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Reflektiert in Richtung Bürgergeld: Konferenz der Netzwerke ABC in Stuttgart

7. November 2022

Achtsam und reflektiert durch den (Arbeits-)Alltag gehen – wer wünscht sich das nicht? Wie dies auch in stressigen Momenten gelingen kann und worin die Vorteile liegen, erfuhren rund 80 Teilnehmende auf der Konferenz der Netzwerke ABC. Dabei immer im Blick: das geplante Bürgergeld. Wie die Gesetzreform und Achtsamkeit zusammenhängen.

Freude am Austausch: Teilnehmende der Netzwerke-ABC-Konferenz. Alle Fotos: Philipp Hüttenhein / Servicestelle SGB II
Freude am Austausch: Teilnehmende der Netzwerke-ABC-Konferenz. Alle Fotos: Philipp Hüttenhein / Servicestelle SGB II

Im großen Saal stehen gut 80 Mitarbeitende aus unterschiedlichen Jobcentern neben- und hintereinander. Alle haben ihre Hände auf den Bauch gelegt und atmen tief ein und aus. „Nun drehen Sie sich zu der Person um, die links oder rechts von Ihnen steht, schließen kurz lächelnd die Augen und schauen, was passiert“, fordert Prof. Dr. Niko Kohls die Teilnehmenden auf. Wenige Sekunden später schallt Lachen durch den Raum. „Sehen Sie, Ihre Frontallappen haben sich gerade synchronisiert: Sie haben Vertrauen ausgestrahlt“, klärt der Medizinpsychologe auf. Anhand dieser kurzen Übung demonstrierte Prof. Kohls, welche Auswirkungen kleine Momente des bewussten Innehaltens im Alltag haben können. Achtsamkeit, so Kohls, könne jeder Mensch lernen.

Prof. Dr. Niko Kohls stimmte die Teilnehmenden mit einer Achtsamkeitsübung auf die Workshops ein.
Prof. Dr. Niko Kohls stimmte die Teilnehmenden mit einer Achtsamkeitsübung auf die Workshops ein.

In seinem Vortrag stimmte der Experte die Teilnehmenden der Konferenz der Netzwerke ABC darauf ein, was es bedeutet, achtsam zu sein: Dinge und Situationen mit einer nicht urteilenden Haltung und frischem Blick wahrzunehmen. Genau dieser frische und reflektierte Blick könnte für die erfolgreiche Einführung des Bürgergeldes ein Schlüssel sein, legte der Konferenztitel nahe: „Wie das Bürgergeld unsere Arbeit verändert – durch Reflexion überzeugen und motivieren“ lautete das Thema am 5. und 6. Oktober 2022 in Stuttgart.

  • Eine gemeinsame „Minute der Achtsamkeit“ im Team: zusammen bewusst innehalten.
  • Sich Zeit nehmen, in sich selbst hineinzuhören: „Wie geht es mir gerade in diesem Moment oder dieser Situation?“ 
  • Übergangsphasen schaffen: die Treppe statt des Aufzugs nehmen, eine Runde an die frische Luft gehen, den Pendelweg als Abschaltritual in Richtung Feierabend nutzen.
  • Dreimal täglich für eine Minute eine Atemübung machen.
  • Mithilfe der STOP-Technik Affekthandlungen und Überforderung vermeiden. STOP steht hierbei für stop (anhalten), take a breath (einen tiefen Atemzug nehmen), observe (beobachten) und proceed (fortfahren). Ziel der Übung ist, in vertrackten Situationen wieder zu sich selbst zu finden und sich dann bewusst, nicht affektgeleitet, für einen Handlungsweg zu entscheiden

Wie Achtsamkeit und Vertrauen zusammenhängen

Doch wie gelingt (Selbst-)Reflexion zwischen Terminen und To-Do-Listen? Was haben Achtsamkeit und Authentizität miteinander zu tun? Und warum sollten Fehler häufiger positiv betrachtet werden? Antworten auf diese und weitere Fragen erarbeiteten die Fachleute aus den Jobcentern an den zwei Tagen in vier Workshops:

  • Achtsamkeit im Arbeitsalltag
  • Authentizität in der Beratung
  • Fehlerkultur und konstruktiver Umgang mit Kritik   
  • Selbstreflexion im Arbeitsalltag

Was bedeutet „Selbstreflexion im Arbeitsalltag“? Die Teilnehmenden sammelten viele Ideen.
Was bedeutet „Selbstreflexion im Arbeitsalltag“? Die Teilnehmenden sammelten viele Ideen.

Die Teilnehmenden kamen in den Werkstattrunden schnell miteinander ins Gespräch und füllten rasch die Pinnwände mit ihren Assoziationen und Anmerkungen zum behandelten Thema. Unabhängig vom jeweiligen Workshop-Schwerpunkt wurde sehr deutlich, dass transparente Kommunikation und ein gutes Vertrauensverhältnis für die große Mehrheit eine wichtige Basis für jegliches Handeln sind – und zwar nicht nur innerhalb der Teams, sondern ganz besonders auch im Umgang mit den Leistungsberechtigten. „Ein authentisches Auftreten schafft Vertrauen und fördert Verbindlichkeiten“, merkte etwa eine Teilnehmerin an. „Kritik ist keine Einbahnstraße: Über Fehler zu reden, erfordert gegenseitiges Vertrauen“ und „Das Gelingen zwischenmenschlicher Beziehungen hängt von Achtsamkeit ab. Wir sollten immer mit einem fresh mind (frischen Blick) in Beratungsgespräche gehen“ lauteten weitere Wortmeldungen aus den verschiedenen Workshops.

In den Workshops wurde nicht nur viel gedacht, sondern auch herzlich gelacht.
In den Workshops wurde nicht nur viel gedacht, sondern auch herzlich gelacht.

Häufiger mal über Positives reflektieren 

Die Abschlusspräsentation der Workshop-Ergebnisse verdeutlichte, unter welchen Einflüssen Achtsamkeit und Reflexion im Jobcenter-Alltag an ihre Grenzen kommen. Neben hohen Erwartungen an sich selbst stellten die Teilnehmenden fest, häufig anlassbezogen zu reflektieren – und das meist über negative Ereignisse oder Situationen. Ein wichtiger Impuls für den Arbeitsalltag lautete daher, sich häufiger auf die persönlichen „Stolz-Momente“ zu besinnen, ganz nach dem Motto: Was ist mir zuletzt gut gelungen? In welcher Situation konnte ich jemandem weiterhelfen? Den daraus resultierenden positiven Schwung gelte es mitzunehmen, schlug eine Teilnehmerin vor. Auch im achtsamen Umgang mit der eigenen Person erkannten viele Teilnehmende Nachholbedarf. „Ein Großteil von Ihnen ist bereits sehr achtsam im Miteinander, aber Sie sollten sich dabei nicht selbst vergessen“, gab Moderatorin Katrin Seifarth den Anwesenden mit auf den Weg: „Sie alle leisten jeden Tag großartige Arbeit in den Jobcentern. Deswegen klopfen Sie jetzt mit Ihrer rechten Hand auf Ihre linke Schulter – und loben Sie sich für all das, was Sie täglich gut machen.“

Im Workshop „Authentizität in der Beratung“ erarbeiteten die Teilnehmenden ein umfangreiches Schaubild.
Im Workshop „Authentizität in der Beratung“ erarbeiteten die Teilnehmenden ein umfangreiches Schaubild.

BMAS würdigt unermüdlichen Einsatz der Jobcenter 

Großes Lob für die Leistung der Mitarbeitenden in den Jobcentern kam auch aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS). Dr. Klaus Bermig, Leiter der Unterabteilung „Bürgergeld, Grundsicherung für Arbeitsuchende“, begrüßte die Konferenzteilnehmenden per Videoschalte: „Ohne Ihr unermüdliches Engagement hätten wir weder die Herausforderungen der Corona-Pandemie noch die Betreuung der Ukraine-Geflüchteten stemmen können. Dafür gilt Ihnen mein voller Respekt. Und auch das Bürgergeld werden wir nur mit Ihrer Unterstützung erfolgreich umsetzen können.“ Er sei sich aber bewusst, dass es gegenüber dem Vorhaben noch einige Vorbehalte gibt: „So manch Eine und Einer fragt sich bestimmt: ‚Muss das nun auch noch sein?‘“, räumte Bermig ein. Die Reform bringe jedoch viele Vorteile mit sich, erläuterte Bermig. Unter anderem nannte er:

  • Die Entbürokratisierung, etwa durch eine vereinfachte Vermögenserfassung, sowie durch die Bagatellgrenze für Rückzahlungsbeträge in Höhe von bis zu 50 Euro.
  • Ein SGB II „auf der Höhe der Zeit“, das auf die aktuellen, multiplen Herausforderungen angepasste Antworten bereitstelle.
  • Die Botschaft vor allem an Jugendliche, dass „sich Arbeit lohnt“. Mit der Reform dürfen Jugendliche, die in Bedarfsgemeinschaften leben, künftig voraussichtlich bis zu 520 Euro pro Monat anrechnungsfrei für sich selbst hinzuverdienen.
  • Einen nachhaltigen (Re-)Integrationsansatz, der auf Qualifikation statt Quantität setzen wird, um den „Drehtür-Effekt“ zu reduzieren.

Abschließend verwies Dr. Bermig auf die Themenseite Bürgergeld auf www.sgb2.info: „Dort können Sie jederzeit die aktuellsten Informationen nachlesen.“

Dr. Klaus Bermig grüßte die Teilnehmenden aus dem BMAS und dankte für deren unermüdlichen Einsatz in den Jobcentern.
Dr. Klaus Bermig grüßte die Teilnehmenden aus dem BMAS und dankte für deren unermüdlichen Einsatz in den Jobcentern.

Doch wie wird sich die Arbeit für die Jobcenter-Mitarbeitenden mit der Reform ändern? Dies war nicht die einzige Frage, die sich die Konferenzteilnehmenden stellten. Via QR-Code konnten sie vorab anonym ihre Anliegen übermitteln. Dr. Marie-Claire Senden, Leiterin des Referats „Grundsatzfragen der Grundsicherung für Arbeitsuchende“ im BMAS, war für die Fragerunde live per Video zugeschaltet. Sie versicherte den Anwesenden: Updates zum Bürgergeld würden laufend an die Jobcenter weitergereicht.

In den Workshops und Diskussionsrunden sammelten viele Teilnehmende eifrig Notizen.
In den Workshops und Diskussionsrunden sammelten viele Teilnehmende eifrig Notizen.

Kann „radikale Akzeptanz“ helfen, die Herausforderungen zu lösen?

Über den Bürgergeld-Input aus dem BMAS tauschten sich die Teilnehmenden in den Pausen rege aus. Doch auch das Netzwerken pflegten die Fachleute: In den Gesprächen ging es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den jeweiligen Jobcentern, um die Learnings aus den Workshops – und sehr häufig um „radikale Akzeptanz“. Diesen Ansatz brachte Rainer Radloff, Geschäftsführer des Jobcenters Arbeitplus in Bielefeld, bei einer Podiumsdiskussion ins Spiel. „Bei uns im Haus herrscht seit dem Jahr 2011 das Motto ‚radikale Akzeptanz‘: Was wir nicht ändern können, wird nicht weiter diskutiert“, erläuterte Radloff. So kämen einige Diskrepanzen – und damit einhergehender Stress – im Idealfall gar nicht erst auf. Ihm sei aber bewusst, dass sich nicht Jede und Jeder mit dem Ansatz identifizieren könne: Entscheidend seien die innere Haltung und damit zusammenhängende Selbstreflexion. Für letztere müsse in jedem Fall Raum sein, so Radloff. In seinem Jobcenter gebe es dafür sogar spezielle Angebote für die Mitarbeitenden.

Moderatorin Katrin Seifarth, Rainer Radloff, Nicole Heinig und Peter Schadl (von links) diskutierten auf dem Podium unter anderem über den Umgang mit Veränderungen.
Moderatorin Katrin Seifarth, Rainer Radloff, Nicole Heinig und Peter Schadl (von links) diskutierten auf dem Podium unter anderem über den Umgang mit Veränderungen.

Praktikerinnen und Praktiker setzen auf offene Kommunikation

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das Jobcenter Dachau, berichtete Geschäftsführer Peter Schadl: „Ich führe meinen Mitarbeitenden regelmäßig vor Augen, was wir ändern können, worüber es lohnt, sich aufzuregen – und worüber nicht.“ Dafür stehe er mit seinen Teams im steten, transparenten Austausch: „Am Ende muss man diejenigen mitnehmen und anspornen, die von sich aus etwas verändern wollen.“ Auch beim Thema Bürgergeld stehe offene Kommunikation für ihn an erster Stelle – und zwar nicht nur mit den Mitarbeitenden, sondern auch mit anderen Organisationen. Mit Blick auf die aktuelle Arbeitsbelastung und mögliche Zusatzaufgaben ergänzte Nicole Heinig, auch innerhalb der einzelnen Teams seien offene Gespräche das A und O. „Am Ende spielt auch die gegenseitige interne Unterstützung eine Rolle. Kolleginnen und Kollegen, denen es offensichtlich schwerfällt, Pausen einzulegen oder nach der Arbeit abzuschalten, müssen wir mitnehmen und Hilfsangebote im Rahmen des dienstlich Möglichen unterbreiten“, positionierte sich die Bereichsleiterin Markt und Integration im Jobcenter Lübeck für ein transparentes und kollegiales Miteinander.

Vertrauen, Transparenz, offene Kommunikation, gesunde Reflexion und achtsame Kurzauszeiten: Am Ende der zwei intensiven Konferenztage wurde deutlich, dass für viele Jobcenter-Mitarbeitende diese Punkte nicht nur sehr bedeutsam sind – sie werden bereits in etlichen Bereichen praktiziert. Auch das Bürgergeld wird auf Vertrauen setzen.

Eine Teilnehmerin heftet eine Ideenkarte an eine Pinnwand.
Eine Teilnehmerin heftet eine Ideenkarte an eine Pinnwand.

Neugierig, wie Teilnehmende der Berliner Konferenz sich auf das Bürgergeld vorbereiten? Dann lesen Sie unseren Artikel zur themengleichen Veranstaltung in Berlin, die am 12. und 13. Oktober 2022 stattfand. Unter diesem Link erfahren Sie zudem, wie das Jobcenter Bremen seine Mitarbeitenden mit einer Kick-Off-Veranstaltung auf den „Weg zum Bürgergeld“ vorbereitet hat – kreative Überraschungen inklusive.