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Im Gespräch mit Prof. Dr. Peter Guggemos

26. März 2018

„Es lohnt sich, im Vorfeld in Gesundheit zu investieren.“

Prof. Dr. Peter Guggemos von der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit erläutert, wie Arbeitslosigkeit und Gesundheit zusammenhängen
Prof. Dr. Peter Guggemos von der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit erläutert, wie Arbeitslosigkeit und Gesundheit zusammenhängen Quelle: Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

Servicestelle SGB II: Sehr geehrter Herr Professor Guggemos, macht Arbeitslosigkeit krank oder Krankheit arbeitslos?

Peter Guggemos: Beides stimmt. Es ist nicht in jedem Fall eindeutig zu sagen, was Ursache ist und was Wirkung. Einige Langzeitarbeitslose waren schon vor dem Verlust ihres Jobs in einem fragilen gesundheitlichen Zustand. Eine Erkrankung, zum Beispiel eine Sucht, kann dann zu Arbeitslosigkeit beitragen. Genauso aber sehen wir deutlich negative gesundheitliche Auswirkungen von Langzeiterwerbslosigkeit. Menschen, die mehrere Jahre ohne Arbeit sind, entwickeln mitunter eine sogenannte „erlernte Hilflosigkeit“. Denn in der Regel geht Erwerbsarbeit mit festen Zeitstrukturen, sozialer Anerkennung und positiven Kompetenzerfahrungen einher. Arbeitslosigkeit führt zum Verlust dieser Mechanismen. Viele Langzeitarbeitslose verlieren das, was wir den Kohärenzsinn nennen. Es ist das Gefühl zu verstehen, wie die Welt funktioniert, wie man sie mitgestalten kann und dass das eigene Tun Wirkung zeigt und sinnvoll ist. Wenn das abhandenkommt, können depressive Verstimmungen infolge der erlebten Ohnmachtserfahrungen die Folge sein. Den betroffenen Menschen fehlt der Gegensatz von Arbeit und Freizeit, weil sie auch am Wochenende arbeitslos sind. Das ist eine starke psychische Stressbelastung.

Servicestelle SGB II: Langzeiterwerbslosigkeit stresst also und macht depressiv?

Peter Guggemos: Oftmals ja. Die Betroffenen bewerben sich nach zahlreichen erfolglosen Versuchen oft überhaupt nicht mehr, weil sie nicht mehr wissen, worauf und warum. Sie fühlen sich älter als sie sind. Sie haben die Hoffnung verloren, dass sich irgendetwas ändert, und sich in der Langzeitarbeitslosigkeit eingerichtet. Das kann so weit gehen, dass jede Veränderung und selbst ein neuer Job als Bedrohung empfunden werden. Insgesamt kann man sagen, dass etwa 30 Prozent der Langzeitarbeitslosen psychische Auffälligkeiten mitbringen.

Servicestelle SGB II: In einem gemeinsamen Modellprojekt der Bundesagentur für Arbeit und des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) wurden Arbeits- und Gesundheitsförderung verknüpft. Sie waren an der Evaluation beteiligt. Welches Ziel hat dieses Projekt verfolgt?

Peter Guggemos: Einige Jobcenter machen ihren Kundinnen und Kunden ja schon länger Gesundheitsangebote, etwa Kurse zur Raucherentwöhnung und gesunden Ernährung. Das geschieht jedoch nicht flächendeckend. Das Präventionsgesetz und das Fünfte Buch Sozialgesetzbuch geben den Krankenkassen den klaren Auftrag, Leistungen zur Prävention und Gesundheitsförderung zu erbringen – und zwar im Setting, also in den Lebenswelten vor Ort und somit auch für erwerbslose Menschen. Das Projekt zielte deshalb darauf ab, Jobcenter und Krankenkassen bei der Gesundheitsförderung systematisch und dauerhaft zusammenzubringen und dies an mehreren Standorten zu erproben. Aufgabe der Jobcenter war es dabei, die Klientinnen und Klienten in Sachen Gesundheit zu sensibilisieren und sie zu motivieren, an entsprechenden Angeboten teilzunehmen. Hierzu wurden die Jobvermittlerinnen und Jobvermittler in Gesundheitsfragen und Gesprächstechniken geschult, um mögliche Problemlagen bei den Kundinnen und Kunden erkennen und die Betroffenen richtig ansprechen zu können. Den Krankenkassen wiederum kam die Aufgabe zu, die Gesundheitsangebote zugeschnitten auf die Gruppe der Erwerbslosen kassenübergreifend zu finanzieren. Präventionsangebote sollten über Gesundheitsfragen informieren und Schnittstellen zu weiteren Angeboten von Sportvereinen bis hin zu psychologischer Beratung darstellen. Zusätzlich wurde die Ansprache der Erwerbssuchenden über Bildungsdienstleister und über Spezialdienste der Arbeitsverwaltung wie „Ärztlicher Dienst“ oder „Berufspsychologischer Service“ ausprobiert.

Servicestelle SGB II: Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert?

Peter Guggemos: Sehr gut. Deshalb wurde das Modellprojekt, bei dem zunächst nur sechs Standorte beteiligt waren, nun auf 5o Standorte ausgeweitet. Das Besondere an dieser Kooperation ist ja, dass mit Jobcenter und Krankenkasse zwei verschiedene Arbeitsweisen aufeinandertreffen. Sie verfolgen dasselbe Ziel, nämlich die Gesundheit der Kundinnen und Kunden zu erhalten bzw. wiederherzustellen, um sie in einen sozialversicherungspflichtigen Job zu vermitteln. Krankenkassen und Jobcenter arbeiten jedoch nach unterschiedlichen Philosophien in unterschiedlichen Strukturen: In den Jobcentern herrscht das Prinzip des Förderns und Forderns verbunden mit der Möglichkeit von Sanktionsmechanismen. Die Krankenkassen kennen Zwangsmaßnahmen nicht, hier gilt allein der freiwillige Ansatz, der nun für die Gesundheitsförderung der Erwerbssuchenden auch von den Jobcentern bzw. Agenturen übernommen wurde.

Servicestelle SGB II: Macht eine Kooperation von Jobcentern mit Krankenkassen dann überhaupt Sinn?

Peter Guggemos: Auf jeden Fall. Dass sich hier beide Seiten auf Arbeitsebene näherkommen und das Handeln des anderen verstehen, ist äußerst hilfreich, um sich dem gemeinsamen Ziel anzunähern. Darüber hinaus kann man gar nicht genug Prävention betreiben. Die Idee der Prävention ist ja, im Vorfeld zu investieren, um Folgekosten von Erkrankungen zu vermeiden. In unserem Gesundheitssystem fließen aber 95 Prozent der Ausgaben in kurative Maßnahmen, nur fünf Prozent in Prävention. Die Kooperation von Jobcentern und Krankenkassen ist deshalb ein wichtiger Schritt, damit aus diesen fünf Prozent mehr werden. Davon profitieren Jobcenter, Krankenkassen und Erwerbslose gleichermaßen. Für die Jobcenter ist Gesundheitsprävention damit ein Teil ihres Kerngeschäfts, denn ihre direkten positiven Auswirkungen steigern die Chancen auf Erwerbstätigkeit. Die Förderung der Gesundheit kann einen zentralen Baustein auf dem Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit bedeuten.

Servicestelle SGB II: Mit Blick auf die Evaluation: Welche Ansätze haben gut funktioniert?

Peter Guggemos: Grundsätzlich hat sich der Weg über eine gemeinsame Steuerungsgruppe bewährt, in der Mitarbeitende der Jobcenter und der Krankenkassen gleichermaßen vertreten sind. Eine solche Kooperation braucht es, um die Zusammenarbeit auf verbindliche Füße zu stellen und sie zu steuern. Unerlässlich ist zudem die Schulung der Integrationsfachkräfte in den Jobcentern. Das im Modellprojekt vermittelte Konzept der motivierenden Gesundheitsgespräche hat ihnen die Möglichkeit eröffnet, in den Beratungsgesprächen stärker auf gesundheitliche Aspekte zu achten und den Kundinnen und Kunden entsprechende Angebote zu machen. Dabei hat sich zum einen gezeigt, dass die Angebote von den Erwerbslosen besser angenommen wurden als erwartet. Zum anderen hat die Freiwilligkeit der Maßnahmen das Vertrauensverhältnis zwischen Jobvermittlerinnen bzw. Jobvermittlern und Erwerbslosen gestärkt. Darüber hinaus ist auch die Einbindung weiterer Partner vor Ort im Sinne eines Netzwerks empfehlenswert, zum Beispiel durch eine Kooperation mit einem Sportverein oder einem gemeinnützigen Träger.

Servicestelle SGB II: Stellen wir uns vor, die Geschäftsführung eines Jobcenters möchte mehr für die Gesundheitsförderung tun und ein entsprechendes Netzwerk schaffen. Worauf sollte sie achten?

Peter Guggemos: Zunächst einmal muss Gesundheit im Jobcenter selbst gelebt werden. Die Beschäftigten bringen hier eine hohe Sensibilität mit. Wenn diese das Gefühl haben, selbst ungesund zu arbeiten, sie gestresst und überlastet sind und es keine gesunde Führung im Haus gibt, werden sie zu Recht fragen, warum es Gesundheitsförderung für die Kundinnen und Kunden geben soll. Zweitens ist es hilfreich, regionale und lokale politische Akteure mit an Bord zu holen. Landtagsabgeordnete oder Mitglieder des Stadtrates können Türöffner sein, wenn es darum geht, Netzwerke aufzubauen und Strukturen zu schaffen. Drittens sollte man die lokalen und regionalen Akteure und ihre Arbeit kennen, um zu wissen, wen man im Netzwerk braucht. Viertens sollte man sich ein wenig von der Fixierung auf Kennzahlen und unmittelbare Vermittlungserfolge lösen und das Ganze stärker qualitativ und als lernendes System betrachten. Der Erfolg von Netzwerkarbeit ist schwer zu messen, nicht alles ist immer sofort quantifizierbar. Stattdessen geht es darum, die Entwicklungen konstant zu begleiten und immer wieder nachzusteuern.

Servicestelle SGB II: Zum Schluss: Welche Chancen bieten die Netzwerke ABC beim Thema Gesundheitsförderung?

Peter Guggemos: Lohnenswert wäre meines Erachtens, die Arbeitgeberseite stärker ins Visier zu nehmen und mit an Bord zu holen. Denn es nützt die beste Gesundheitsförderung durch Jobcenter und Krankenkassen nichts, wenn Unternehmen nicht bereit sind, auch Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen einzustellen. Viele Beispiele zeigen, dass auch Gehörlose, Ältere oder Personen mit psychischen Beeinträchtigungen gut in den Arbeitsmarkt integrierbar sind. Ältere Erwerbstätige sind vielleicht körperlich nicht so leistungsfähig wie junge, bringen aber mehr Lebenserfahrung und fachliches Know-how mit. Ein junger Koch mit leichten psychischen Problemen kann vielleicht in einer kleinen Küche wunderbar arbeiten, nur in der Großraumküche ist er dem Stress nicht gewachsen. Wenn Betriebe hier stärker die Unterschiede, die sogenannte Diversity, leben und sie als Strategie der Markenbildung auch nach außen kommunizieren, wäre viel gewonnen – auch für die Jobcenter, die bei der Vermittlung ihrer Kundinnen und Kunden zwangsläufig auf die Arbeitgeber angewiesen sind.