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Hintergrundbericht

8. Juni 2020

Suchtkranke SGB II-Leistungsbeziehende und wie Jobcenter helfen können.

Es wird ein Tisch mit Suchtmitteln gezeigt, beispielsweise Zigaretten, ein Glas Whisky und Spritzen
Beispielhafte Suchtmittel

Fakten zu suchtkranken SGB II-Leistungsberechtigten 

2017 wurde bei 10 Prozent der knapp 4,84 Millionen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten mindestens ein Suchtproblem festgestellt – dabei bestanden kaum Unterschiede in den Altersgruppen und bei den Geschlechtern. Aufgeschlüsselt nach Suchterkrankungen ergaben sich folgende Zahlen:  

  • Rund 70 Prozent der Männer sowie 50 Prozent der Frauen in der Altersgruppe zwischen 20 und 64 Jahren waren Raucherin bzw. Raucher.  
  • Fast jede/r zehnte Arbeitslose in der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen konsumierte regelmäßig/täglich Cannabis.  
  • 25 Prozent der ALG-II-Beziehenden wiesen einen schädlichen Alkoholkonsum auf. 
  • Außerdem besteht für Arbeitslose im Vergleich zu Nichtarbeitslosen ein dreimal höheres Risiko, glücksspielsüchtig zu werden – ca. neun Prozent der Arbeitslosen in Deutschland sind hiervon betroffen. 

 Für den kausalen Zusammenhang zwischen Suchterkrankung und Arbeitslosigkeit gibt es laut oben genanntem Bericht zwei Möglichkeiten:   

  1. Entweder der Betroffene war schon während seiner Erwerbstätigkeit suchtkrank, wurden daraufhin auffällig und verlor dann seinen Arbeitsplatz.  
  2. Oder der Betroffene hat aufgrund (länger andauernder) Arbeitslosigkeit ein Suchtverhalten entwickelt oder es hat sich dadurch verschlimmert. Als Gründe für diese Entwicklung werden in dem Bericht unter anderem ein vermindertes Selbstwertgefühl, Erosion der Tagesstruktur und Verlust sozialer Kontakte aufgeführt. 

Was ist Sucht? 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Sucht als einen Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge, zum Beispiel Alkohol, Tabak oder Cannabis. Eine Abhängigkeit liegt vor, wenn drei der folgenden sieben Kriterien erfüllt sind: 

  • Starkes, unüberwindbares Verlangen nach der Substanz. 
  • Der Konsum ist nicht oder kaum kontrollierbar. 
  • Wird die Einnahme der Substanz verringert, kommt es zu Entzugserscheinungen. 
  • Der Konsument entwickelt eine Toleranz gegenüber der Substanzwirkung, somit besteht der Zwang, höhere Dosen einzunehmen. 
  • Andere Interessen und Aktivitäten, die der Person bisher wichtig waren, werden vernachlässigt. 
  • Trotz schädlicher, nachgewiesener Folgen und dem Wissen darüber, konsumiert der Suchtkranke die Substanz weiter.  
  • Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Konsumverhaltens gehen verloren. 

Drogenkonsum-Verhalten in Deutschland (Grundlage: Drogen- und Suchtbericht 2019) 

Tabak: In Deutschland sind 27 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen Raucher. Beim Blick auf die soziökonomische Stellung zeigt sich: Jugendliche und Erwachsene mit einem niedrigen sozialen Status rauchen weitaus häufiger als Menschen, die einer höheren sozialen Statusgruppe zugerechnet werden. Wenngleich die Statistik zeigt, dass der Anteil von Raucherinnen und Rauchern gemessen an der Gesamtbevölkerung kontinuierlich sinkt, sterben jährlich immer noch rund 121.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. 

Alkohol: Deutschland gilt im internationalen Vergleich als Hochkonsumland. 18 Prozent der Männer sowie 14 Prozent der Frauen weisen hierzulande einen bedenklichen Alkoholkonsum auf. Doch in den Statusgruppen zeigen sich Unterschiede: Während der Risikokonsum bei Frauen mit einem hohen sozialen Status am weitesten verbreitet ist, gibt es bei den Männern im Hinblick auf soziale Statusgruppen kaum Unterschiede. Auch hier gilt: Der Pro-Kopf-Verbrauch von Reinalkohol ist in den letzten 40 Jahren zurückgegangen. Doch alleine im Jahr 2012 starben 21.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums. 

Illegale Drogen: Die bekanntesten illegalen Drogen in Deutschland sind Cannabis, Heroin, Kokain, Ecstasy und Crystal Meth. Insgesamt starben im Jahr 2018 deutschlandweit 1.276 Menschen durch den Konsum illegaler Drogen.  

Cannabis: Bei Cannabis ist der Konsum von jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) 2018 gestiegen. 22 Prozent gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert zu haben. Dies ist nahezu eine Verdopplung des Wertes aus dem Jahr 2008 (11,6 Prozent). Insgesamt ist davon auszugehen, dass ca. vier Millionen Menschen in Deutschland Cannabis konsumieren.  

Opioide: Zwar hat der Konsum von Opioiden in der Bundesrepublik bei Weitem nicht die Ausmaße, die er in den USA hat, dennoch waren 2018 hierzulande 166.000 Menschen als abhängig zu bezeichnen. Das bekannteste Opioid ist Heroin. Da die Droge meist intravenös eingeführt wird, können die Konsumierenden an Hepatitis B und C sowie an HIV erkranken. 0,4 Prozent der Erwachsenen im Alter von 18 bis 64 Jahren konsumierten innerhalb des Jahres 2018 Heroin oder andere Opioide.  

Crystal Meth: Die Erhebungen zu der noch recht neuen Droge Crystal Meth fließen erst seit 2015 in den jährlichen Sucht- und Drogenbericht ein. Aktuell ist der Konsum in der Altersgruppe der 18-25-Jährigen mit einem Anteil von 0,4 Prozent am größten.  

Kokain und Crack: 2018 nahmen 1,1 Prozent der Erwachsene (18 bis 64 Jahre) Kokain und Crack zu sich. Das ist der höchste Wert seit 1990.   

Ecstasy: Die Partydroge Ecstasy ist vor allem bei jungen Erwachsenen beliebt. 2018 nahmen 2,2 Prozent der 18- bis 25-Jährigen Ecstasy zu sich.  

Verhaltenssüchte: Eine weitere Form stellen die substanzunabhängigen Abhängigkeiten – auch Verhaltenssüchte genannt – dar. Dabei geht es um eine übermäßige Beschäftigung mit bestimmten Verhaltensweisen und/oder Aktivitäten.  

Pathologisches Glücksspiel: In Spielbanken oder an Geldspielgeräten in Spielhallen, bei Sportwetten oder dem Online-Poker: Wenn mit Vermögenswerten (Geld) auf den Ausgang einer Situation gesetzt wird, die dem Zufall überlassen ist, so spricht man von Glücksspiel. 500.000 Menschen in Deutschland zeigen ein problematisches Glückspielverhalten. Besonders gefährdet ist die Altersgruppe der bis 25-Jährigen, die einen niedrigen Bildungsabschluss haben und über ein Haushaltsnettoeinkommen bis 1.500 Euro monatlich verfügen.   

Internetbezogene Störungen: Mit dem Aufkommen des Internets und dem vielfältigen Angebot an Online- und Computerspielen entwickelten Menschen auch hier Verhaltenssüchte, mit denselben Merkmalen des Drogenkonsums.  

Beim Vergleich der Geschlechter lassen sich Unterschiede im Konsum feststellen: Junge Frauen zwischen 14 und 24 Jahren bevorzugen soziale Netzwerke (77,1 Prozent), während junge Männer hauptsächlich Online-Computerspiele nutzen (64,8 Prozent). Weitere Unterschiede ergeben sich in der sozialen Statusgruppe: Wenn man davon ausgeht, dass 2,8 Prozent der
18-bis 25-Jährigen als online-abhängig gelten, so tritt die Sucht gehäuft bei jungen Erwachsenen in Berufsschulen (9,8 Prozent) sowie bei Arbeitslosen (5,4 Prozent) auf.
Erwerbstätige (2 Prozent), Studentinnen und Studenten (2 Prozent), aber auch Schülerinnen und Schüler der Oberstufe (2,1 Prozent) weisen dagegen eine geringere Anfälligkeit auf.  

Wie können Jobcenter Suchtkranke unterstützen? 

Die Jobcenter haben sich zum Ziel gesetzt, suchterkrankten Leistungsbeziehenden mit speziellen Maßnahmen zu helfen und sie bei der Reintegration in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. So wurden Fachkonzepte und Fortbildungen für Mitarbeitende entwickelt und Netzwerke mit externen Partnern, zum Beispiel der Suchtberatung, geknüpft. 

Beispiel 1: Zielorientierte Suchtberatung im Jobcenter Potsdam-Mittelmark 

Das Jobcenter Potsdam-Mittelmark bietet seit 2005 eine sogenannte zielorientierte Suchtberatung für Leistungsbeziehende an. Die Erfolgsdevise des Projekts: kurze Wege und enge Abstimmung zwischen den Mitarbeitenden der Jobcenter und der Suchtberatung vor Ort. Im Klartext heißt das: Es finden nach Bedarf Dreiergespräche zwischen suchtkrankem Leistungsbezieher, Jobcenter-Mitarbeiter und Suchtberater statt. Der Vorteil ist, dass die Suchtkranken so nur einmal ihre Leidensgeschichte erzählen müssen. „Denn die Barriere, sich erneut auf den Weg zu machen und sich erneut dazu im Gespräch zu öffnen, ist groß“, weiß Antje Kellner, Teamleiterin im Jobcenter. Zudem fallen durch die enge Verzahnung zusätzliche, im ländlichen Bereich oft lange Anfahrtswege weg. Hier finden Sie das Interview von Frau Antje Keller.

Beispiel 2: Projekt der Laufer Mühle im Landkreis Erlangen-Höchstadt 

Das Projekt Laufer Mühle im Landkreis Erlangen-Höchstadt setzt sich seit 2000 zum Ziel, suchtabhängige Menschen beruflich und sozial wieder zu integrieren. In einem eigens gegründeten Sozialbetrieb arbeiten  Suchterkrankte zum Beispiel im Gartenbau, eigenen Kaufhäusern oder Cafés. Dank der Beschäftigung erhalten die austherapierten 
ALG-II-Leistungsempfänger wieder eine Struktur in ihrem Leben und lernen, wie das Leben „eigentlich funktioniert“, erklärt Heike Fischer, Teamleiterin Markt und Integration im Jobcenter Erlangen-Höchstadt. Eine Strategie, die aufgeht: In den vergangenen Jahren konnten durch Qualifizierungs- und Stabilisierungsmaßnahmen der Laufer Mühle hunderte Menschen mit Suchterkrankungen wieder erfolgreich in die Arbeitswelt und die Gesellschaft integriert werden. Hier finden Sie das Projekt Laufer Mühle.
 

Einen visuellen Einblick in das Thema Sucht liefern Ihnen unsere Infografiken.

Außerdem finden Sie Informationen zum Thema Gesundheit in unserem Themendossier Gesundheitsförderung.

Auf der Seite der BZgA ist ein Verzeichnis der Suchtberatungsstellen zu finden.

Hier kommen Sie zum Endbericht des Bundesgesundheitsministeriums zur Integration und Aktivierung suchtkranker Leistungsberechtiger nach dem SGB II.

Zum Drogen- und Suchtbericht 2019 kommen Sie hier.

In der Förderdatenbank finden Sie das Hamburger Programm zur Suchtprävention.