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„Das Bewusstsein für Bildung ist hoch“

lachende Frau mit Kopftuch
Auch bei den geflüchteten Frauen gibt es nicht „die geflüchtete Frau“. Die Gruppen sind heterogen.


Das Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ arbeitet seit 2005 an dem Ziel, die Arbeitsmarktchancen für Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern. Einige Teilprojekte im IQ Netzwerk Schleswig-Holstein bieten Beratung zur Anerkennung von Berufsabschlüssen und zur Qualifizierung an. 2015 haben über 1000 Personen die Beratungsstellen aufgesucht. Außerdem qualifiziert IQ Fachkräfte mit ausländischem Abschluss in unterschiedlichen Bereichen. Zu den Projekten gehören z. B. eine Anpassungsqualifizierung für Ärztinnen und Ärzte und Maßnahmen im Handwerk und in Gesundheitsberufen. Zudem bietet das IQ-Netzwerk Schleswig-Holstein Schulungsangebote zu interkultureller Öffnung, Antidiskriminierung und zum Anerkennungsgesetz u.a. für Arbeitsmarktakteurinnen und -akteure an.

Servicestelle SGB II: Frau Oğuz, was bieten Sie im Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e.V. für geflüchteten Frauen an?

Edibe Oğuz: Beim Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e.V. handelt es sich um ein Teilprojekt des IQ Landesnetzwerks Schleswig-Holstein. Unser Teilprojekt gründet auf zwei Säulen. Zum einen bieten wir mit der mobilen Anerkennungsberatung eine individuelle Beratung für geflüchtete Frauen und Männer an, wenn es um ihre erworbenen Abschlüsse geht – aber auch eine Orientierungsberatung für den Umgang mit Berufserfahrung und nicht formell erworbenen Abschlüssen. Gerade im vergangenen Jahr hatten wir hier einen gestiegenen Bedarf im ganzen Bundesland für eine mobile Beratung. Die zweite große Säule ist die Gruppenberatung von geflüchteten Frauen. Wir leiten Frauengruppen in vielen Regionen in Schleswig-Holstein an und entwickeln gemeinsam mit engagierten Trägern vor Ort niedrigschwellige Workshop für die berufliche Orientierung von geflüchteten Frauen. Themen für die Workshops können sein: Frauenrollen, Familienarbeit, aber auch Berufsbilder oder das Berufsbildungssystem in Schleswig-Holstein.

Servicestelle SGB II: Auf welche Erfahrungen und Kontakte können Sie in Ihrer Arbeit zurückgreifen?

Edibe Oğuz:Das IQ Landesnetzwerk Schleswig-Holstein arbeitet bereits seit 2013 daran, die Arbeitsmarktintegration für Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern. So arbeitete beispielsweise das Frauennetzwerk zur Arbeitssituation e. V. bereits im Rahmen des Programms „Frau im Beruf“ mit Frauen mit Migrationshintergrund. Infolge dessen sind wir in Schleswig-Holstein sehr gut vernetzt. z. B. mit Trägern, Migrationsberatungsstellen, Ehrenamtsgruppen oder Koordinierungsstellen für Geflüchtete.

Servicestelle SGB II: Was sind Ihre ersten Erkenntnisse in der Gruppenarbeit mit geflüchteten Frauen, was hat Sie überrascht?

Edibe Oğuz: Zu allererst haben wir festgestellt, dass es auch bei den geflüchteten Frauen nicht „die geflüchtete Frau“ gibt. Die Gruppen sind heterogen. Wir haben festgestellt, dass wir unsere Gruppenangebote neu konzipieren müssen, obwohl wir langjährige Erfahrungen in der Frauenarbeit haben, speziell für die Zielgruppen. Denn häufig haben wir es mit Sprachbarrieren zu tun, die dem bisher gewohnten Workshop-Prozess entgegenstehen. Wir müssen daher viel stärker mit Bildern und Grafiken arbeiten, wenn es zum Beispiel um das Thema Rollenbilder geht. Wir haben zwar tolle Materialien, diese liegen jedoch nicht unbedingt in der Sprache der geflüchteten Frauen vor. Auch Sprachmittlerinnen setzen wir ein oder sie werden von den Trägern gestellt. Hier muss oft einiges an Vorarbeit geleistet werden. Uns sind der Genderaspekt und der parteiliche Rahmen in den Frauengruppen sehr wichtig. Die Ansprechpartner und -partnerinnen in den Regionen und die Sprachmittlerinnen müssen noch zusätzlich sensibilisiert werden.
Auch dürfen die Gruppen nicht zu groß sein. Bei zehn Personen ist in der Regel Schluss, wenn die Frauen sich mitteilen sollen und auch Störungen – beispielsweise durch anwesende Kinder – bewusst zugelassen werden. Häufig kennen die Frauen die Situation nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Am Anfang der Workshops sind daher oft noch die Männer dabei, die neugierig sind, was den Frauen noch „gesondert“ angeboten wird. Insgesamt müssen wir wegen der Sprachbarrieren viel größere Zeitzyklen für die Workshops ansetzen. Wir sind gerade im Erproben mehrerer Differenzierungen und Erweiterungen, was die Workshops betrifft. Besonders für junge Frauen aus den Gemeinschaftsunterkünften ist es etwas ganz Besonderes, wenn sie sich einfach angenommen fühlen und auch unsere frauenspezifischen Räume kennenlernen dürfen.

Servicestelle SGB II: Welche Erfahrungen haben Sie, was die berufliche Motivation der Frauen angeht?

Edibe Oğuz: Das muss man differenziert betrachten. Pauschale Aussagen sind nicht möglich, denn es hängt sehr stark vom jeweiligen kulturellen Hintergrund, vom Bildungsstand, der sozialen Herkunft oder der Region ab, aus der die Frauen kommt. Wir haben beispielsweise Frauen mit akademischem Hintergrund. Da stellt sich die Frage der Motivation ganz anders als bei einer Frau, die vielleicht noch gar keinen Schulabschluss besitzt. Wir stellen deshalb ganz zu Anfang unserer Seminare verschiedene Rollenbilder von Frauen vor und versuchen so die Vielfältigkeit der Biografien aufzugreifen. Die Sensibilisierung für Bildung ist in der Regel hoch. Häufig verbinden die Frauen das jedoch mit den Zukunftschancen für ihre Kinder und gar nicht so sehr mit ihrer eigenen Lernbiografie. Es gibt daher regelmäßig den Aha-Effekt, wenn Frauen feststellen, dass sie mit Anfang 30 noch lernen und umschulen können. Das ist ihnen gar nicht bewusst. Die Frage der Motivation ist dabei auch sehr stark von der eigenen Biografie abhängig. Grundsätzlich kann man feststellen, dass Frauen aus Syrien und dem Iran, die unmittelbar eine Fluchterfahrung hinter sich haben, eine hohe Motivation mitbringen und sehr interessiert sind. Geflüchtete Frauen sind auch gut vernetzt, zum Beispiel über soziale Medien. Sie sehen hier die Möglichkeit, Informationen zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen zu erhalten und sich zu orientieren. Auch bei den Männern ist das Spektrum weit gefächert. Es gibt Männer, die ihre Frauen aktiv unterstützen und beispielsweise auf die Kinder aufpassen, während die Frauen Kurse besuchen. Das motiviert natürlich.

Servicestelle SGB II: Kommt es vor, dass Berufsfelder für die Frauen verschlossen bleiben, weil sie ihren kulturellen oder religiösen Werten widersprechen, ich denke z. B. an die Pflege, und wie beraten Sie in diesen Fällen? Welchen Weg können die Frauen einschlagen?“

Edibe Oğuz: Nehmen wir die Pflege: Wir stellen fest, dass es in vielen Heimatländern der Frauen den Pflegeberuf gar nicht gibt. Die Frauen können sich den Beruf gar nicht vorstellen, weil die Leistung entweder von der Familie erbracht wird oder sehr stark medizinisch-technisch geprägt ist. Es reicht daher nicht aus, den Beruf in einem Kurs vorzustellen. Die Frauen müssen aktiv damit in Berührung kommen, um sich ein Bild zu machen. Manchmal hilft es, wenn man sich den Beruf von „außen“ anschaut oder sich über eine Hospitation schrittweise nähert. Aber wir müssen auch klar erkennen: Auch wenn eine Frau den Pflegeberuf ergreifen möchte, gibt es immer noch die Schwierigkeit, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Der Pflegeberuf fordert eine Bereitschaft zur Schichtarbeit, was wegen der Betreuungszeiten der Kinder zum Teil schwer zu organisieren ist. Die Frage, ob dabei Frauen Männer pflegen dürfen, berührt das eigene kulturelle Wertesystem. Das ist im Übrigen auch im Friseurberuf nicht anders. In anderen Kulturen ist es einfach nicht selbstverständlich, dass Frauen Männern die Haare schneiden. Trotzdem ergreifen Frauen den Beruf oder streben die Anerkennung des in ihrem im Heimatland erlernten Berufs an, weil sie ihren Beruf unbedingt weiter ausüben wollen. Sie suchen sich dann beispielsweise einen Arbeitgeber oder eine Arbeitgeberin, bei dem oder der sie nur Frauen frisieren können oder machen sich selbstständig und holen sich eine zweite Kraft dazu, die die männlichen Kunden zu bedient. So lässt sich vieles individuell lösen.

Seit 10 Jahren ist es die Aufgabe des Förderprogramms „Integration durch Qualifizierung“, kurz IQ, Menschen mit Migrationshintergrund den Einstieg in das Berufsleben zu ermöglichen. Im Mittelpunkt der Arbeit des IQ-Netzwerks stehen hier lebende Migrantinnen und Migranten, die eine Beschäftigung im erlernten Beruf anstreben. Aber auch neu Zugewanderte und Geflüchtete mit Bleibeperspektive profitieren von den vielfältigen Unterstützungsangeboten. Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit (BMAS) haben sich stabile Landesnetzwerke gegründet, die heute fester Bestandteil der Integration von Migrantinnen und Migranten in den Arbeitsmarkt sind. In den IQ-Netzwerken arbeiten verschiedene Träger unter einem Dach zusammen. Ihre Aufgaben ist es, strategische Kooperationen mit Politik, Unternehmen und Verwaltung sowie kostenfreie Beratungsstrukturen vor Ort aufzubauen.
Bei IQ begleiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fünf Fachstellen Arbeitsagenturen und Jobcenter beispielsweise beim Ausbau berufsbegleitender Sprachlernmethoden oder bei Schulungen zur interkulturellen Sensibilisierung. Ziel ist es, über migrationsspezifische Themen aufzuklären und in den Organisationen nachhaltige interkulturelle Öffnungsprozesse anzustoßen. Zu den Angeboten zählen Publikationen zur Schulung von Multiplikatoren für Diversity-Fortbildungen in Jobcentern. Aber auch Schulungen zum Kundenkontakt mit geflüchteten Menschen, zur Erhöhung der allgemeinen Beratungskompetenz im Umgang mit Migrantinnen und Migranten oder Fortbildungen zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse bietet IQ Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Jobcentern an.

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