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Leitartikel

Geflüchtete Frauen: Die besondere Situation sehen und Potenziale erkennen

Beraterin im Gespräch mit Migrantin
Quelle: iStock

Mit der Flüchtlingsbewegung haben im Jahr 2015 mehr als 890.000 und bis November diesen Jahres bislang 270.000 Menschen bei uns Schutz gesucht. Gleichzeitig haben in 2015 rund 442.000 und von Januar bis November 2016 rund 702.000 Menschen einen Erstantrag auf Asyl gestellt. Und noch immer hält der Zuzug an, wenn auch deutlich abgeschwächt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jobcentern stehen in diesem Zusammenhang zunehmend vor der Aufgabe, die sehr heterogene Gruppe der arbeitsuchenden geflüchteten Menschen zu betreuen und zu begleiten – unter ihnen auch viele Frauen. Dieses Themenspecial soll dazu beitragen, die besondere Situation geflüchteter Frauen zu verstehen, ihre Bedarfe zu erkennen und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.

Zunächst einmal ist die Statistik männlich geprägt: Die große Mehrheit derjenigen, die im Jahr 2015 einen Erstantrag auf Asyl in Deutschland gestellt haben, waren Männer (69 Prozent). Mädchen und Frauen sind mit einem Anteil von knapp einem Drittel (31 Prozent) in der Minderheit. Seit dem Sommer dieses Jahres liegen zudem Arbeitsmarktdaten vor. Danach waren von den insgesamt 566.000 im November 2016 bei einer Arbeitsagentur oder einem Jobcenter gemeldeten arbeitsuchenden oder arbeitslosen Flüchtlingen 145.000 Frauen, also ein Viertel. Diese Frauen in Arbeit zu bringen, verlangt Ausdauer, Geduld und enge individuelle Begleitung. Damit können nicht nur die Integrationschancen der Frauen selbst erhöht werden, sondern auch ihre Stellung als treibende Kraft innerhalb der Familie gestärkt und so Integrationsbemühungen gegenüber den Männern und Kindern unterstützt werden.

Knapp ein Drittel der Geflüchteten sind Frauen und Mädchen.
Knapp ein Drittel der Geflüchteten sind Frauen und Mädchen. Quelle: iStock

Erst in Sicherheit, dann der Job
Was die Statistik auch zeigt: Viele Geflüchtete, ob männlich oder weiblich, kommen aus Ländern, in denen Krieg, Bürgerkrieg oder politische Verfolgung herrschen. Dazu gehören insbesondere Syrien, Irak, Iran, Eritrea und Somalia. Von Januar bis Oktober stellten allein diese fünf Staaten knapp 60 Prozent der hier angekommenen Geflüchteten. Bei der Arbeitsmarktintegration kommen neben den üblichen Aspekten wie Sprachkenntnissen, Qualifizierungen oder Bildungsabschlüssen deshalb entscheidende weitere hinzu: der Umgang mit traumatischen Erlebnissen und Gewalterfahrungen sowie mit kulturellen und religiösen Werten. Erste Erfahrungen aus den Werkstattgesprächen der Servicestelle SGB II zeigen, dass neben den oben genannten Aspekten für viele Frauen auch das Gefühl von Ankunft, Sicherheit und Schutz von großer Bedeutung ist.

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jobcentern bedeutet das, arbeitsuchende geflüchtete Frauen umfassend und individuell zu unterstützen, um so Hürden auf dem Weg zur Arbeitsmarktintegration zu überwinden. Manche Frauen haben etwa in ihrer Heimat oder auf der Flucht eines oder mehrere Kinder verloren. Im Erfahrungsaustausch in BCA-Werkstattgesprächen wurde erörtert, dass das zur Folge haben kann, dass sie – neben dem Trauma selbst – oft nicht bereit sind, ihr verbliebenes Kind in eine Kinderbetreuung zu geben. Andere Frauen bringen ausgeprägte Gewalterfahrung mit.

Traditionelle Geschlechterrollen
Darüber hinaus können auch kulturelle und religiöse Prägungen eine Rolle spielen. Zwar zeigt eine repräsentative Befragung von rund 2.300 Geflüchteten durch IAB, BAMF und SOEP, deren Ergebnisse im November 2016 veröffentlicht wurden, dass Geflüchtete hinsichtlich der Gleichberechtigung von Männern und Frauen viele Gemeinsamkeiten aufweisen im Vergleich mit der in Deutschland lebenden Bevölkerung. So stimmen sogar mehr geflüchtete als deutsche Frauen und Männer der Aussage zu, dass Arbeit für Frauen die beste Möglichkeit ist, unabhängig zu sein. Gleichzeitig gehen mehr Geflüchtete als Deutsche davon aus, dass es zu Problemen führen wird, wenn die Frau mehr Geld als ihr Partner verdient. Es wird sich daher im Alltag zeigen müssen, wie Geschlechterrollen tatsächlich gelebt werden.

Ein wesentlicher Schritt zur Arbeitsmarktintegration ist der Erwerb von Sprachkenntnissen.
Ein wesentlicher Schritt zur Arbeitsmarktintegration ist der Erwerb von Sprachkenntnissen. Quelle: iStock

Große Unterschiede in den Bildungs- und Erwerbsbiografien
Die Integration in den Arbeitsmarkt hängt zudem maßgeblich von Bildungsstand und Qualifikation ab. Hier zeigt sich bei den geflüchteten Frauen ein sehr differenziertes Bild je nach Herkunftsland. Die IAB-BAMF-SOEP-Studie zeigt, dass die Dauer des Konflikts, vor dem die Menschen geflohen sind, entscheidenden Einfluss hat. Wer aus einem Land kommt, in dem der Zugang zu Bildung und eine geregelte Erwerbstätigkeit bis vor kurzem noch möglich war, hat eine deutlich günstigere Bildungs- und Erwerbsbiografie im Vergleich zu Flüchtlingen aus langjährigen Kriegs- und Krisenregionen.

Zur ersten Gruppe zählen etwa Länder wie Syrien, Irak oder Iran. Zur zweiten Gruppe gehört beispielsweise Somalia, dessen Bewohnerinnen und Bewohner sich teilweise schon in der zweiten Generation auf der Flucht befinden. Als Negativfolgen zeigen sich hier insbesondere Analphabetismus und geringe Allgemeinbildung. Spezielle Alphabetisierungsangebote für Frauen können hier nützlich sein.

Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung macht darüber hinaus deutlich: 37 Prozent der Frauen haben im Vergleich zu 32 Prozent der Männer keinen Schulabschluss, und 71 Prozent der Frauen haben im Vergleich zu 68 Prozent der Männer keinen Hochschul- und Berufsabschluss erworben. Allerdings zeichnen sich vor allem Flüchtlinge aus Iran und Syrien durch ein hohes Bildungsniveau aus, wie die „SoKo“-Daten des BAMF zeigen: 31 Prozent der Iraner und 46 Prozent der Iranerinnen haben eine Hochschule besucht, 45 Prozent bzw. 37 Prozent ein Gymnasium. Von den Syrern haben 28 bzw. 27 Prozent entweder eine Hochschule oder ein Gymnasium besucht, bei den Syrerinnen waren es 24 bzw. 25 Prozent. Deutlicher sind die Unterschiede beim Blick auf die Erwerbstätigkeit: Nur etwa ein Drittel der geflüchteten Frauen aller Herkunftsländer war zuletzt erwerbstätig im Gegensatz zu drei Vierteln der Männer. Unter den Antragstellern mit Hochschulbesuch war allerdings fast der gleiche Anteil an Frauen und Männern erwerbstätig. Auch hier zeigen sich Unterschiede nach den Herkunftsländern.

Zahlreiche Frauen z. B. aus Syrien und dem Iran besitzen einen Hochschulabschluss und möchten in ihrem Beruf arbeiten.
Zahlreiche Frauen z. B. aus Syrien und dem Iran besitzen einen Hochschulabschluss und möchten in ihrem Beruf arbeiten. Quelle: iStock

Mit langem Atem in einem mehrstufigen Prozess
Diese Herausforderungen zeigen, dass es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jobcentern nicht einfach ist, geflüchtete Frauen in all ihrer Unterschiedlichkeit zielgerichtet in Beschäftigung zu bringen. Oft wird die Begleitung schon weit vor Qualifikations- und Anerkennungsfragen beginnen müssen, nämlich wenn es darum geht, die familiäre Situation zu regeln, die Kinder zu versorgen, einen geeigneten Wohnsitz zu finden sowie mit belastenden bis traumatischen Erfahrungen umzugehen. Ein wesentlicher Schritt zur Bewältigung dieser Probleme – und auch zur Arbeitsmarktintegration – ist der Erwerb von Sprachkenntnissen. Vor diesem Hintergrund bereitet es Sorgen, dass die oben genannte IAB-BAMF-SOEP-Studie zum Ergebnis kommt, dass Frauen im Vergleich zu Männern sowie Personen mit Kindern seltener an Sprachkursen teilnehmen. Die Forscherinnen und Forscher kommen daher zum Ergebnis, dass bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten, aber auch eine gezielte Sprachförderung von Frauen erforderlich sind. Wenn diese Fragen geklärt sind, dann kann die Anerkennung von Bildungsabschlüssen und gegebenenfalls eine (Nach-) Qualifizierung in Angriff genommen werden.

Damit geflüchtete Frauen Sprachkurse besuchen können, sind Kinderbetreuungsmöglichkeiten erforderlich.
Damit geflüchtete Frauen Sprachkurse besuchen können, sind Kinderbetreuungsmöglichkeiten erforderlich. Quelle: iStock

In der Regel wird dies nicht in einem linearen, sondern in einem mehrstufigen Prozess umzusetzen sein. Beratung, Unterstützung und Bildung müssen unterschiedliche Geschwindigkeiten der einzelnen Integrationsschritte zulassen und der individuellen Lebenslage der geflüchteten Frauen Rechnung tragen. Dabei haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jobcenter auch die schwierige Aufgabe, die mitgebrachten Erfahrungen und Qualifikationen in Einklang mit den Anforderungen des deutschen Arbeitsmarktes zu bringen, ohne dabei zu demotivieren.

Hier liegt jedoch auch ein enormes Potenzial: Der mit Abstand größte Teil der arbeitsuchenden Geflüchteten, Männer wie Frauen, fällt in die Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen – junge Menschen also, die ihr Erwerbsleben noch vor sich haben und offen für Bildung sind. An Motivation jedenfalls mangelt es nicht: Laut IAB-Studie wollen nahezu alle befragten Frauen und Männer unabhängig von Transferleistungen werden und den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien selbst bestreiten.

Hier finden Sie den Leitartikel mit Quellenangaben als Download.

Etwa ein Drittel der geflüchteten Frauen aller Herkunftsländer war zuletzt erwerbstätig.
Etwa ein Drittel der geflüchteten Frauen aller Herkunftsländer war zuletzt erwerbstätig. Quelle: iStock