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Expertenblickwinkel: Die Zukunft gestalten

24. April 2018

Prof. Dr. Hermann Hill ist Inhaber des Lehrstuhls für Verwaltungswissenschaft und Öffentliches Recht an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Wir fragten ihn, wie sich Jobcenter den Herausforderungen „Innovation und Veränderung“ stellen können.

Porträtfoto Prof. Hill

Servicestelle SGB II: Warum sind Innovation und Veränderung in der Verwaltung ein wichtiges Thema?
Prof. Dr. Hermann Hill: Verwaltung ist keine Insel, sondern Teil der Welt. Und diese Welt verändert sich, auf verschiedene Weisen. Sie ist nicht mehr so vorhersehbar wie im letzten Jahrhundert. Die Präsidentschaft Donald Trumps oder der Brexit zeigen, dass sie turbulenter und instabiler geworden ist. Die Verwaltung spürt das auch. In den Verwaltungswissenschaften spricht man von der sogenannten VUCA-World: Die Welt ist bestimmt von Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity, also Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit. Nichts ist mehr so, wie noch vor 40, 50 Jahren. Die damals erlernten Methoden sind häufig nicht mehr geeignet für diese hektische und komplexe Welt.
Hinzu kommt die Digitalisierung. Durch sie entsteht eine neue Kultur; alles geschieht in Echtzeit und ist miteinander vernetzt. Die Menschen sind mit Smartphone unterwegs und kommunizieren auf elektronischem Weg miteinander. Und sie erwarten, dass die Verwaltung darauf reagiert und agiler wird. Da kann sie nicht mehr umständlich mit Papierakten hantieren. Ähnliche Erwartungen kommen auch von innen. Denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen neue Ansprüche an eine moderne Arbeitsumgebung. Sie möchten im beruflichen Alltag gerne genauso eigenverantwortlich und ergebnisorientiert handeln wie im Privatleben.

Servicestelle SGB II: Wie verhält sich das zur Rechtssicherheit? Und wie können sich Jobcenter Spielräume für Gestaltung und Weiterentwicklung verschaffen?
Prof. Dr. Hermann Hill: Bürgerinnen und Bürger erwarten natürlich nach wie vor Rechtssicherheit; sie ist ein Fundament unseres Staates. Gesetze sind allerdings nicht bis aufs Letzte durchformuliert, sondern bilden einen Rechtsrahmen. Und dieser muss auf Veränderungen reagieren können. Deshalb bietet er zum Beispiel Ermessensspielräume, in denen eine ganze Bandbreite von Maßnahmen zulässig ist, damit jeweils die im Einzelfall angemessene gewählt werden kann. Nehmen Sie die Situation zwischen Jobcenter und Kunden: Personenbezogene Dienstleistungen können nie vollständig gesetzlich geregelt sein. Das wäre ja auch nicht sinnvoll. Denn die Welt ist bunt und vielfältig. Man muss den Besonderheiten jeder und jedes Einzelnen gerecht werden. Schließlich geht es um Individuen. Die Kunst ist, eine für sie passende Lösung zu finden, ohne dabei den gesetzlichen Rahmen zu überschreiten. Und im Falle der Jobcenter ist dieses Ziel eben, eine geeignete Arbeit mit und für die individuelle Kundin oder den individuellen Kunden zu finden.
Auch die eigene Organisation bietet Spielräume: Wie gestalte ich meine Organisation? Wie verteile ich Aufgaben? Wie verändere ich die räumliche Situation? Welche Öffnungszeiten sind sinnvoll? Natürlich kann ich das nicht zu 100 Prozent optimieren, denn das braucht finanzielle Ressourcen. Aber innerhalb eines Budgets ist da durchaus einiges möglich. Um die vorhandenen Spielräume zu nutzen, müssen schließlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut ausgebildet sein und Verantwortung übernehmen können und dürfen.

Servicestelle SGB II: Stichwort Verantwortung: Was müssen Führungskräfte tun, um Innovation zu ermöglichen?
Prof. Dr. Hermann Hill: Innovationsförderliche Führung muss gute Rahmenbedingungen schaffen. Sie muss Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ermöglichen, eigeninitiativ und eigenverantwortlich zu arbeiten. Das bedeutet, Führungskräfte müssen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter qualifizieren, ermächtigen, sie unterstützen und fördern. Sie müssen ihnen Aufgaben geben, an denen sie lernen, wachsen und sich weiterentwickeln können. Und sie müssen viele Gespräche führen, Feedback geben und es auch selber annehmen. Außerdem benötigen sie eine positive Einstellung zu Fehlern. Sie sollten gute Leistungen positiv verstärken und wertschätzend mit ihren Beschäftigten umgehen. So sind diese auf zwei Weisen motiviert: Aus ihrer Aufgabe heraus, und durch gute Führung, die sie begleitet und unterstützt.