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3 Fragen an Katja Seidel

25. November 2019

Weil Arbeitslosigkeit psychisch krank machen kann, sitzt seit 2017 eine Psychotherapeutin direkt im Jobcenter Berlin Lichtenberg. Katja Seidel, Teamleiterin Fallmanagement und stellvertretende Bereichsleiterin, berichtet, was das bringt.

Porträtfoto von Katja Seidel

Servicestelle SGB II: Frau Seidel, seit dem Jahr 2017 kooperiert Ihr Jobcenter mit dem Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge und bietet ein psychosoziales Coaching für Leistungsbeziehende an. Was hat sich seither in Ihrem Haus verändert?

Katja Seidel: Der sichtbarste Unterschied ist, dass wir nun für 30 Stunden pro Woche eine Psychotherapeutin im Haus haben. Sie ist am Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge angestellt, hat aber ihr Büro in unserem Jobcenter. In den für die Leistungsbeziehenden freiwilligen Gesprächen stellt sie fest, ob eine psychische Erkrankung vorliegt und wie diese der Integration in Beschäftigung im Wege steht. Zudem berät sie die Leistungsbeziehenden zu möglichen therapeutischen Angeboten und versucht, sie in diese zu vermitteln. Das ist nicht nur eine große Entlastung für diese Menschen, denen eine Zugangsbarriere genommen wird, weil sie sich Wege und Wartezeiten für einen Therapieplatz verringern. Auch den Jobcenter-Mitarbeitenden hilft es sehr: Wenn sie erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung erkennen oder schlichtweg merken, dass der oder die Leistungsbeziehende sich anders verhält als sonst, dann wissen sie, da ist jemand im Haus, der das professionell einschätzen und begleiten kann. Die Psychologin kann sowohl spontan zur Stelle sein als auch über einen längeren Zeitraum unterstützen. Das gibt Sicherheit am Vermittlertisch.
Seit Beginn des Projekts bis Mitte 2019 haben 993 Menschen daran teilgenommen. Wie diese Teilnahme dann konkret aussieht, ist ganz unterschiedlich: Entweder der/die Teilnehmende wird in ein Angebot der Klinik vermittelt oder es stellt sich heraus, dass eine Therapie bei einem niedergelassenen Therapeuten sinnvoll ist. Aber oft geht es gar nicht um größere Behandlungen und Therapien. Die Psychologin kann zum Beispiel vorgeschaltete Hilfsangebote aufzeigen, insbesondere Beratungsstellen wie die Suchtberatung. Mitunter ist ein Handlungsbedarf auch schon durch ein paar Gespräche gelöst, weil es sich um eine kurzzeitige Krise der oder des Betroffenen handelt. Hier ermöglicht das Projekt eine schnelle Intervention, die gegebenenfalls verhindert, dass eine Krankheit überhaupt erst entsteht.

Servicestelle SGB II: Inwieweit fördert die Zusammenarbeit ein erweitertes Verständnis von Jobcenter und Klinik?

Katja Seidel: Insbesondere die Rückkopplung von Informationen ist für die Kolleginnen und Kollegen wichtig: Hat der oder die Leistungsbeziehende eine ernsthafte Erkrankung oder mangelt es „nur“ an Motivation? Dieses Stigma steht häufig im Raum. Eine professionelle Meinung hilft nicht nur einzuschätzen, ob eine psychische Erkrankung vorhanden ist, sondern auch, was sie bei einer psychischen Erkrankung vom Leistungsbeziehenden von diesen erwarten können und was nicht. Wie kann und soll ich mit diesem Menschen umgehen? Auch auf Seiten der Klinik zeichnet sich ein enormer Qualitätsgewinn ab: Die Ärzte und Sozialarbeiterinnen nehmen Kontakt zu uns auf, weil sie möchten, dass ihre Patientinnen und Patienten schnell in Anschlussangebote kommen. Schließlich war die Arbeitslosigkeit häufig der Auslöser oder Verstärker der psychischen Erkrankung. Auch die Ärzte möchten vermeiden, dass es zu einem erneuten Ausbruch der Krankheit kommt.

Servicestelle SGB II: Das Projekt eröffnet viele neue Wege, auf eine psychische Erkrankung zu reagieren. Wo sind die Grenzen?

Katja Seidel: Das Projekt kann in ein Angebot der Klinik vermitteln, lotsen, motivieren, eine passende Therapie bei einem niedergelassenen Therapeuten zu finden und Wartezeiten auf Therapien überbrücken. Es kann allerdings keine Therapie ersetzen oder leisten. Hierfür bleibt auch weiterhin die Krankenversicherung zuständig. Eine weitere Grenze liegt in der Kapazität nach Außen, was die Vermittlung der Menschen ins therapeutische Hilfesystem angeht. Hier sind wir eingeschränkt, weil wir keinen Zugriff auf niedergelassene Therapeuten haben. Allerdings finde ich, das ist eine akzeptable Grenze für ein Projekt in diesem Rahmen.

Link zum Projekt