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Expertengespräch: Dr. David Reinisch, Allianz AG

30. August 2018

Über die Herausforderungen der Arbeitswelt von morgen sprachen wir mit Dr. David Reinisch, Leiter des Thinktanks „Arbeitswelt 4.0“ der Allianz Deutschland AG. Dort widmet er sich der digitalen Transformation von traditionellen Strukturen, etablierten Prozessen und Produkten sowie der Frage, wie von Hierarchien geprägte Organisationen agiler werden können.

Porträtfoto

Servicestelle SGB II: Herr Dr. Reinisch, welche Aufgaben und Fähigkeiten werden wichtig, wenn es um die Arbeit von morgen geht und wie können sich Jobcenter intern darauf vorbereiten?
Dr. David Reinisch: Grundsätzlich werden in fast allen Branchen die gleichen Fähigkeiten immer wichtiger. Und das sind insbesondere die, die geringe Routineanteile haben: kommunikative Fähigkeiten, Kreativität, technologische Neugier und agile Zusammenarbeit. Viele einfache Verfahren und Abläufe werden wir automatisieren und digitalisieren können und technisch viel einfacher und effizienter lösen. Einfache Anfragen, Termine vereinbaren, Informationen weitergeben – diese großen Arbeitsbereiche werden kurz- bis mittelfristig wegfallen. Komplexere Probleme zu lösen, das wird immer wichtiger werden. Und diese brauchen keine einfache Lösungsstruktur, sondern erfordern viel Intuition. Außerdem ist in fast allen Branchen die Kundenorientierung wichtig. Es geht darum, Kundinnen und Kunden in den Mittelpunkt zu stellen und schnell zu erkennen, wie man das, was wichtig ist, so gut wie möglich umsetzt.

Servicestelle SGB II: Wie können die Führungskräfte in den Jobcentern dafür sorgen, dass ihre Beschäftigten gut auf die Arbeit der Zukunft vorbereitet sind?
Dr. David Reinisch: Mein Vorschlag sind hier immer drei Schritte: Erstens muss vermittelt werden, was sich da eigentlich ändert und dass Digitalisierung nicht nur was mit neuen Geräten zu tun hat. Zweitens muss man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern klarmachen, was das Ganze eigentlich mit ihnen zu tun hat. Diese beiden Schritte sind nicht einfach und werden oft von Unternehmen unterschätzt oder vernachlässigt. Drittens muss man dann einen gemeinsamen Weg finden. Es ist wichtig, viel mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sprechen und sie einzubeziehen. Und grundsätzlich gilt: Je höher der Autonomieanteil der eigenen Arbeit ist, desto mehr Spaß macht sie. Wenn man selbst planen kann, wenn man selber Zeiten einteilen kann, wenn man selber auch Verantwortung übernehmen darf und kann: Das macht den Leuten wirklich mehr Spaß und erhöht auch den Nutzen. Da ist es wichtig für die Führungskräfte, nachzufragen, Rahmenbedingungen zu schaffen und dort wo möglich, mehr Freiräume zu geben.

Servicestelle SGB II: Diese Freiräume sind ein guter Punkt – wie mutig ist man als Führungskraft, die Mitarbeitenden laufen zu lassen.
Dr. David Reinisch: Genau. Und das heißt nicht, dass man einen Laissez-faire-Ansatz wagt. Sondern es geht darum, gut zu kommunizieren, die Leute einzubringen, sie zu fragen, sie aber auch gleichzeitig in die Verantwortung zu nehmen. Das ist kein Prozess, den man von heute auf morgen ändert. Aber man muss unbedingt damit anfangen und sich gemeinsam annähern.

Servicestelle SGB II: Was genau brauchen Führungskräfte, damit sie das möglich machen können?
Dr. David Reinisch: Alle brauchen erst mal das Verständnis dafür, warum das sinnvoll ist: Es ist kosteneffizienter, es macht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter glücklicher, und man bekommt bessere neue Leute, wenn die Jobprofile spannender ausgestaltet sind. Das sind Dinge, die ineinandergreifen. Und wenn das verstanden worden ist, von der Führungskraft und von den Beschäftigten, dann muss man gemeinsam daran arbeiten, diese Freiräume zu schaffen und die Verantwortung zu übertragen.

Servicestelle SGB II: Worauf kommt es bei der digitalen Transformation der Verwaltung besonders an?
Dr. David Reinisch: Das Wichtigste ist meines Erachtens, die Leute authentisch davon zu überzeugen, dass Wandel Spaß machen und gut sein kann. Dass man die Möglichkeit bekommt, sich gemeinsam zu verändern und Dinge besser zu machen. Das spürbar zu machen, ist eine riesige Herausforderung, aber auch eine riesige Chance. Und ich glaube, daran wird es mehr oder weniger auch hängen. Dazu kommt: Die Verwaltungen sind sehr alt. Es arbeiten dort keine 25-Jährigen, das Medianalter in Deutschland liegt bei 46 Jahren. Das heißt, man muss da vor allem gucken, dass man eine adäquate Kommunikation und ein adäquates Veränderungsmanagement mit den Menschen betreibt. Man muss behutsam vorgehen und darf die Leute nicht überfordern. Sonst entsteht genau das Gegenteil von dem, was man möchte.

Servicestelle SGB II: Wie kann man den Beschäftigten die Angst vor Veränderung nehmen?
Dr. David Reinisch: Was da sehr hilfreich ist, ist nicht nur davon zu reden. Es ist sehr viel besser, Menschen mitzunehmen, sie Erfahrungen machen zu lassen in verschiedensten Bereichen. Wir haben uns Unternehmen in anderen Branchen angesehen, mit ihnen offen gesprochen und von ihnen gelernt. Auch ein professionelles Team-Coaching hilft. Wenn die Menschen merken, die Veränderung tut nicht weh, man kann die Aufgaben schneller bewältigen und es macht auch noch mehr Spaß, dann hat man einen großen Teil geschafft. Dies hat dann auch einen erheblichen Einfluss auf die innerbetriebliche Kultur.

Servicestelle SGB II: Das heißt, es hat mit einem gewissen Kulturwandel zu tun, damit sich die Leute ausprobieren können?
Dr. David Reinisch: Genau. Es ist ganz wichtig, eine Fehler- und Feedbackkultur zu initiieren, um überhaupt in die digitale Transformation gehen zu können. Das ist die Grundvoraussetzung. Wenn wir den alten Perfektionismus an den Tag legen, dann hängt eine Angstkultur über allem. Stattdessen braucht man Rückhalt, eine starke Führungskraft, die sagt: „Ich stärke euch den Rücken. Ich will, dass wir das gemeinsam leisten und es für beide Seiten besser machen.“ Und das ist ja auch so: Wenn viele Routineanteile wegfallen und die Jobprofile insgesamt spannender werden, macht arbeiten möglicherweise wirklich mehr Spaß. Da ist mehr Kommunikation und Interaktion drin und ich glaube, das ist durchaus zielführend. Aber man muss eben auch schauen, dass man das glaubwürdig vermitteln kann.