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3 Fragen an
Walter Stöhr

15. Oktober 2016

Beauftragter für Chancengleichheit im Jobcenter Fürth Stadt

BCA Walter Stöhr aus dem Jobcenter Fürth

Servicestelle SGB II: Sie bezeichnen Ihre Zielgruppe als Menschen mit Familienaufgaben, warum führt das zu einer guten Akzeptanz im Jobcenter?

Walter Stöhr: Mit der Formulierung „Menschen mit Familienaufgaben“ bezeichne ich Personen, die mit der Erziehung und Pflege von Angehörigen beschäftigt sind. Menschen, die Familienaufgaben wahrnehmen – und dies sind zumeist die Frauen – sind im Erwerbsleben immer noch benachteiligt. Gesellschaftspolitisch wäre es katastrophal, wenn das Ziel der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als „Frauenproblem“ verstanden würde. Wichtig ist mir daher, stets klarzustellen, dass es nicht nur um die Rolle der Frau, sondern in erster Linie um die Rolle der Familie in der Gesellschaft geht.

Die Akzeptanz meines Wirkens als BCA wird durch die Formulierung „Menschen mit Familienaufgaben“ erhöht. Da fühlen sich auch die Männer angesprochen. Zur Verwirklichung der Chancengleichheit braucht die Gesellschaft das Mitwirken von allen Akteuren – also von Frauen und Männern! Erfreulich finde ich in diesem Zusammenhang, dass die Anzahl der Männer, die Familienaufgaben übernehmen, stetig zunimmt. Dieses neue Rollenverständnis überwiegend jüngerer Männer zeigt, dass sich unser Einsatz für die Chancengleichheit lohnt. Wir BCAs sind wichtig und auf einem guten Weg!

Servicestelle SGB II: Würden Sie sich noch mehr Männer als BCA wünschen?

Walter Stöhr: Entscheidend ist die Wirkung, die wir mit unserem Einsatz vor Ort entfalten und nicht, ob es ein Mann oder eine Frau ist, die sich für die Chancengleichheit einsetzt. Nur wer sich glaubwürdig für die uns anvertrauten Menschen einbringt, wird die Chance bekommen, etwas für diese zu bewirken. Oft sind es die Rahmenbedingungen, also wenn die Aufgaben der BCA als „Rucksackaufgaben“ gesehen werden , die uns bei der Erfüllung unseres gesetzlichen und gesellschaftlichen Auftrags behindern. Ich wünsche mir BCAs, die unser vielseitiges und durchaus herausforderndes Aufgabengebiet mit „Herz und Verstand“ angehen. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelt. Aber ganz ehrlich – manchmal ist es ein komisches Gefühl, wenn man bei Netzwerktreffen als einziger Mann unter so vielen Kolleginnen sitzt. Dann wünsche ich mir schon mehr männliche BCAs.

Servicestelle SGB II: Im Jobcenter Fürth Stadt wirken Sie von Anfang an, seit 2005, als Persönlicher Ansprechpartner mit. Im Herbst 2012 erfolgte die Berufung zum BCA. In dieser Zeit hat sich viel verändert. Was ist eine wichtige Erkenntnis für Sie und welche Vision haben Sie für die Zukunft?

Walter Stöhr: Die Verwirklichung eines „sozialen Arbeitsmarkts“ ist für mich die Vision für die „Jobcenter der Zukunft“!

In den ersten Jahren haben wir die uns anvertrauten Menschen „aktiviert“ und bei der Heranführung an den ersten Arbeitsmarkt unterstützt. Seit einigen Jahren läuft in unserem Jobcenter eine erfolgreiche „Qualifizierungsoffensive“. Der Arbeitsmarkt in Bayern ist stabil und aufnahmefähig. Und trotzdem gibt es für mich noch zu viele Menschen, die trotz aller bisherigen Bemühungen keine Chance am ersten Arbeitsmarkt haben. Sei es, weil sie nicht in der Lage sind, eine berufliche Qualifizierung erfolgreich abzuschließen, gesundheitliche Einschränkungen dies verhindern oder persönliches Fehlverhalten in der Vergangenheit dem entgegensteht. Aus meinen Gesprächen mit vielen dieser Menschen weiß ich, dass es von den meisten als unwürdig empfunden wird, dass sie von „Almosen“ leben. Gerne würden sie etwas für das Geld (Arbeitslosengeld II) tun. „Der Gesellschaft etwas zurückgeben“. Aber wie?

Der „soziale Arbeitsmarkt“ könnte meiner Meinung nach für viele dieser Menschen eine würdige Beschäftigungsform darstellen. Geld vom Staat für geleistete Arbeit erhalten und zeigen, was man kann – dies findet bei den mir anvertrauten Menschen Zustimmung. Die Beschäftigung muss in einem nicht gewinnorientierten Bereich stattfinden und einen Mehrwert für die Bevölkerung darstellen. Die Menschen sollten entsprechend ihrer Neigungen und Fähigkeiten eingesetzt werden. Ich gehe davon aus, dass alleine durch die eingesparten Ausgaben im Gesundheitswesen die Finanzierung gesichert wäre. Das ist meine persönliche Vision und Vorstellung von der Zukunft.