehmenden einig: Die vergangenen zweieinhalb Jahre haben in der Beratungspraxis etliches auf den Kopf gestellt. Während einerseits pandemiebedingt der Anteil Leistungsbeziehender zeitweise rapide anstieg, fielen andererseits die Präsenztermine weg – und die Jobcenter mussten in kürzester Zeit alternative und kreative Wege finden, um die Leistungsberechtigten gut unterstützen zu können. Davon könne auch vieles nach Ende der Corona-Pandemie genutzt werden, um die Beratungsqualität zu verbessern, so der übergreifende Tenor.

Der Arbeitsmarkt habe sich insgesamt von den Einbrüchen der Corona-Krise gut erholt, wie der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, erläuterte. Die Anzahl der Personen in Kurzarbeit gehe stark zurück. Ebenso sinke die Zahl der Arbeitslosen. Angespannt bleibe die Situation aber im SGB II, auch aufgrund der Aufnahme vieler Geflüchteter aus der Ukraine. Zudem würden die nach wie vor vorhandenen Strukturprobleme des Arbeitsmarktes vor allem bei den Leistungsberechtigten, die in den Jobcentern betreut werden, sichtbar: Mehr als die Hälfte hat demnach keinen Berufsabschluss, viele Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete brauchen Unterstützung bei der Integration. Wie also kann fundierte Beratung in Zukunft aussehen?

Was gute Beratung leisten sollte

Wertschätzend, respektvoll und bedürfnisorientiert: Gleich mehrere Vorträge widmeten sich den Merkmalen, die eine gute Beratung auszeichnen. In jedem Gespräch müsse die oder der Beratene mit seinen individuellen Gegebenheiten im Mittelpunkt stehen. Und: Eine ganzheitliche Beratung, die sowohl die jeweilige Lebensrealität als auch das Umfeld in den Blick nimmt, funktioniert nicht nach einem „Schema X“. Gleich mehrere Vortragende thematisierten in diesem Zusammenhang den Zeitaspekt. Fundiert beraten lasse sich nur, wenn genügend Zeit vorhanden sei – und die Beratenden neben dem nötigen Fachwissen auch Empathie und Engagement mitbrächten. Auf dieser Basis lasse sich das wichtige Vertrauen zueinander aufbauen.

Eine „Beratung auf Augenhöhe“ könnte allerdings  ein Trugschluss sein, gab ein Vortrag zu bedenken. Die Beraterin oder der Berater werde am Ende stets als Teil der Institution Jobcenter wahrgenommen, und müsse sich selbst eher als „Möglichmacher“ oder Impulsgeberin beziehungsweise -geber sehen. Für die gute Beratungspraxis wurden weitere wichtige Punkte genannt:

  • Beratung allein reicht manchmal nicht aus. Im Sinne der „Hilfe zur Selbsthilfe“ sollten auch Orientierungshilfen vor der Vermittlung oder assistierte Vermittlungen zum Einsatz kommen.

  • Einfache Sprache kann das gegenseitige Verständnis und damit die Beratungsqualität steigern, vor allem, wenn Leistungsbeziehende beraten werden, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

  • Durch eine motivierende Gesprächsführung erhöht sich die Beratungsakzeptanz.

  • Eine enge Zusammenarbeit mit regionalen Netzwerken und Trägern kann entscheidend zum Beratungserfolg beitragen.

Teilnehmende tauschen sich in Wuppertal über gute Beratungspraxis aus.

Zeit, Geld, Quoten: Herausforderungen für die Beratungspraxis?

Doch auch über Aspekte, die gute Beratung erschweren, diskutierten die Teilnehmenden rege. Vor allem der Zeitfaktor wurde mehrfach angesprochen. „Zeit kostet Geld“, lautete eine Wortmeldung – von beidem werde aber mehr benötigt. Ebenso wurde angemerkt, dass häufige Personalwechsel den Vertrauensaufbau zu den Beratenen erschwerten.

Kritische Blicke fielen zudem auf Punkte, die aktuell fester Teil der Beratungspraxis sind. So wurde etwa hier und da hinterfragt, ob das „Festhalten an Quoten“ noch im Einklang mit einer guten und ergebnisorientierten Beratungsleistung stehen könne. Auch quantitative Vorgaben, wie derzeit das Vier-Phasen-Modell der Beratung, wurden teils als einengend und nicht immer zielführend empfunden.

Großer Konsens herrschte bei dem Thema „Neuerungen durch die Pandemie“ sowie darüber, dass die berufliche Weiterbildung der Leistungsberechtigten intensiviert werden müsse. Die Pandemie habe verdeutlicht, wo die Jobcenter nachrüsten müssen. Instabiles Internet, fehlende Hardware für Videokonferenzen und digitale Beratungskontakte, Datenschutzfragen sowie mangelnde Digitalisierungskompetenzen forderten die Jobcenter heraus. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass die Pandemie eine Laborsituation geschaffen habe, in der Neues erprobt wurde. Digitale Kontakte würden in der Beratungspraxis künftig eine größere Rolle spielen. Bei der beruflichen Weiterbildung brauche es Reformen, um die Leistungsberechtigten des SGB II besser erreichen zu können. Über das noch bestehende Gebot, Umschulungen in maximal zwei Jahren abzuschließen, äußerten sich die Teilnehmenden fast unisono kritisch. „Das gehört weg“, stimmte Dr. Klaus Bermig, Leiter der Unterabteilung Bürgergeld, Grundsicherung für Arbeitsuchende im BMAS, zu. Stattdessen sollten die Leistungsbeziehenden künftig auch Teilqualifikationen erlangen können, um vor allem diejenigen abzuholen, die längerfristige Weiterbildungen bisher aus persönlichen Gründen gemieden oder vorzeitig beendet haben. Zustimmung gab es dafür auch von BA-Chef Detlef Scheele.

Integration der Ukraine-Geflüchteten: Noch viele Fragen

Ein weiteres Thema, das die Teilnehmenden sowohl in den Vorträgen als auch in den Gesprächen beschäftigte, war die Integration der Ukraine-Geflüchteten. Von den mehr als 766.000 Geflüchteten, die bis zum 22. Mai 2022 registriert wurden, hätten derzeit nur 37 Prozent eine Fiktionsbescheinigung oder einen Aufenthaltstitel. Mindestens eine dieser Voraussetzungen müsse erfüllt sein, um in Deutschland arbeiten zu können, aber auch um als „arbeitsuchend“ zu gelten und durch die Jobcenter betreut werden zu können, erläuterte Prof. Dr. Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Jobcenter sind seit Juni 2022 für die Betreuung der Geflüchteten zuständig. Mit wie vielen zu Betreuenden diese in den nächsten Monaten rechnen müssen, ist laut Brücker aber noch nicht sicher.

Auch die Integrationsansätze werfen noch Fragen auf. Während eine schnelle Arbeitsintegration vor allem finanzielle Unabhängigkeit und psychosoziale Stabilisierung ermöglicht, bietet eine langsame, aber nachhaltige Integration unter anderem den Vorteil, eher eine Beschäftigung zu finden, die den individuellen Qualifikationen entspricht. Thematisiert wurde in dem Zusammenhang auch, wie viele der Geflüchteten überhaupt in Deutschland bleiben wollen oder womöglich in andere Länder ziehen oder in ihr Heimatland zurückkehren. Das IAB erwarte belastbare erste Ergebnisse dazu erst im Oktober 2022. Weitere Einsichten auf die Struktur der Ukraine-Geflüchteten bietet ein IAB-Bericht aus Mai 2022, den Brücker präsentierte:

  • In der Ukraine gilt ein Ausreiseverbot für 18- bis 60-jährige Männer. Gut 80 Prozent der nach Deutschland Geflüchteten sind daher Frauen, zum Großteil mit Kindern. Deren gesicherte Betreuung spielt demnach bei einer möglichen Arbeitsmarktintegration eine wesentliche Rolle.

  • Das Bildungsniveau in der Ukraine ist hoch. Der Anteil der Menschen mit Universitätsabschlüssen liegt über dem deutschen Durchschnitt.

  • Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Arbeitsmarktintegration von Ukrainerinnen und Ukrainern zwar mehr Zeit in Anspruch genommen hat, aber dann sehr stabil ist. Demnach haben sich die Sprachkenntnisse in dem Zeitraum schnell verbessert.

Mit Blick auf den hohen Anteil erwachsener Frauen mit Kindern empfiehlt das IAB, in erster Linie auf Integrationsmaßnahmen mit Betreuungsangeboten zurückzugreifen. Zielführend könnte demnach auch die Förderprogramme der BA sein. Allerdings solle bei der Unterstützung zunächst der humanitäre Ansatz im Fokus stehen: Es dürfe nicht darum gehen, Arbeitslücken kurzfristig zu füllen.

In Zukunft noch besser beraten? Wie es weitergehen soll

Es werde nie ein Punkt erreicht sein, an dem es „die beste Beratung“ gebe, stellte ein Vortrag klar. Dennoch: Die künftigen Herausforderungen und absehbaren Umbrüche seien gleichzeitig auch Chancen, die Beratungsqualität weiter zu erhöhen. Sowohl im Plenum als auch in den Foren wurde mehrfach angesprochen, dass passgenaue Beratung ein steter Entwicklungsprozess sei, der sich den aktuellen Gegebenheiten anpassen müsse. Eine Herangehensweise, die in einem Forum genannt wurde: „Thinking outside the box“, also eingefahrene Wege verlassen und die eigene Praxis zeitweise von außen betrachten. Wenn die Menschen nicht mehr zur Beratung kommen, müsse die Beratung vielleicht zu ihnen gehen – etwa in Cafés, Friseursalons oder Nachbarschaftstreffpunkten. Die Teilnehmenden diskutierten zudem darüber, ob sich die Beratungspraktiken nicht den Lebensrealitäten der Menschen annähern sollten, um noch zielführender zu sein.

Dass alternative Beratungsformate funktionieren, hätten die Erfahrungen in der Corona-Pandemie gezeigt. Diesen Schwung gelte es mitzunehmen und auszubauen, waren sich die Teilnehmenden einig – auch, um in der Beratungspraxis für sich verändernde Berufsbilder gewappnet zu sein. Viele Teilnehmende betonten, dass Fachkenntnisse und entsprechende Fortbildungen für die Mitarbeitenden immer wichtiger würden. Kurzfristig denken sei dabei nicht der richtige Ansatz, lautete ein Impuls: Angesichts der absehbaren Herausforderungen sollten Jobcenter ihre Beratung längerfristig betrachten. So könnten sie auch künftig fundierte und nachhaltige Unterstützung gewährleisten und sich den Veränderungen anpassen – vom Bürgergeld über digitale Neuerungen bis hin zur Betreuung von Geflüchteten.

Die Dokumentation zur Tagung des Netzwerks SGB II finden Sie auf der Webseite von Beschäftigungspolitik: kommunal e.V.