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3 Fragen an
Gaby Pokorny

8. Dezember 2016

Fallmanagerin und Frauenbeauftragte im JobCenter Essen

Portraitfoto von Gaby Pokorny. Sie hat kurze blonde Haare und trägt eine randlose Brille.

„Wir möchten mit den Menschen arbeiten!“ Gaby Pokorny arbeitet seit Einführung des SGB II im JobCenter Essen, seit 2010 ist sie Fallmanagerin. Als eine von drei Frauenbeauftragten engagiert sie sich darüber hinaus für die Belange der weiblichen Beschäftigten im JobCenter Essen, das seit 2012 zugelassener kommunaler Träger und organisatorisch ein städtischer Fachbereich ist. Die Servicestelle SGB II sprach mit Gaby Pokorny über die Arbeit im Fallmanagement einer Großstadt.

Servicestelle SGB II: Frau Pokorny, Sie arbeiten als Fallmanagerin und als Frauenbeauftragte im JobCenter Essen, wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Gaby Pokorny: Einen Standard-Arbeitsalltag gibt es nicht, denn wir arbeiten ja mit Menschen zusammen, die ihre ganz individuellen Voraussetzungen, Erfahrungen und Fähigkeiten, aber eben auch ihre ganz persönlichen Einschränkungen mitbringen: Die Frage ist: Wie können wir sie in ihrer Situation beruflich nach vorne bringen? Fallmanagement bedeutet, dass wir uns intensiv mit den Kundinnen und Kunden auseinandersetzen und arbeiten. Es macht Spaß, wenn ich merke, dass Menschen mitziehen und wenn ich sehe, dass Vertrauen da ist. Die vielen kleinen Schritte sind mühsam, aber auch kleine Erfolge und Fortschritte tun wiederum gut. Mir geht es darum, mit den Menschen zu arbeiten und sie wieder an den Arbeitsmarkt heranzuführen.

Als Frauenbeauftragte im JobCenter sind die Aufgaben ebenso vielschichtig. Wir sind drei Frauen, die als Ansprechpartnerinnen die Kolleginnen beraten und unterstützen: „Wie kann man Berufliches und Privates unter einen Hut bringen? Gibt es Probleme am Arbeitsplatz, ganz gleich welcher Natur?“ Wir sollen gemäß dem Frauenförderplan bei Personalentscheidungen mit eingebunden werden und möchten ein offenes Ohr haben. Vom Alter her stammen wir aus unterschiedlichen Generationen und decken damit verschiedene Lebensphasen ab. Das hilft uns bei der Beratung. Denn die Probleme ändern sich mit den unterschiedlichen Lebensphasen. Erst kann es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehen, später können Probleme mit zu pflegenden Angehörigen auftreten. Als sehr positiv empfinde ich, dass wir uns im Haus gut kennen, denn das erleichtert den Austausch. Wir haben beispielsweise in der Stadt Essen regelmäßig einen „Tag der weiblichen Beschäftigten“ für die Mitarbeiterinnen, das ist eine Informationsveranstaltung. Es geht dabei unter anderem auch um Unternehmenskultur: Wie soll der Ort aussehen, an dem wir arbeiten wollen? Wie gelingt unser Austausch, was läuft gut und wo gibt es Missverständnisse? Wir erfahren dabei viel voneinander, deshalb ist das immer eine sehr anregende, spannende Veranstaltung.

Servicestelle SGB II: Welche Herausforderungen haben Sie in Ihrer Funktion dabei zu meistern?

Gaby Pokorny: Die Herausforderung – sowohl in der Vermittlungsarbeit mit Kundinnen und Kunden als auch in der Beratung der Kolleginnen – für mich ist, sich immer auf den Einzelfall einzustellen. Ich muss Interesse am Menschen haben und seine konkrete Situation sehen. Wie kann ich ihn bei Problemen aufbauen, wo unterstützen? Ich möchte zeigen, dass man sich seiner Probleme oder bei Vermittlungshemmnissen nicht schämen muss, sondern dass es immer auch Möglichkeiten gibt, damit umzugehen. Wichtig ist dabei für mich das Gespräch auf Augenhöhe, das ist die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Deshalb behandle ich Menschen so, wie ich auch selbst behandelt werden möchte. Dabei muss die Kundin oder der Kunde aber auch wissen, dass wir uns in einem gesetzlichen Rahmen bewegen. Die Leistungen zur Grundsicherung stehen allen zu, bedeuten aber auch Pflichten. Das versuche ich deutlich zu machen und bemühe mich, den Menschen mit seinen Potenzialen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Letztendlich kann ich aber nur Hilfestellungen und Beratung geben, den Weg muss jeder für sich gehen.

Servicestelle SGB II: Als Fallmanagerin engagieren Sie sich nicht nur vor Ort in Essen, sondern Sie tun auch etwas sehr Ungewöhnliches: Sie helfen in Afrika. Was liegt Ihnen dabei besonders am Herzen?

Gaby Pokorny: Wie ich schon gesagt habe, liegt mir die Arbeit mit den Menschen sehr am Herzen. Den einzelnen Menschen zu sehen und ihm helfen zu können, das treibt mich an. Ich engagiere mich seit über 20 Jahren ehrenamtlich über meine Kirchengemeinde in einem Dorf in Uganda. Dort sind durch Spenden aus Deutschland eine Schule und eine Berufsschule mit Schlafmöglichkeiten entstanden. Das Partnerschaftsprojekt ermöglicht Kindern eine Schul- und Berufsausbildung. Man muss wissen, dass der Schulweg in Uganda teilweise zwei Stunden und mehr beträgt. Dass dieser durch Dunkelheit und durch den Busch führt, ohne Straßen, wie wir sie kennen, ohne Licht und meistens gehen die Kinder und Jugendlichen barfuß. Dennoch gehen die Kinder und Jugendlichen diesen Weg, denn Lernen ist dort, genau wie anderswo der Schlüssel zu einer erfolgreichen Ausbildung. Alle zwei Jahre versuchen mein Mann und ich vor Ort in Uganda zu sein, um den persönlichen Kontakt zu pflegen. Wir helfen vor Ort, prüfen aber auch die Bücher und die ordnungsgemäße Verwendung der Spenden. Ich freue mich, wenn ich die Entwicklung sehe, wie die Kinder etwas erreichen, auch wenn es mal zu Rückschlägen kommt. Wenn man dann zwei Wochen im Busch, ohne Strom und fließend Wasser gelebt hat, ist man wieder geerdet. Es wird mir klar, wie gut es uns geht, obwohl die Lebenssituationen nicht vergleichbar sind. Viele Kolleginnen und Kollegen wissen von diesem Projekt, mein Team hat sogar eine Patenschaft für ein Mädchen übernommen und fragt immer wieder nach, wie es läuft.