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Zwei Jugendberufsagenturen unter einem Dach - unterschiedliche Herausforderungen und Lösungen

17. Oktober 2017

Jugendberufsagentur Bremen und JugendService Mecklenburgische Seenplatte in Neubrandenburg

Foto von Carola Brunotte
Carola Brunotte von der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven weiß sicher: „Die Art der Zusammenarbeit, die wir hier anstreben, ist nur möglich, wenn alle unter einem Dach zusammenkommen.“ Quelle: BMAS/Meyer

Im Bremer Berufsinformationszentrum befindet sich seit Oktober 2016 auch der Empfang der Jugendberufsagentur. Zwei Mitarbeiterinnen begrüßen die Besucher. Man sieht es ihnen nicht an, dass sie für unterschiedliche Behörden arbeiten – die eine für das Jobcenter Bremen, die andere für die Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven. Denn hinter der Idee der Jugendberufsagentur steht immer auch eine rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit. Detailliert und geradezu liebevoll ist der Weg für die Jugendlichen geplant: Das Berufsinformationszentrum kennen diese schon von Besuchen mit der Schule, da ist der Weg zur Jugendberufsagentur nicht mehr weit. Jeder Jugendliche ist willkommen bei der neuen Kooperation aus Jobcenter, Agentur für Arbeit, Bildungs- und Arbeitsbehörde und Jugendhilfe. Die Jugendberufsagentur ist keine eigene Behörde, die einzelnen Rechtskreise greifen weiterhin. Was den Jugendlichen hier angeboten wird, ist Beratung unter einem Dach, nicht aus einer Hand, beschreibt es Andreas Eden, Bereichsleiter der Jugendberufsagentur im Jobcenter Bremen.

Foto von Andreas Eden
Andreas Eden, Bereichsleiter der Jugendberufsagentur im Jobcenter Bremen erklärt: „Die Jugendberufsagentur unterscheidet sich im Ansatz schon völlig von anderen Behörden. Hier ist es ein Erfolg, wenn wir die Kundinnen und Kunden erreichen und binden. Es geht nicht darum, sie oder ihn so schnell wie möglich weiterzuvermitteln.“ Quelle: BMAS/Meyer

Alle nach dem Motto: Kein Jugendlicher darf verloren gehen!

Unter einem Dach hat sich auch der JugendService Mecklenburgische Seenplatte gefunden – die Jugendberufsagentur in Neubrandenburg. Die Bezeichnungen können variieren, das Motto aller Jugendberufsagenturen ist jedoch gleich: „Kein Jugendlicher darf verloren gehen!“ Die erste Frage bei der Gründung der Jugendberufsagenturen in Bremen und Neubrandenburg lautete daher: Welches sind die Jugendlichen, die bisher durch die Netze des Systems gefallen sind? Und wie kann man sicherstellen, sie zukünftig zu erreichen?

Foto des Logos vom JugendServiceMSE
Neben der engeren und besseren Zusammenarbeit der Rechtskreise bieten die Jugendberufsagenturen die Chance, eine neue Marke aufzubauen: In Neubrandenburg ziert das Logo des JugendServiceMSE den Eingangsbereich. Quelle: BMAS/Pérez

Die Zusammenarbeit beginnt in der Schule

Mit den Bildungsbehörden sind daher auch die Schulen ein Teil der Jugendberufsagenturen, die schon früh bei der Berufsorientierung und -beratung der Schülerinnen und Schüler ansetzt. In Bremen werden dafür an den Schulen so genannte „BO-Teams“ gebildet, in deren Rahmen Lehrkräfte der Schulen, Berufsberaterinnen und Berufsberatern der Agentur für Arbeit und andere Partner gemeinsam daran arbeiten, Jugendliche auf den Übergang von der Schule in den Beruf vorzubereiten.
Um alle Jugendlichen bei diesem Übergang im Blick behalten und notfalls Unterstützung anbieten zu können, bilden die Daten der Schulpflichtigen aus den Schuldatenbanken eine gute Grundlage. Wesentlich ist, einen funktionierenden Informationsfluss im Rahmen der datenschutzrechtlichen Vorgaben sicherzustellen, erklärt Ina Mausolf, Mitarbeiterin der Senatorin für Kinder und Bildung der Freien Hansestadt Bremen. In Bremen wurde deshalb das Schuldatenschutzgesetz geändert, um personenbezogene Daten auch über die Schulpflicht hinaus verarbeiten zu können. In Neubrandenburg strebt man eine ähnliche Änderung an. Da diese Regelungen nur auf landesgesetzlicher Ebene greifen, Agentur für Arbeit und Jobcenter aber bundesgesetzlich verankert sind, werden die Schülerinnen und Schüler parallel mit einer Einverständniserklärung gebeten, dem Datenaustausch mit diesen Institutionen schriftlich zuzustimmen. So können wir mit allen Schulabgängerinnen und Schulabgängern in Kontakt treten und unsere Unterstützung anbieten. Der Übergang von der Schule in eine Ausbildung oder ein Studium ist eine wichtige, teils schwierige Phase. Die meisten Jugendlichen schaffen das zwar alleine, aber wenn es doch mal zu Komplikationen kommt, möchten wir als Ansprechpartner bekannt sein, erklärt Ina Mausolfs Kollegin Stephanie Dehne weiter. Um auch einen Kontakt zu schwer erreichbaren Jugendlichen herstellen zu können, stellt der Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen für die Jugendberufsagentur Bremen Mitarbeiterinnen zur Verfügung, die diese Jugendlichen aufsuchend beraten. Dr. Jessica Blings organisiert diese und berichtet: Es gibt noch einen nicht unwesentlichen Teil an Jugendlichen, die das Unterstützungssystem nicht oder nicht mehr in Anspruch nehmen. Dahinter stehen verschiedenste Gründe. Durch die Aufsuchende Beratung können wir diese Jugendlichen trotzdem erreichen und unterstützen. Vor Ort, in geschütztem Rahmen, lässt sich an Problemlagen oft besser arbeiten, was die Jugendlichen dankbar und gerne annehmen.

Foto von Ina Mausolf (l.) und Stefanie Dehne (r.)
pIna Mausolf (links) und Stephanie Dehne (rechts), arbeiten bei der Senatorin für Kinder und Bildung der Freien Hansestadt Bremen und organisieren die enge Zusammenarbeit zwischen Jugendberufsagentur und Schulen. Quelle: BMAS/Meyer

Dezentrale Organisation - auf regionale Besonderheiten einstellen

Neben datenschutzrechtlichen Themen prägten auch regionale Eigenarten die konkrete Ausgestaltung der beiden Jugendberufsagenturen. In Neubrandenburg stellte und stellt sich dabei insbesondere die Herausforderung der Dezentralität. Die vom JugendService betreute Region ist in der Fläche mehr als zweimal so groß wie das Saarland. Zwischen den vier Dienststellen liegen teilweise über 70 Kilometer, erklärt Dr. Christiane David, Projektleiterin für den JugendServiceMSE. Uns war schnell klar, dass wir Vorreiterprojekte aus großen Städten nicht würden übernehmen können. Es galt, eine eigene Strategie zu entwickeln. Dabei wollten wir alle beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den vier beteiligten Behörden mit einbeziehen. Wir starteten daher mit über 30 Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Ergebnis war eine gemeinsame Zielsetzung, der sich alle beteiligten Akteure anschlossen. Nämlich, die Jugendarbeitslosigkeit in der Region der Mecklenburgischen Seenplatte in den nächsten fünf Jahren zu halbieren, berichtet Kornelia Gruel, Geschäftsführerin Operativ der Agentur für Arbeit Neubrandenburg, die Anfänge des JugendService. Um auf der großen Fläche präsent zu sein, unterhält der JugendService vier Standorte: Neubrandenburg, Waren, Neustrelitz und Demmin.
In Bremen war Dezentralität kein Thema, dafür galt und gilt es hier, auf eine große Anzahl junger Geflüchteter zu reagieren, die in den vergangenen Jahren nach Bremen zogen. Elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich ausschließlich auf die Arbeit mit geflüchteten Menschen spezialisiert, sagt Bereichsleiter Andreas Eden. Finanziert durch das Integrationsbudget des Landes Bremen, gibt es zudem eine spezielle Aufsuchende Beratung für geflüchtete Jugendliche ab 15 Jahren, unabhängig von ihrer Bleibeperspektive. Die Jugendberufsagentur bietet die geeignete Plattform, um zielgerichtet auf regionale Problematiken einzugehen, resümiert er.

Foto von Dr. Christiane David
Dr. Christiane David, Projektleiterin für den JugendServiceMSE, stellt die Besonderheiten des Landkreises vor. Quelle: BMAS/Pérez

Es gibt kein Nichtzuständigsein.

Dass die Jugendberufsagenturen zielgerichtet und flexibel reagieren können, ergibt sich aus dem engen und kollegialen Miteinander. Die Art der Zusammenarbeit, die wir hier anstreben, ist nur möglich, wenn alle unter einem Dach zusammenkommen. Die Wege sind kurz, man kennt sich persönlich, die Kommunikation fällt leicht. Nur so können wir den Kundinnen und Kunden schlussendlich ein besseres Angebot machen, erläutert Carola Brunotte von der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven. Dort wird alle sechs Wochen eine kollegiale Fallberatung organisiert. Von allen Partnern kommen Kolleginnen und Kollegen, um sich direkt über passende Maßnahmen auszutauschen. Der Kunde profitiert von unterschiedlichen Sichtweisen und Lösungsansätzen. Hier ballt sich das Wissen aller Kooperationspartner, bemerkt Andrea Mann vom Bremer Amt für soziale Dienste der Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport. Auch in Neubrandenburg profitieren die Jugendlichen direkt von der engen Kooperation. Es gibt kein Nichtzuständigsein für die Kooperationspartner. Für jeden Jugendlichen werden sinnvolle Lösungen gefunden und vorbeugend Wege aufgezeigt, erklärt Dr. Christiane David. Andreas Wegner, Geschäftsführer des Jobcenters Mecklenburgische Seenplatte-Süd schließt an: Das Netz, durch welches die Jugendlichen in der Vergangenheit gefallen sind, wird zwischen den einzelnen Rechtskreisen geknüpft. Der JugendService schafft es, aufgrund der engen Abstimmung und Zusammenarbeit, diese Lücken zu schließen. Jeden erreicht die Hilfe, die er benötigt. Die Angebote, die unterbreitet werden, sind treffsicherer, was sich positiv auf die Abbrecherquote ausgewirkt hat.

Foto von Andrea Mann
Für eine zielgerichtete, flexible Beratung: Andrea Mann organisiert die kollegiale Fallberatung in der Jugendberufsagentur Bremen und fördert damit den konstruktiven Austausch der Kollegen.  Quelle: BMAS/Meyer

Jeder Jugendliche kann mit dem JugendService etwas Passendes finden.

Fey Hildebrant ist eine dieser Jugendlichen, die durch den JugendService in Neubrandenburg in Ausbildung gekommen ist. Sie berichtet: Ich bin nach der Schule zu meinem Freund nach Neubrandenburg gezogen. Ich wollte unbedingt einen Job oder eine Ausbildung finden. Doch alles, was ich angefangen habe passte nicht richtig zu mir, ich war nicht glücklich. Die Kosten für den Umzug und die neue Wohnung stiegen mir über den Kopf. Beim JugendService habe ich die Unterstützung bekommen, die ich brauchte. Sehr schnell habe ich durch die assistierte Ausbildung einen Ausbildungsplatz bei der Shell Tankstelle in Neubrandenburg gefunden, der mir richtig Spaß macht. Außerdem wurde mir geholfen, meine aus dem Ruder geratenen Finanzen wieder in den Griff zu kriegen. Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung und glaube, dass jeder Jugendliche, der motiviert ist und arbeiten will, mit Hilfe des JugendService etwas Passendes finden kann. Auch ihr Arbeitgeber und Ausbilder Steffen Rossow, Besitzer mehrerer Shell Tankstellen in der Region, ist überzeugt: Ich arbeite sehr eng mit dem Jobcenter MSE-Süd zusammen und habe in all den Jahren nie eine potentielle Arbeitnehmerin oder einen potenziellen Arbeitnehmer vermittelt bekommen, die oder der nicht passte. Es besteht ein sehr enges Netzwerk, jeder Arbeitgeber der Region ist dem gemeinsamen Arbeitgeberservice bekannt, von der zielgerichteten Selektion profitieren Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen. Fey hat sich schon sehr gut in das Team und unser Familienunternehmen integriert. Wir sind froh, dass sie durch die assistierte Ausbildung die Chance auf ihren Wunschberuf bekommen hat. Wir wollen sie gerne auch in Zukunft bei ihrer Entwicklung und Karriere unterstützen.

Foto von Fey Hildebrant bei der Arbeit
Fey Hildebrant (links) wurde mit Hilfe der Assistierten Ausbildung zur Auszubildenden bei der Shell Tankstelle Neubrandenburg der Familie Rossow. Quelle: BMAS/Pérez

Eine neue Marke – Chance und Herausforderung

Neben der engeren und besseren Zusammenarbeit bieten die Jugendberufsagenturen auch die große Chance und Herausforderung, eine neue Marke aufzubauen. „Die Jugendberufsagentur unterscheidet sich im Ansatz schon völlig von anderen Behörden. Hier ist es ein Erfolg, wenn wir die Kunden erreichen und binden. Es geht nicht darum, sie oder ihn so schnell wie möglich weiterzuvermitteln“, sagt der Bereichsleiter der Bremer Jugendberufsagentur im Jobcenter Bremen, Andreas Eden. In Bremen wird die Jugendberufsagentur großflächig mit Plakaten und Flyern beworben, es gibt eine eigene Webseite, ein Servicetelefon und eine App, über die man anonyme Anfragen stellen kann. Unser ausgesprochenes Ziel ist es, keinen Jugendlichen, der den Weg zu uns findet, ohne Lösung nach Hause zu schicken. Dafür ist am Anfang insbesondere eine umfassende Datenpflege und Sachbearbeitung nötig. In Bremen haben wir für den Empfang eine gemeinsame Teamleiterin für SGB II und SGB III, um eine ganzheitliche und zielgerichtete Betreuung und Vermittlung zu gewährleisten, fasst Carola Brunotte zusammen. In Neubrandenburg vertraut man auf die lokalen Zeitungen und veröffentlicht jeden Monat eine Anzeige im Kreisanzeiger. Dieser wird kostenlos in alle Haushalte der Region verteilt. Über eine dieser Anzeigen fand Jana Wolf ihren Weg zum JugenService Neubrandenburg. Sie war ratlos, ihr Sohn nicht mehr zur Schule gehen und war versetzungsgefährdet. Ich habe die Koordinierungsnummer angerufen und traf auf das Verständnis und das fachliche Wissen, das ich brauchte. Sie haben mir erklärt, welches die nächsten Schritte sein würden und statteten mich inhaltlich und argumentativ so aus, dass ich meinem Sohn überzeugend gegenübertreten konnte. Jetzt geht er wieder zur Schule und macht die mittlere Reife. Am dankbarsten bin ich für die fachliche und emotionale Unterstützung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen ich sprach, waren mit meinem Anliegen betraut. Nichts ist schlimmer, als wenn man mit einem Problem immer weiter vermittelt wird. Es blieb mir erspart, immer wieder mein Leben ausbreiten zu müssen und sich zu fühlen, als hätte man versagt, berichtet Jana Wolf mit ehrlicher Erleichterung im Blick.

Foto von Jana Wolf
Jana Wolf (links) fand beim JugendServiceMSE fachliche und emotionale Unterstützung für sich und ihren Sohn. Quelle: BMAS/Pérez

Es ist ein langer Weg – aber er lohnt sich

In Bremen und Neubrandenburg ist man überzeugt: Eine Jugendberufsagentur lohnt sich. Es ist ein langer Weg und ganz ohne zusätzliche Ressourcen kommt man nicht voran. Nichtsdestotrotz sind wir uns sicher, dass das Ergebnis die Mühe wert ist, erklärt Ina Mausolf. Das Wichtigste bei der Gründung des JugendService Neubrandenburg war, dass alle Akteure immer eine gewisse Kompromissbereitschaft beibehalten. Zusätzlich muss jeder Partner zunächst investieren, fasst der mecklenburgische Jobcenter-Geschäftsführer Andreas Wegner es zusammen. Jeder Schritt einer Jugendberufsagentur macht einem der Akteure zunächst Arbeit, das darf man nie vergessen. Das bedeutet, dass jeder sich vollumfänglich zu der neu-en Kooperation bekennen muss. Auch wenn das heißt, seine eigenen kurzfristigen Organisa-tionsziele zunächst zurückzustellen. Im Jobcenter Mecklenburgische Seenplatte-Süd mussten knapp 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umziehen, um Platz für den JugendService unter einem Dach zu machen. Die gesamte Institution ist davon betroffen, da ist Kommunikation der Schlüsselpunkt. Andreas Wegner rät: Man muss es schaffen, seine Mitarbeiter bei jedem Schritt mitzunehmen. Es muss einem gelingen, aus seinen eigenen verhafteten Denkmustern und Rollenzwängen auszubrechen und sozialraumbezogen gesamtgesellschaftlich zu denken.

Kein Jugendlicher darf verloren gehen! – das ist das Ziel und das Versprechen, das Jugendberufsagenturen verkörpern. Ein großes Versprechen und ein aufwändiger Weg, der teilweise sehr unterschiedlich verläuft. Doch Jugendberufsagenturen wie in Bremen und Neubrandenburg beweisen: Wenn es gelingt, profitieren am Ende alle.

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