Navigation und Service

Hintergrundbericht

2. November 2018

Gesundheit von Kundinnen und Kunden stärken

Wanderer
Quelle: David Marcu/Unsplash

Wer lange Zeit erwerbslos ist, muss auf Vieles verzichten: Das Geld knapp, die gesellschaftliche Teilhabe ist eingeschränkt und die sozialen Kontakte werden meist weniger. Auf Dauer kann das an die seelische und körperliche Substanz gehen und krank machen. Die Betroffenen finden sich dann in einem Teufelskreis wieder. Denn: Wer krank ist, findet auch schwerer Arbeit.

Studien belegen seit Jahren kontinuierlich, dass Langzeitarbeitslose im Vergleich zu Erwerbstätigen häufiger krank sind, psychisch wie auch körperlich. Allerdings ist bisher nicht erforscht, was die Ursachen und was die Folgen dieser ungünstigen Konstellation sind.

40 Prozent aller Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehen, gaben in einer Befragung des Instituts für Arbeitsmark- und Berufsforschung (IAB) von 2014 an, dass sie sich schwerwiegend gesundheitlich eingeschränkt fühlen. Im Jahr 2013 ergaben die Zahlen im Gesundheitsreport der BKK, dass arbeitslos Versicherte sich doppelt so häufig arbeitsunfähig melden wie Erwerbstätige. Und schließlich zeigt eine Datenerhebung des Robert-Koch-Instituts (1) aus dem Jahr 2010: Langzeitarbeitslose Männer gaben dort an, im zurückliegenden Monat an knapp acht Tagen körperliche und an sechs Tagen emotionale Beschwerden gehabt zu haben. Erwerbstätige Männer, die in einem sicheren Arbeitsverhältnis standen, beklagten sich nur über jeweils knapp drei Tage, an denen sie sich emotional oder körperlich nicht fit fühlten. Bei Frauen waren die Unterschiede ähnlich stark ausgeprägt. 

Die Infografik können Sie hier als PDF herunterladen. - IInfografik: Fieberkurve der Arbeitslosigkeit
Verhindert eine Krankheit die Jobaufnahme oder ist es umgekehrt eher so, dass Arbeitslosigkeit krank macht? Die Grafik kann diese Frage nicht beantworten – klar wird nur: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Krankheit. Und der wirkt sich mit zunehmendem Alter stärker aus. Quelle: IAB Kurzbericht 23/2014.

In die Lebenswelt der Arbeitsuchenden gehen

Können Jobcenter dabei helfen, die Gesundheit ihrer Kundinnen und Kunden zu stärken? Und damit deren Chancen verbessern, zurück ins Arbeitsleben zu finden?

Das IAB sagt: Das können sie. Ein Wissenschaftlerteam zieht aus der eingangs erwähnten Studie das Fazit, dass es durchaus sinnvoll sei, „einen Teil der Mitarbeiter in Jobcentern speziell im Hinblick auf die Bedarfe gesundheitlich eingeschränkter Leistungsempfänger weiterzubilden und diese dann so einzusetzen, dass sie sich schwerpunktmäßig um die betroffenen Klienten kümmern“. Weil Jobcenter aus rechtlichen Gründen selbst keine Angebote zur Gesundheitsförderung machen können (2), sollten sie einen deutlichen Fokus darauf legen, Akteurinnen und Akteuren der Gesundheits- und Arbeitsförderung miteinander zu vernetzen.

Rund 130 Jobcenter in Deutschland haben im vergangenen Jahr genau damit begonnen. Sie nehmen an einem gemeinsamen Projekt des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) und der Bundesagentur für Arbeit teil, in dem es um die Gesundheitsförderung von Erwerbslosen geht. Sie entwickeln gemeinsam Strukturen, die Präventionsangebote für Arbeitsuchende zugänglicher machen sollen. Denn Angebote gibt es viele. Nur nutzen gerade Langzeitarbeitslose diese Präventionskurse und -workshops seltener, um ihre Gesundheit zu stärken (3). „Wir haben in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass es ihnen oft schwer fällt, den Weg zu den Krankenkassen zu finden.“, sagt Andreas Hennrichs vom Jobcenter Pforzheim. „Wir müssen daher versuchen, mit dieser Art der Prävention in die Lebenswelt der Arbeitslosen zu gehen.“

Das Jobcenter Pforzheim ist eines derer, die an diesem Vernetzungsprojekt teilnehmen. Zusammen mit den Krankenkassen haben sie Angebote entwickelt, die speziell auf ihre arbeitslosen Kundinnen und Kunden zugeschnitten sind: Sie sind kurz, eher praktisch orientiert, zentral gelegen, kostenlos und beruhen auf freiwilliger Teilnahme. Nach fünf Terminen können sich die Teilnehmenden überlegen, ob sie an weiteren fünf Terminen teilnehmen möchten oder nicht. Eine Koordinatorin, die speziell für dieses Projekt zuständig ist, lotst die interessierten Kundinnen und Kunden an die entsprechenden Kursanbietenden weiter.

Auch die Inhalte rücken nah an die Bedarfe der Erwerbslosen heran: Es gibt Angebote zu Bewegung, Ernährung und Entspannung. „Dabei haben wir festgestellt, dass Kurse einen ansprechenden Titel benötigen, um nicht von vorneherein abzuschrecken“, sagt Hennrichs, der das Projekt für das Jobcenter Pforzheim leitet. Drei Kurs-Durchgänge finden pro Jahr statt: Einer im Frühling, einer im Sommer, einer im Herbst. Momentan neigt sich der dritte Durchgang dem Ende zu und Hennrichs freut sich, wie positiv sich das Projekt entwickelt: Immer mehr Kundinnen und Kunden besuchen die Kurse.

Netzwerken beim Sport

Mit einem Sporttag starteten das Jobcenter Eisenach und die örtlichen Krankenkassen im August 2018 ihr gemeinsames Projekt zur Gesundheitsförderung, für das sie den Kreissportbund Eisenach als Partner gewinnen konnten. Der Geschäftsführer des Jobcenters, Roland Mahler, erhofft sich von dieser Kooperation, dass seine Kundinnen und Kunden häufiger Sport machen werden. „Wir erwarten, dass sich durch das Beschäftigen mit der eigenen Gesundheit und Fitness und den neuen Kontakten ganz neue Kommunikations- und Netzwerkmöglichkeiten ergeben, die aus sozialer Isolierung heraus führen können.“ In Beratungsgesprächen im Jobcenter wollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nun das Interesse weiterer Arbeitsuchender für kostenlose Präventionskurse wecken. In Fragebögen können diese ihre Wünsche und Bedarfe äußern, auf die dann das Kurs-Angebot zugeschnitten werden soll.

Dass diese Projekte Wirkung zeigen, konnten die Bundesagentur für Arbeit und der Spitzenverband Bund der Krankenkassen bereits evaluieren. Modellhaft erprobten sechs Jobcenter bereits von 2014 bis 2015 dieses gemeinschaftliche Präventionsprojekt. Das Ergebnis: Nach einem sogenannten motivierenden Gesundheitsgespräch, für das die Integrationsfachkräfte im Vorfeld geschult worden waren, besuchte jede dritte bzw. jeder dritte Arbeitslose einen von den Krankenkassen angebotenen Präventionskurs. Die Teilnehmenden selbst bewerteten ihre gesundheitliche Entwicklung während dieser Kurse als positiv. Die meisten gaben an, dass diese Angebote zumindest einen kleinen Beitrag dazu geleistet haben, dass sie fortan die Suche nach Arbeit etwas besser bewältigen (4).

______________________

(1) Bundeszentrale für politische Bildung (2016): Arbeitslosigkeit und Gesundheit. Abbildung 8. (Letzter Aufruf: 31.10.2018).

(2) Maßnahmen zur Gesundheitsförderung von ALG-II-Empfängern liegen laut § 16a SGB II im Aufgabenfeld der Kommunen.

(3) Bundesagentur für Arbeit/GKV-Spitzenverband (2016): Modellprojekt zur Verknüpfung von Arbeits- und Gesundheitsförderung im Setting. Gesamtbericht zur Evaluation. S. 21. (Letzter Aufruf: 31.10.2018).

(4) Bundesagentur für Arbeit/GKV-Spitzenverband (2016): Modellprojekt zur Verknüpfung von Arbeits- und Gesundheitsförderung im Setting. Gesamtbericht zur Evaluation. S. 20, S. 30. (Letzter Aufruf: 31.10.2018).
AOK (2018): Neue Kooperationsvereinbarung verzahnt Gesundheits- und Arbeitsförderung. Dritter Absatz. (Letzter Aufruf: 31.10.2018)