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3 Fragen an Hiltrud Meiwes-Klee

14. November 2019

Sucht ist eine Krankheit. Für Hiltrud Meiwes-Klee ist klar: Den Betroffenen kann geholfen werden, wenn Arbeitsmarktintegration und externe Therapie- und Beratungsangebote nahtlos ineinandergreifen. Seit 2013 setzt sich die 59-Jährige im Jobcenter Kreis Paderborn dafür ein, dieses Ziel Wirklichkeit werden zu lassen.

Portrait von Hiltrud Meiwes-Klee. Sie hat kurze graue Haare, trägt eine Brille und lächelt.

Servicestelle SGB II: Frau Meiwes-Klee, im Jobcenter Paderborn ist das Thema Sucht in einer Stabsstelle angesiedelt. Wie kam es dazu?

Hiltrud Meiwes-Klee: Mit der Stabsstelle wollte unser Geschäftsführer 2013 eine Person freistellen, die sich ganz der Koordination der kommunalen Eingliederungsleistungen nach §16a SGB II sowie der Kooperation mit weiteren Netzwerkpartnern der Wohlfahrtsverbände und des Gesundheitswesens widmet. In beiden Bereichen spielt das Thema Sucht eine große Rolle, und daher dreht sich auch in der Stabsstellenarbeit vieles darum. Hier geht es um Menschen mit multiplen Problemlagen. Und oft sind auch die rechtlichen Grundlagen und die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren in diesem Bereich sehr komplex. Gerade bei diesem sensiblen Thema ist die Netzwerkarbeit mit externen Partnern wie den Beratungsstellen und den Therapiezentren von zentraler Bedeutung. Deswegen haben wir die Koordination an einer zentralen Stelle gebündelt. Außerdem können so neue Eingliederungsmaßnahmen konzipiert werden, zum Beispiel maßgeschneiderte Arbeitsgelegenheiten für diese Zielgruppe bei einem Träger der Suchtkrankenhilfe.

Servicestelle SGB II: Welche Aufgaben nehmen Sie als Stabsstelle wahr?

Hiltrud Meiwes-Klee: Im Kern geht es bei meiner Arbeit darum, dass suchtkranke Menschen die bestmögliche Unterstützung erhalten. Dabei dreht sich vieles darum, die Schnittstellen zwischen externen Beratungs- und Therapieangeboten einerseits und Vermittlungsarbeit des Jobcenters andererseits so nahtlos wie möglich zu gestalten. Unsere wichtigsten Partner sind dabei die Suchtberatung und die LWL-Klinik, die vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) betrieben wird und sich schwerpunktmäßig der Behandlung von psychischen Erkrankungen widmet. Im Jobcenter sorge ich dafür, dass Suchtproblematiken bei der Kundenarbeit erkannt und entsprechende Angebote vermittelt werden. Aber ich kümmere mich auch darum, dass die Betroffenen nach abgeschlossener Behandlung nicht in ein Loch fallen. Ich habe mich beispielsweise dafür eingesetzt, dass im Rahmen der Ergotherapie der LWL-Klinik noch während der Behandlung eine Sprechstunde angeboten wird, in der über berufliche Perspektiven gesprochen wird. Um solche Schnittstellen zu finden, tausche ich mich regelmäßig mit den leitenden Stellen von Klinik und Suchtberatung aus. Damit das in der Praxis funktioniert, organisiere ich auch fallbezogene Austausche zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die im Jobcenter und in den Partnereinrichtungen mit den Betroffenen arbeiten. Darüber hinaus vertrete ich das Jobcenter in verschiedenen Gremien, beispielsweise in der Landeskoordinierungsstelle Sucht, aber auch auf kommunaler Ebene im Rahmen der Gesundheitskonferenz und des Psychiatriebeirats des Kreises Paderborn. Ganz wichtig ist aber die interne Weiterbildung: Vielen von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Jobcenter fällt es schwer, Suchtproblematiken zu erkennen, und noch schwerer, diese im Gespräch anzusprechen. Daher haben wir Schulungstage organisiert, die von der Suchtberatung durchgeführt werden. Aber wir organisieren auch Besuche bei unseren Netzwerkpartnern vor Ort, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit deren Arbeit vertraut zu machen.

Servicestelle SGB II: Sie haben lange Zeit im Jugendamt, in der Arbeits- und Beschäftigungsförderung und später als Fallmanagerin und Teamleiterin im Jobcenter gearbeitet – das Thema Sucht begleitete Sie bereits hier. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund Ihre Arbeit in der Stabsstelle?

Hiltrud Meiwes-Klee: Seit dieser Zeit ist mein Bewusstsein für die Bedeutung des Themas stetig gewachsen. Meine Arbeit in der Stabsstelle gibt mir die Möglichkeit, die Netzwerke, die ich aus der beruflichen Erfahrung kenne, zusammenzuführen. Gemeinsam mit Einrichtungen unterschiedlicher Fachrichtungen können wir auf die Personengruppe und ihre Situation zugeschnittene Angebote entwickeln und kreativ sein. So entsteht ein echter Mehrwert für die Leistungsbeziehenden. Am wichtigsten ist mir aber die Möglichkeit, das Bewusstsein für die Thematik im Jobcenter weiterzutragen. Wir arbeiten mit Menschen, von denen wir oft nicht einmal ahnen, dass sie suchtkrank sind. Oder die zwar nicht selbst suchtkrank sind, aber am fetalen Alkoholsyndrom leiden, also schon im Mutterleib durch Alkohol geschädigt wurden. Es ist ungemein wichtig, zu verstehen, dass es sich dabei um Erkrankungen handelt. Ich habe erlebt, dass man diesen Menschen helfen kann, wenn sie in Behandlung kommen, und dass sie es schaffen, ihr Leben wieder zu regeln – auch wenn es Rückschläge gibt. Ich werde jetzt bald 60 Jahre und habe oft die Erfahrung gemacht, dass Sucht immer noch ein Tabuthema ist. Ich sehe es als meine Aufgabe an, dieses Thema auch weiter auf den Tisch zu legen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem konstruktiven Umgang damit zu motivieren.