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Im Gespräch mit
Prof. Dr. Matthias Knuth

18. Juli 2016

„Der große Vorteil der Netzwerke ABC ist die Freiheit ihrer Ausgestaltung"

Prof. Dr. Matthias Knuth hält auf der Bühnen seinen Vortrag.
Prof. Dr. Matthias Knuth nahm eine Standortbestimmung von Langzeitarbeitslosigkeit vor und erläuterte die Chancen und Stärken der Netzwerke ABC.

Matthias Knuth ist Professor für sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung in der Forschungsabteilung „Arbeitsmarkt - Integration - Mobilität" im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen, die er bis Juni 2011 leitete. Knuth wirkte federführend an der Evaluation des Bundesprogramms „Perspektive 50plus – Beschäftigungspakte in den Regionen" mit. An der Auftaktveranstaltung der Netzwerke für Aktivierung, Beratung und Chancen in Kassel führte er als Referent in das Thema ein.

Servicestelle SGB II: Die Arbeitslosenzahlen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken – und trotzdem ist der Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit weiterhin ein zentrales gesellschaftspolitisches Thema. Woran liegt das?

Matthias Knuth: Leider ist die Langzeitarbeitslosigkeit nicht in gleichem Maße gesunken wie die Arbeitslosigkeit insgesamt. Hier gibt es Verfestigungstendenzen. Auch die Tatsache, dass die Betriebe zurzeit relativ wenig entlassen, spielt eine Rolle. Die absolute Zahl der langzeitarbeitslosen Menschen stagniert, doch ihr Anteil an der Gesamtzahl aller Arbeitslosen ist dadurch gestiegen.

Servicestelle SGB II: Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Herausforderungen im Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit?

Matthias Knuth: Ein entscheidendes Problem besteht darin, dass die Betriebe diesen Menschen häufig keine Chance geben. Die Schere zwischen den Anforderungen der Betriebe und den Qualifikations- und Leistungsprofilen dieser Gruppe hat sich durch die wachsende Spezialisierung in den letzten Jahren weiter geöffnet. Das hängt auch mit dem deutschen Produktionsmodell zusammen, das auf Facharbeit und sehr hohe Effizienz setzt. Hinzu kommt, dass sich die Betriebe häufig von Vorurteilen leiten lassen und diesen Menschen aufgrund ihrer langen Arbeitslosigkeit mangelnde Kompetenzen unterstellen.

Hierbei spielt natürlich auch die negative Besetzung des Begriffs der Langzeitarbeitslosen eine Rolle. Denn solange wir von „Langzeitarbeitslosen“ sprechen, ist es schwierig, Betriebe für diese Menschen zu gewinnen. Würde man hingegen die Potenziale der Personen in den Vordergrund stellen und den Betrieben klarmachen, „diese Leute können was“, würde das die Wahrnehmung verändern. Zudem müsste man unbürokratische Formen der Arbeitsvermittlung finden und die Betriebe bei der Eingliederung unterstützen.

Zukünftig könnten auch demografisch bedingte Engpässe am Arbeitsmarkt etwas Abhilfe schaffen. Es ist zu hoffen, dass die Betriebe dann kompromissbereiter werden und diesen Menschen offener und auch geduldiger begegnen.

Portraitfoto von Herrn Knuth

Servicestelle SGB II: Sie haben soeben die Betriebe angesprochen. Ebenso stehen auch die Jobcenter in der Verantwortung, diese Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Doch was können die Jobcenter im Rahmen ihrer Möglichkeiten tatsächlich bewirken?

Matthias Knuth: Einen wichtigen Punkt stellt die berufsqualifizierende Weiterbildung dar. Denn wir haben es mit sehr vielen Leuten ohne Berufsausbildung zu tun. Und wenn man sich mal überlegt, dass unter den Arbeitslosen 46% keine Ausbildung haben und unter den Erwerbstätigen nur 5%, dann wird uns bewusst, mit welcher Schere zwischen den betrieblichen Anforderungen und den Qualifikationen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wir es zu tun haben. Die Jobcenter müssen also eine große Anstrengung unternehmen, um mehr langzeitarbeitslose Personen zur beruflichen Qualifizierung zu bewegen. Das ist eine große Herausforderung, da sich dieser Personenkreis das oft nicht zutraut oder mit den verbreiteten Lernformen nicht zurechtkommt.

Doch auch die finanzielle Komponente spielt eine sehr wichtige Rolle. Wer eine berufsqualifizierende Weiterbildung macht, sollte einen finanziellen Anreiz erhalten. Um potenziellen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, muss man ihnen klarmachen, dass der sogenannte Vermittlungsvorrang nicht nur aus der Sicht der Jobcenter und Arbeitsagenturen gilt, sondern ebenso aus der Sicht der Betroffenen: Wenn sie die Option haben, aus Hartz IV herauszukommen und Geld zu verdienen, dann werden sie das tun und gewiss nicht stattdessen in der Maßnahme hocken bleiben. Ein finanzieller Anreiz könnte relativ einfach über eine Mehraufwandsentschädigung für tatsächlich geleistete Anwesenheitsstunden in der Weiterbildung geschaffen werden, so wie das beispielsweise bereits bei Arbeitsgelegenheiten gehandhabt wird.

Servicestelle SGB II: Und welche Chancen stecken in der Gesundheitsförderung?

Matthias Knuth: Am besten wäre natürlich eine Gesundheitsförderung, die direkt mit der Chance auf eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt verbunden ist. Denn grundsätzlich entwickeln Menschen eher eine Motivation, ihr Gesundheitsverhalten zu ändern, wenn sie ein Licht am Horizont sehen. Man könnte die Gesundheitsförderung möglicherweise in Kooperation mit dem Arbeitgeber gestalten, z. B. über eine schrittweise Eingliederung. Hier könnte das betriebliche Eingliederungsmanagement als Modell dienen. Eine andere denkbare Option bestünde darin, die Gesundheitsförderung mit der geförderten Beschäftigung zu verbinden. Das geschieht meines Erachtens nach bisher viel zu wenig. Denn über die simulierte Beschäftigung erhalten die Menschen ein Einkommen und einen gewissen Status. So trägt diese erwiesenermaßen zu einer sozialen und auch psychischen Stabilisierung der Menschen bei. Diesen Effekt könnte man in Verbindung mit Maßnahmen zur Gesundheitsförderung noch weiter ausbauen.

Servicestelle SGB II: Wenn Jobcenter Maßnahmen durchführen, die nicht direkt arbeitsmarktpolitisch sind, wie das bei gesundheitsfördernden Maßnahmen beispielsweise der Fall ist, wird ihnen von der Öffentlichkeit häufig vorgeworfen, sie würden die Arbeitslosen mit Yoga- oder Nordic Walking-Kursen „verwöhnen".

Matthias Knuth: Es stimmt, dass diese Art von Maßnahmen häufig in der Berichterstattung durch den Kakao gezogen wird. Dabei wird leider außer Acht gelassen, dass es gerade diese gesundheitsfördernden Maßnahmen sind, die häufig überhaupt erst eine Arbeitsmarktnähe beim Menschen schaffen können. Sowohl ein Sportprogramm als auch ein gemeinsames Kochen kann Großes bewirken. Dabei geht es nicht nur darum, die körperliche Fitness zu erhöhen oder Tipps zur besseren Ernährung zu erhalten, sondern auch darum, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und aus der Isolierung auszubrechen.

Die Jobcenter wiederum müssen lernen, mit dieser öffentlichen Kritik offensiv umzugehen und klar erklären, warum man diese Maßnahmen bezahlt. Grundsätzlich sollten die Jobcenter selbstbewusster sein und auch gegenüber den Medien offensiver über ihre Arbeit und Erfolge in der Arbeitsvermittlung sprechen. Auch hier gilt es, die Potenziale der langzeitarbeitslosen Menschen in den Vordergrund zu stellen. Denn nur so kann der Begriff der Langzeitarbeitslosen langfristig positiver besetzt werden.

Servicestelle SGB II: Sie denken also, dass die Jobcenter etwas mutiger agieren sollten?

Matthias Knuth: Ja, auf jeden Fall. Grundsätzlich sollten sie immer den Mut haben, auch neue Wege zu gehen, auf die Menschen zuzugehen und dafür auch mal den Schreibtisch zu verlassen. Natürlich ist das auch immer eine personelle Frage, sowohl in der Quantität als auch in der Art des Personals, das zur Verfügung steht. Für viele Jobcenterbeschäftigte, die eher aus der Verwaltungstradition kommen, bedeutet das einen großen Kulturwandel.

Servicestelle SGB II: Wir sprachen soeben von den Potenzialen, die in der Gesundheitsförderung stecken. Gerade bei diesem Thema spielen auch externe Partner eine große Rolle. Was ist für Sie das Besondere an den Netzwerken ABC und wo sehen Sie die Chance, dass mit diesem Ansatz Langzeitarbeitslose effektiver in Arbeit vermittelt werden können?

Matthias Knuth: Der große Vorteil der Netzwerke ABC ist die Freiheit ihrer Ausgestaltung und Schwerpunktsetzung. Darüber kann es den Jobcentern gelingen, individuelle Herangehensweisen und Lösungen zu entwickeln. Das Geheimnis liegt in individuelleren Strategien und einer intensiveren Betreuung. Natürlich verfügen die Netzwerke ABC auch über keine Zauberformel. Aber der Kontakt zu und die Zusammenarbeit mit Netzwerkpartnern spielt eine zentrale Rolle.

Netzwerke sind aber kein Selbstzweck. Es muss von Fall zu Fall geschaut werden, wer die potenziellen Partner sind und was sie dem Jobcenter nützen. Zudem muss man sich die Frage der Koordinierung stellen: Grundsätzlich hat zwar das Jobcenter den Hut im Umgang mit den Trägern auf, aber langfristig sollte man aus dieser Hierarchie zwischen dem Jobcenter als Auftraggeber und dem Partner als Auftragnehmer in einem Netzwerk ausbrechen und eine Beziehung auf Augenhöhe anstreben.

Servicestelle SGB II: Ein Blick nach vorn: Ermöglichen es Netzwerke dieser Art, die Menschen mit Fluchtgeschichte, die nun in den Jobcentern ankommen, effektiver in Arbeit zu vermitteln? 

Matthias Knuth: Dieses Thema zeigt tatsächlich, wie wichtig Netzwerke sind. Inwieweit einzelne Jobcenter hier einen Schwerpunkt setzen, wird allerdings sicher auch von den regionalen Zahlen der Geflüchteten abhängen. Die Jobcenter sind auf jeden Fall gut beraten, sich in diesem Feld mit Beratungs- und Selbsthilfeeinrichtungen zusammenzutun.

Servicestelle SGB II: Was möchten Sie den Jobcentern mit auf den Weg geben?

Matthias Knuth: Es wäre schön, wenn es den Jobcentern gelingt, aus den Netzwerken ABC heraus etwas zu entwickeln, das markenbildend ist. Das könnte dabei helfen, ihr Image sowohl nach innen als auch nach außen zu verbessern. Zudem sollten die Jobcenter öffentlich präsenter sein und mit positiven Erfolgsbotschaften offensiv an die Öffentlichkeit treten. Sie müssen einfach an ihrem Selbstbewusstsein arbeiten und auch den Mut finden, aus der Verwaltung auszubrechen. Auch der Austausch untereinander ist äußerst wertvoll. Und das bieten beispielsweise die Regionalkonferenzen der Netzwerke ABC an.