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„Es braucht Angebote in der Muttersprache“ – Mariam Tarraf berät zur Impfung

5. April 2022

Wie motiviert man noch mehr Menschen zur Corona-Schutzimpfung? Mariam Tarraf macht es mit Herz, Geduld – und auf Arabisch. Die Gesundheitsmediatorin aus Bremen erzählt im Interview, wie die Arbeit für Menschen mit Migrationshintergrund zum Erfolg wird.

Tarraf
Mariam Tarraf ist als Gesundheitsmediatorin aktiv.

Mariam Tarraf ist fest verwurzelt im Bremer Stadtteil Osterholz. 1990 kam sie aus dem Libanon nach Deutschland. Heute hilft die fünffache Mutter Familien im gemeinnützigen Mütterzentrum unter anderem bei der Kommunikation mit dem Jobcenter. Seit der Pandemie ist Tarraf außerdem Gesundheitsmediatorin: Sie berät Menschen mit Migrationshintergrund zur Corona-Schutzimpfung – meist in ihrer Muttersprache Arabisch.

Mit der Impfaufklärung in neun Sprachen versucht das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) Menschen zu erreichen, an denen wichtige Informationen ansonsten vorbei gehen. Mariam Tarraf war vor einigen Jahren selbst schwer krank und lag im Koma. Heute beschreibt sie ihre Motivation so: „Gott wollte mir sagen, man braucht mich noch. Ich helfe deshalb immer mit ganzem Herzen.“

Frau Tarraf, auf welche Vorbehalte stoßen Sie, wenn Sie Menschen mit Migrationshintergrund zur Corona-Schutzimpfung beraten?

Mariam Tarraf: Ich treffe selten Menschen, die sich absolut nicht impfen lassen wollen. Und die Menschen, die das nicht wollen, lehnen die Impfung auch nicht wegen ihres Migrationshintergrunds ab. Einige haben Angst vor Spritzen. Andere haben irgendwo gehört, dass sie zwei Jahre nach der Impfung sterben. Eine Frau kam zu mir und wollte ihre Tochter nicht impfen lassen, weil sie dann nicht mehr schwanger werden könne. In solchen Situationen zeige ich den Menschen meinen Impfausweis. Und ich sage ihnen: „Du kennst doch meine Tochter. Sie ist geimpft und jetzt schwanger.“ Kurz nach dem Gespräch hat die Frau dann auch ihre Tochter zur Impfung geschickt. Die meisten Menschen kennen mich. Sie brauchen den persönlichen Kontakt in ihrer Sprache, um zu vertrauen. Viele Menschen sind unsicher, weil sie vieles auf Deutsch nicht verstehen. Daraus entsteht Angst.

Woran liegt es, dass diese Menschen beim Impfen skeptisch oder zurückhaltend sind?

Die Menschen brauchen meistens nur jemanden, der ihre Muttersprache spricht. Dann fühlen sie sich sicherer, nach ein paar Worten auf Arabisch ändert sich die Stimmung sofort. Nach der Beratung in der Muttersprache entscheiden sie sich schnell für die Impfung. Sie brauchen eine Person, die es ihnen einmal persönlich erklärt. Eine Person, die ihnen in ihrer Muttersprache Fragen beantworten kann. Es gibt auch heute noch Menschen, die kennen die Begriffe Corona und Impfung, aber wissen nicht, was das genau ist. Sie verstehen es nicht.

Wie können Sie Menschen überzeugen, sich oder ihre Kinder dann doch impfen zu lassen?

Ich zeige den Menschen Flyer auf Arabisch und erzähle einfach die Fakten: Das sind die Risiken, wenn du ungeimpft bist und an Corona erkrankst. Und das passiert bei beziehungsweise nach der Impfung. Es hilft aber vor allem, wenn ich ihnen erzähle, dass ich selbst geimpft bin. Die Menschen reagieren ganz anders, wenn ich ihnen erzähle, dass ich mich aus Überzeugung für die Impfung entschieden habe. Und ich unterstütze die Menschen auch dabei, ihre Impfung zu bekommen. Ich stelle Impftermine in meinen WhatsApp-Status oder auf die Facebook-Seite von uns Gesundheitsmediatoren. Ich gehe auch zu den Impfaktionen oder vereinbare Termine für meine Kunden.

Wie können die Jobcenter unterstützend helfen, um Menschen mit Migrationshintergrund die Impfentscheidung zu erleichtern?

Es braucht mehr Angebote in der Muttersprache. Am besten ist es wenn es Menschen gibt, die persönlich beraten und auf Fragen antworten, ganz in Ruhe. Viele Menschen verstehen nie so richtig, was die Behörde von ihnen möchte. Deshalb haben sie Angst vor dem Jobcenter oder vor dem Jugendamt. Sie sind nicht gegen das Amt, sie haben nur Angst, weil alles so kompliziert ist. Wenn man alles ganz in Ruhe erklärt, sind die meisten beruhigt. Ich glaube, es braucht mehr Liebe, Verständnis und Respekt.

 

Viele Jobcenter bundesweit haben ihre Leistungsbeziehenden zu einer Corona-Schutzimpfung motiviert. Lesen Sie hier …

… wie das Jobcenter Kreis Offenbach Impfaktionen im Haus organisierte.
… wie das Jobcenter Main-Kinzig-Kreis für die Impfung warb.

Die Servicestelle SGB II hat außerdem auf dieser Seite gute Argumente für die Impfung aufgelistet. Dort finden Sie auch Musterschreiben in verschiedenen Sprachen, mit denen Jobcenter auf lokale Impfangebote aufmerksam machen können.