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Eine Zukunft bauen für Wohnsitzlose

Reportage Jobcenter Frankfurt:
Wer wohnsitzlos ist und keine feste Bleibe hat, ist fast immer auch länger ohne Arbeit. Im Rahmen der Initiative Netzwerke ABC sorgt das Jobcenter Frankfurt dafür, dass Wohnsitzlose wieder ein festes Dach über dem Kopf bekommen und den schwierigen Weg zurück in die Gesellschaft und Arbeitswelt finden.

Nahaufnahme von Bildern, CDs, einer Tasse und einem Miniaturpferd.
Die Bewohner richten ihre Zimmer selbst ein. Quelle: BMAS/Hartung

Mitten in Frankfurt, nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, befindet sich das Gutleutviertel – ein multikulturelles Quartier, in dem sich Altbauten und Nachkriegsarchitektur abwechseln genauso wie Restaurants, Kneipen und Kioske aller Herren Länder. Hier betreibt ein sozialer Träger aus Frankfurt ein Übergangswohnheim, das 39 wohnsitzlosen Männern ein festes Dach über dem Kopf bietet, die sonst bei Wind und Wetter auf der Straße leben müssten. Das Besondere daran: Während der Träger für ein Obdach sorgt, kümmern sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters Frankfurt in enger Abstimmung mit dem Träger darum, dass die Betroffenen auch zurück ins Arbeitsleben finden. Denn Wohnsitzlosigkeit geht in der Regel mit Arbeitslosigkeit einher. Fast drei Viertel der hier untergebrachten Menschen beziehen Leistungen nach dem SGB II.

Die Grundannahme der Netzwerke für Aktivierung, Beratung und Chancen (Netzwerke ABC), einer Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales: Wer längere Zeit ohne Arbeit war, braucht oft eine besonders intensive Unterstützung, damit der (Wieder-)Einstieg in die Beschäftigung gelingt. Deshalb werden in der Initiative bundesweit in den Jobcentern gezielt Angebote für Langzeitarbeitslose und Langzeitleistungsbeziehende geschaffen. Das Jobcenter Frankfurt arbeitet im Rahmen der Netzwerke ABC mit mehreren sozialen Trägern der Stadt eng zusammen, die Wohnheime für Wohnsitzlose anbieten. Immerhin gibt es in Frankfurt etwa 2.200 wohnsitzlose Menschen im SGB-II-Bezug.

Frau Becker hat kurze lockige Haare, ihr gegenüber sitzt ein Mann und sie telefoniert.
Ein ganzheitlicher Blick und mehr Zeit für den Menschen bringen neue Einsichten. Jobcenter-Mitarbeiterin Frau Becker im Gespräch. Quelle: BMAS/Hartung

Ein fester Wohnsitz
Um Betroffenen eine adäquate Betreuung anzubieten, wurde im Jobcenter Frankfurt am zentralen Standort Mitte ein Team geschaffen, das in seiner Arbeit einen Fokus auf Wohnsitzlose gelegt hat. Denn all diesen Menschen, vor allem Männern, ist gemein, dass sie in der Regel weit weg vom Arbeitsmarkt sind. Wohnsitzlosigkeit hat oft eine lange persönliche Vorgeschichte, nicht selten verbunden mit umfassenden persönlichen Problemen wie Sucht, Alkoholismus, Scheidung, psychische Beeinträchtigungen oder Gefängnisaufenthalt. Hinzu kommt, dass es häufig an Qualifikationen mangelt – nur etwa zehn Prozent der Betroffenen können einen Berufsabschluss vorweisen. Unsere Aufgabe ist es, diese Menschen in Arbeit zu vermitteln. Eine eigene Arbeit zu haben, ist ein wichtiger Schritt zurück in eine stabile Lebenssituation. Wer einer geregelten Arbeit nachgeht, wird mittelfristig auch wieder eigenen Wohnraum erhalten und halten können, erklärt Antje Hofmann, Projektkoordinatorin im Jobcenter Frankfurt. Dabei betont sie, dass die Hintergründe, warum Menschen in eine soziale Schieflage geraten und obdachlos werden, unterschiedlich sind: Die Zielgruppe ist nicht homogen, sondern jeder bringt seine Geschichte und Biografie mit.

Die Unterbringung der Betroffenen sowie die Finanzierung der Wohnheimplätze beruht auf
 § 67 SGB XII. Danach können Personen in besonderen Lebensverhältnissen, die mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind, Leistungen zur Überwindung dieser Schwierigkeiten erhalten, wenn sie aus eigener Kraft hierzu nicht fähig sind. Für Bezieher des Arbeitslosengeldes II (ALG II) werden die anfallenden Wohnheimkosten anteilig durch das Jobcenter Frankfurt finanziert, das neben der Finanzierung der Unterkunft gezielt Angebote zur Stabilisierung der Rahmenbedingungen und Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt für die Betroffenen unterbreitet. Eine lohnenswerte Investition aus Jobcenter- und Kundensicht. Denn Wohnsitzlose leben meist allein und bilden keine Bedarfsgemeinschaft mit weiteren Haushaltsmitgliedern. Finden sie einen Job, können sie meist eine eigene Wohnung finanzieren, sich einfach aus der Grundsicherung lösen und auch finanziell wieder unabhängig werden.

Frau Becker und Frau Hofmann sitzen an einem Tisch und sprechen.
Frau Becker und Frau Hofmann vom Jobcenter Frankfurt gehen mit einem niedrigen Betreuungsschlüssel mit den Netzwerken ABC neue Wege. Quelle: BMAS/Hartung

Zwei Jahre wohnen die Betroffenen im Schnitt im Übergangsheim. Zeit genug, um sich zu stabilisieren, einen geordneten Tagesablauf zu lernen und wieder mehr Eigenverantwortung zu übernehmen, aber eben kein Aufenthalt für immer. Die Bewohner lernen, dass sie selbst für sich verantwortlich sind. Dabei gilt auch, dass sie mitmachen müssen und dass sie regelmäßig Termine mit einer Sozialarbeiterin oder einem Sozialarbeiter wahrnehmen, die helfen sollen, die persönlichen Probleme in den Griff zu bekommen. Darüber hinaus stehen jede Menge Gemeinschaftsaktivitäten zur Auswahl, vom Kochen über Fußballspielen bis hin zum Malen.

Engmaschigere Betreuung
Vor allem aber gehört ein enger Austausch mit dem Jobcenter dazu. Aufgrund des niedrigeren Fallschlüssels von 1:100 können sich die Vermittlungsfachkräfte intensiv um die Bewohner kümmern. Der kleinere Betreuungsschlüssel ist der besondere Charme der Netzwerke ABC. So können wir mit unseren Kunden auch mal länger an einem Problem dranbleiben und uns Schritt für Schritt vorarbeiten, betont Projektkoordinatorin Hofmann. Das schafft Vertrauen bei den Betroffenen, die sich viel mehr wahrgenommen fühlen und sich damit auch mehr öffnen. So erfahren wir viel eher, was der Person gut tut und woran man gemeinsam arbeiten kann.

Ein Aufenthaltsbereich mit Bücherregal.
Die Bewohner strukturieren selber ihren Tag, können aber an gemeinsamen Freizeitaktivitäten teilnehmen. Quelle: BMAS/Hartung

Durch passende Hilfsangebote und Maßnahmen sollen die vorliegenden multiplen Vermittlungshemmnisse wie Schulden, Suchterkrankungen etc. so weit verringert werden, dass die Betroffenen ihre große Arbeitsmarktferne überwinden und auf einen vergleichbaren Stand gebracht werden wie ihre Mitbewerber. Auch wenn das manchmal einem Balanceakt gleicht, wie Frau Becker, Jobvermittlerin im Jobcenter Frankfurt, weiß: Sich mit den Problemen der Kunden auseinanderzusetzen, heißt manchmal auch, dass man viel von den persönlichen Schicksalen erfährt. Der Mensch hat aber auch ein Leben ohne das Jobcenter und braucht vielleicht nicht bei allem unsere Unterstützung. Deshalb heißt es immer wieder abzuwägen zwischen dem, was das SGB II verlangt und was vielleicht zu persönlich ist.

Hier hilft der ganzheitliche Blick auf die betroffenen Kundinnen und Kunden, da ist sich Beate Hageleit, Teamleiterin im Jobcenter Frankfurt, sicher. Durch die Zusammenarbeit mit den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in den Wohnheimen haben wir nicht nur unseren Jobcenter-Blick auf die Dinge, sondern bekommen viel mehr von den persönlichen Belangen und Herausforderungen der Betroffenen mit, erklärt sie. Dazu braucht es aber eine zuverlässige Kommunikation, vor allem auf der operativen Ebene. Konkret heißt das: Die Vermittlungsfachkraft kann sich jederzeit direkt an den Träger wenden und zum Beispiel nachfragen, was los ist, wenn ein Kunde nicht zu einem Termin erschienen ist. Das setzt voraus, dass die Kunden bei Eintritt in das Vermittlungsprojekt eine Schweigepflichtsentbindung unterschrieben haben, die den Sozialträgern einen Austausch untereinander erlaubt.

Die Tür zur Gemeinschaftsküche trägt das Symbol eines Topfes.
Die Hausbewohner können in Gemeinschaftsräumen kochen. Immer freitags findet ein gemeinsames Frühstück statt. Quelle: BMAS/Hartung

Dauerhafte Strukturen etablieren
Aus diesem alltäglichen persönlichen Kontakt sollen, so ist die Hoffnung, tragfähige Strukturen entstehen, die auch dauerhaft Bestand haben. Ob unsere Zusammenarbeit erfolgreich ist, bewerten wir deshalb nicht nur daran, dass wir Menschen aus der Grundsicherung holen können, sondern auch, ob es uns gelingen wird, eine dauerhafte Verzahnung mit den Trägern zu etablieren, denn die Schnittstellen in unserer gemeinsamen Arbeit sind beachtlich, resümiert Hageleit. Dass das Jobcenter Frankfurt dabei auf einem guten Weg ist, zeigen die Zahlen für 2016. Im Rahmen der Netzwerke ABC besteht eine hohe monatliche Kontaktdichte und es ist Frau Becker gelungen, dass 44 Menschen ihre Hilfebedürftigkeit beenden konnten - 35 davon, weil sie nach vielen Jahren wieder eine eigene Arbeit gefunden haben.

Auch für Robert*, einen der Bewohner des Übergangsheims, haben sich die Bemühungen des Netzwerks ABC bereits bemerkbar gemacht: Jeder, der hier wohnt, trägt seinen eigenen Rucksack mit sich herum, das ist nicht immer einfach. Aber die Betreuung ist gut, weil man jederzeit einen Ansprechpartner hat. Das motiviert. Vielleicht ist das der entscheidende Schritt, der dazu führt, dass aus einem Platz in einem Übergangswohnheim irgendwann wieder eine eigene Wohnung wird, bezahlt von der eigenen Arbeit.

* Name geändert