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3 Fragen an Melanie Obst

18. Mai 2020

Portraitfoto von Melanie Obst. Sie hat eine blonde Kurzhaarfrisur und trägt eine weiße Jacke.
Melanie Obst aus dem Jobcenter Berlin Mitte.

Servicestelle SGB II: Frau Obst, vor welche Herausforderungen stellt Sie ihre Arbeit als Sachbearbeiterin in der Leistungsabteilung im Jobcenter Berlin Mitte und wie gehen Sie damit um?  

Melanie Obst: Die größte Herausforderung ist, die große Masse von Anträgen und das ganze Drumherum zu bearbeiten, ohne die Kontrolle und den Überblick zu verlieren. Das Problem ist, dass der Verwaltungsaufwand rund um die ALG II-Regelungen sehr umfangreich ist. Das ist richtig so, denn die Regeln sollen so gerecht wie möglich sein. Aber das sorgt auch dafür, dass wir bei der Antrags- und Weiterbewilligungs-Bearbeitung insgesamt auch sehr viel prüfen müssen. So ist zum Beispiel stets ein Anspruch auf vorrangige Leistungen wie Kinderzuschlag oder Wohngeld zu prüfen. Auch die Angemessenheit der Wohnkosten und des Lohns muss geprüft werden. Das heißt, um einen Fall herum gibt es sehr viele Arbeitsprozesse. Als ich im Jobcenter Berlin Mitte angefangen habe, war mir in den ersten Monaten erst mal alles zu viel. Die Tickets, die Kundenvorsprachen, das hat mich erst mal erschlagen. Aber ich habe gelernt damit umzugehen, mich immer wieder neu zu strukturieren und meine Prioritäten ständig zu überdenken und gegebenenfalls anders zu setzen. Dafür habe ich mir auch viel bei Kollegen abgeguckt. Ich habe geschaut, wie sind sie strukturiert, wie kommen sie vorwärts, wo setzen sie ihre Prioritäten und was passt davon für mich?  

Servicestelle SGB II: Bald wechseln Sie in die Arbeitsvermittlung. Worauf freuen Sie sich hier besonders? 

Melanie Obst: Ich liebe den Kundenkontakt. Ich liebe es mit den Leistungsberechtigten ins Gespräch zu kommen. Dieses Kommunizieren, darauf freue ich mich am meisten. Ich freue mich auch darauf, dass ich vielleicht bei den Kunden Aha-Effekte erreichen und ein paar Grundsteine legen kann. Bevor ich beim Jobcenter gearbeitet habe, habe ich selbst ALG II bezogen. Ich kann daher gut verstehen, dass viele Menschen in dieser Situation sehr an sich zweifeln. Ich hatte damals einen super Arbeitsvermittler. Der war richtig toll und hat immer ein offenes Ohr für mich gehabt. Er hat mich immer ernst genommen. Damit hat er mein Selbstwertgefühl gestärkt und mir Mut gemacht. Ich hatte damals mein Studium hingeschmissen. Mein Arbeitsvermittler hat mir Möglichkeiten aufgezeigt und dann habe ich eine Ausbildung über das Jobcenter gemacht. Ich habe meine zweite Chance genutzt und das war super. Ich möchte für die Leistungsbezieherinnen und Leistungsbezieher auch eine so gute Arbeitsvermittlerin sein, ihnen Mut machen und sie darin bestärken, einen Job zu finden, der zu ihnen passt. Das ist mein Ziel und meine Geschichte ist meine Motivation.  

Servicestelle SGB II: Sie haben gerade berichtet, dass Sie schon einmal auf der anderen Seite des Tisches im Jobcenter saßen und Arbeitslosengeld II bezogen haben. Wie beeinflusst dies Ihre jetzige Tätigkeit - vor allem in Gesprächen mit Leistungsberechtigten?

Melanie Obst: Meine eigene Geschichte behalte ich oft als letztes Ass in der Hinterhand. Ich beobachte zunächst, wie das Gespräch mit einem Leistungsberechtigten läuft. Wenn sie oder er total blockiert und überhaupt nicht sprechen möchte, aggressiv ist, sich nur negativ äußert und ich merke, dass ich mit keiner klassischen Strategie weiterkomme, dann ist meine persönliche Geschichte das letzte Ass, das ich ziehe. Dann sage ich: Ich verstehe Sie, ich saß auch mal auf Ihrer Seite des Tisches. Dann funktioniert es mit dem Gespräch meist plötzlich. Es entsteht gerade dann ein Gespräch auf Augenhöhe - auch wenn ich mich sonst natürlich auch bemühe, den Leistungsberechtigten ein Gefühl der Zusammenarbeit zu vermitteln. Bis jetzt habe ich damit immer gute Erfahrungen gemacht. Ich erzähle dann manchmal auch, dass ich mich früher oft schlecht gefühlt habe, weil ich mein Studium nicht geschafft habe. Stattdessen habe ich in meinem Leben viele Kurven mitgenommen. Mittlerweile finde ich, dass es meine persönliche Stärke ist, einen anderen Weg gegangen zu sein. Ich bereue keine Kurve, die ich gemacht habe und versuche, auch die Leistungsberechtigten darin zu bestärken, ihren Weg zu finden.

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Sozialer Arbeitsmarkt.