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Schritt für Schritt in die Selbstständigkeit im Darmstädter Michaelis-Dorf

Im Michaelis-Dorf wird traumatisierten Asylsuchenden frühe Hilfe gegeben. Sie erhalten kurz- und langfristige Unterstützungen.

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Im Januar 2016 hat das Hessische Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) gemeinsam mit dem Sigmund-Freud-Institut (SFI) und der Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt das Pilotprojekt „Step-by-Step“ in der Erstaufnahmeeinrichtung Darmstadt gestartet. Im dortigen Michaelis-Dorf wird traumatisierten Asylsuchenden frühe Hilfe gegeben. Sie erhalten kurz- und langfristige Unterstützungen. Damit können eventuelle Behandlungen zu einem frühen Zeitpunkt der Ankunft in Deutschland eingeleitet werden. Die Angebote dienen dazu – in enger Kooperation mit den Fachleuten vor Ort, den Flüchtlingen sichere Orientierungen, einen ersten Halt und verlässliche Beziehungserfahrungen zu ermöglichen.

Mehrere Hundert Frauen haben die Angebote im Michaelis-Dorf bereits angenommen. Die Servicestelle SGB II hat mit Frau Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, geschäftsführende Gesellschafterin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, über die betreuten weiblichen Geflüchteten gesprochen.

junge, besorgt aussehende Frau mit Kopftuch
Die Angebote dienen dazu, den Flüchtlingen sichere Orientierungen, einen ersten Halt und verlässliche Beziehungserfahrungen zu ermöglichen. Quelle: iStock

Servicestelle SGB II: Frau Prof. Dr. Leuzinger-Bohleber, wie nehmen Sie die Frauen wahr, die bei Ihnen im Programm „Step-by-Step“ mitmachen?

Prof. Dr. Leuzinger-Bohleber: Zunächst einmal muss ich sagen, dass in der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit geflüchteten Frauen häufig und vorschnell von Traumatisierungen gesprochen wird. Das ist jedoch eine vereinfachende und vorschnelle Einschätzung, die hier getroffen wird. Zum einen ist zu berücksichtigen, dass die Traumaforschung zeigt, dass sich Traumatisierungen oft erst dann zeigen, wenn die Frauen schon längst hier angekommen sind und sich ein Sicherheitsgefühl einstellt. Daher ist es schwierig, gleich bei der Ankunft das Ausmaß der Traumatisierung festzustellen. Zum zweiten wird oft vergessen, dass wir oft trotz aller Belastungen und eventueller Traumatisierungen erstaunlich starke Persönlichkeiten vor uns haben. Gerade Frauen mit Kindern, die den langen Weg der Flucht hinter sich haben, sind oft sehr mutige und starke Frauen. Sie bringen eine große Vitalität und Kreativität mit. Die Bereitschaft, sich bilden zu lassen, ist hoch ausgeprägt. Wir vergessen häufig: Viele der Frauen haben unter der Gesellschaft gelitten, aus der sie gekommen sind. Sie sind froh, hier zu sein und wollen ihr Leben gestalten und nicht als „Kranke“, „Traumatisierte“ behandelt werden. Gerade Frauen mit Kindern haben eine doppelte Motivation. Sie wollen nicht nur etwas für sich erreichen, sondern auch für ihre Kinder. Ich will mit alledem nicht sagen, dass es auch Geflüchtete gibt, die wegen ihrer schweren Traumatisierungen dringend psychotherapeutische Hilfe brauchen. Dieser Gruppe können nur gut ausgebildete Fachleute helfen. Doch für Jobcenter ist wichtig zu wissen, dass es auch für diese Frauen neben der Therapie eine große Hilfe ist, wenn sie in Arbeit kommen oder einen Ausbildungsplatz finden. Dies gibt ihnen Stabilität im Alltag und in der neuen Lebenssituation.

Servicestelle SGB II: Haben Sie dafür ein Beispiel, das Ihnen in Erinnerung ist?

Prof. Dr. Leuzinger-Bohleber: Ja, ein ganz aktuelles. Ich habe eine Frau aus Afghanistan kennengelernt, die als Kind verheiratet wurde. Sie wurde eingesperrt und war regelmäßig häuslicher Gewalt ausgesetzt. Man hatte ihr sogar die Fußsohlen verbrannt, damit sie nicht aus der häuslichen Enge ausbricht. Diese Frau hat sich bei uns sehr schnell auf ein neues Leben eingestellt. Sie möchte jetzt LKW-Fahrerin werden, und ich bin mir sicher, sie schafft das. Das Beispiel zeigt: Viele Frauen sind stolz und selbstbewusst, obschon sie Furchtbares erlebt haben. Sie wollen Mitgefühl, aber kein falsches Mitleid, sondern als eigenständige Personen wahrgenommen werden. Und die Frauen wollen sich einbringen. Dazu haben wir im Michaelis-Dorf verschiedene Programme eingerichtet, die nicht nur den Frauen zugute kommen. Es gibt viele Angebote, bei denen sie aktiv gefordert werden. Und sie sind sehr engagiert bei der Sache.

besorgt aussehende Frau mit dunklem Haar
Gerade Frauen mit Kindern, die den langen Weg der Flucht hinter sich haben, sind oft sehr mutige und starke Frauen. Quelle: iStock

Servicestelle SGB II: Was bedeutet das für die Beratung der Frauen?

Prof. Dr. Leuzinger-Bohleber: Wir finden bei den Frauen ein breites Spektrum. Von Frauen, die nicht lesen und schreiben können, bis hin zu Frauen mit einer hervorragenden akademischen Ausbildung. Bei allen Frauen aber ist es wichtig, dass sie in Arbeit kommen. Dass sie Strukturen erhalten. Sie brauchen Stabilitätsanker. Hier sind Frauen mit Kindern deutlich im Vorteil, denn Kinder fordern eine Alltagsstruktur ein und mobilisieren bei den Eltern oft große Kräfte. Das Problem ist häufig der ungeklärte Aufenthaltsstatus. Das schafft große Unsicherheit und Ängste. Und die Frauen brauchen eine gute Nachbetreuung. Häufig sind die Frauen zu lange in der Erstaufnahme. Sie müssten schneller in eine Beratung der Jobcenter und noch schneller Orientierung erhalten. Insgesamt wünsche ich mir einen individuelleren Blick auf die Frauen. Wir haben beispielsweise völlig unterschiedliche Frauenbilder, was den Umgang mit Kindern angeht. Frauen aus Eritrea sind gewohnt, dass die Kinder in Gruppen großgezogen werden. Frauen aus Syrien oder Afghanistan klammern sich häufig an die Kinder. Hier muss in Fragen der Kinderbetreuung einfach unterschiedlich beraten werden, man muss einfach mehr über die Frauen wissen.

Servicestelle SGB II: Welche Herausforderung sehen Sie für die Beratung in Jobcentern?

Prof. Dr. Leuzinger-Bohleber: Ich sehe die Herausforderung, dass man, wenn man etwas nicht sofort versteht, sich erst einmal kundig macht. Man neigt im Alltag zu Vereinfachungen, wenn man ein Problem nicht sofort versteht oder ein Problem zu komplex ist. Aber es gilt: Je besser ich eine Person einschätzen kann, desto besser kann ich sie beraten. Ich bin überzeugt, eine Fachsupervision in den Jobcentern würde helfen. Man benötigt einen Raum des Austauschs, gerade für schwierige Beratungssituationen. Das würde den einzelnen Berater oder die Beraterin entlasten, aber auch die Teams. Im Jobcenter muss man sich bewusst sein, dass man in einer zentralen Position ist. Denn die Frauen, die ohne ihre Männer hier sind, wollen Selbständigkeit. Wenn sie permanent auf sich zurückgeworfen werden und keine Perspektive erhalten, klammern sich schnell an die Kinder. Und häufig sind es dann diese Kinder, die mit echten Störungen zu kämpfen haben.