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3 Fragen an Joachim Werle

7. Mai 2019

In der Region Main-Taunus-Kreis herrscht seit Jahren Wohnungsknappheit. Joachim Werle, Leiter des Amtes für Arbeit und Soziales Hofheim und seit über 40 Jahren im Kreis tätig, sucht dafür derzeit verstärkt nach Lösungen, beispielsweise über koordinierte Wohnprojekte.

Porträtfoto von Joachim Werle. Er hat ein rundes Gesicht sowie eine Halbglatze und trägt eine schwarze eckige Brille.

Servicestelle SGB II: Herr Werle, wie ist derzeit die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Ihrem Kreis?

Joachim Werle: Der Main-Taunus-Kreis wird ja als Speckgürtel von Wiesbaden und Frankfurt bezeichnet, wir liegen genau zwischen diesen beiden Großstädten. Wir sind zwar nominell ein Landkreis, de facto aber eher ein Stadtkreis. Die Probleme, die wir haben, sind daher städtischer Natur. Wir haben von der statistischen Besiedelung her pro Quadratkilometer 1.050 Menschen und verzeichnen jährliche Zuwachszahlen um die acht Prozent. In unserem Kreisentwicklungskonzept 2030 steht die Zahl von 16.000 fehlenden Wohnungen, davon 3.000 allein hier in der Kreisstadt Hofheim. Geographisch gibt es ein Problem mit dem benachbarten Flughafen Frankfurt, da durch die bestehenden Abflugkorridore und Erweiterungspläne viele Flächen für die Bebauung mit Wohnraum wegfallen.

Servicestelle SGB II: Welche Leistungsberechtigten sind von dieser Situation besonders betroffen?

Joachim Werle: Alle! Natürlich sind es besonders die, die keine Wohnung haben, und das sind in erster Linie die Geflüchteten. Wir haben seit 2014/15 eine große Anzahl von Menschen in Gemeinschaftsunterkünften - und das bis heute, weil sie noch keine Wohnungen gefunden haben. Das sind zurzeit noch über 1.000 Bedarfsgemeinschaften. Aber auch andere Gruppen sind betroffen. Mit dem Frauenhaus, das rund 30 Personen eine Unterkunft bietet, habe ich neulich erst gesprochen: Da sind kaum Auszüge zu verzeichnen, weil die Frauen mit ihren Kindern auf dem Markt nichts finden. Das nächste sind alten- und behindertengerechte Wohnungen, von denen wir aufgrund der demografischen Situation immer mehr bräuchten. Und es geht auch hinein in den Bereich SGB XII, der mir persönlich sehr am Herzen liegt, weil ich hier im Haus auch dafür zuständig bin.

Servicestelle SGB II: Was können Sie als Jobcenter tun, um die Wohnungsmisere im Kreis zu lindern?

Joachim Werle: Unser Auftrag als Jobcenter besteht auch in der Existenzsicherung hilfebedürftiger erwerbsfähiger Personen, und dazu zählt auch der Wohnraum. Die Kosten dafür werden von uns im angemessenen Rahmen berücksichtigt, deshalb haben wir natürlich ein Interesse daran, dass bezahlbarer Wohnraum vorhanden ist. Unser Landkreis kann selber keinen sozialen Wohnungsbau betreiben. Aber wir können strukturell agieren. Ende 2016 wurde für den Landkreis die Stelle des Wohnungsbaukoordinators geschaffen, der seitdem die Bereiche zusammenbringt. Wir haben zwölf Städte und Gemeinden, die meisten ohne eigene Wohnungsbaugesellschaft, da läuft Wohnungsbau nur über Koordination und Partizipation. Der Wohnungsbaukoordinator unterstützt, indem freie Flächen identifiziert und die Akteure zur Planung und Bebauung zusammenbringt. Gerade erst wurde ein interessantes Projekt mit einem privaten Investor vollzogen: ein wohnungs- und generationsübergreifendes Konzept, bei dem in einer Gemeinde 27 Wohnungen völlig neu entstanden sind. Da gibt es im Erdgeschoss barrierefreie Einheiten, es gibt Sozialwohnungen, und man hat sich Belegungsrechte für Erzieherinnen und Erzieher sowie Feuerwehrleute gesichert. Das soll uns als Blaupause dienen für weitere Projekte solcher Art.