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3 Fragen an Gerd Simon

28. November 2017

Langzeitarbeitslosen Menschen, die hier ohne deutsche Staatsbürgerschaft leben, eine berufliche Perspektive geben – das ist das Ziel des ABC-Teams im Jobcenter Berlin Neukölln. Projektleiter Gerd Simon verrät uns, warum das Projekt so erfolgreich ist.

Portrtätfoto von Gerd Simon, Jobcenter Neukölln

Servicestelle SGB II: Herr Simon, welche konkreten Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Projekt und wie profitiert das Jobcenter von Ihrer Arbeit als Netzwerke ABC?

Gerd Simon: Im Jahr 2015 haben wir festgestellt, dass wir im Jobcenter Neukölln mehr als 2.400 Kundinnen und Kunden ohne deutsche Staatsbürgerschaft in der Betreuung hatten, die schon seit langem arbeitslos sind und auch mit vielen Integrationshemmnissen zu kämpfen haben. Teilweise handelt es sich um Menschen, die hier schon lange leben, bis zu zehn Jahre arbeitslos sind und jeden Mut aufgegeben haben, überhaupt noch einen Job zu finden. Dieser Kundengruppe – übrigens völlig losgelöst von der aktuellen Flüchtlingssituation – wollten wir uns im Rahmen der Netzwerke ABC intensiv zuwenden.
Wir haben ein Team aus 17 Integrationsfachkräften gebildet, die ständig circa 1.200 Kundinnen und Kunden betreuen. Der Betreuungsschlüssel liegt bei 1:75, um eine enge Vertrauensbeziehung zu sichern. Wir wollten auch die Möglichkeit schaffen, die Menschen durch den ganzen Prozess der Vermittlung aktiv zu begleiten bis hin zum Arbeitgeber.
Ursprünglich wollten wir binnen drei Jahren 300 Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren. Jetzt haben wir Halbzeit und wir liegen bereits bei 560 Personen. Das macht uns schon etwas stolz.

Servicestelle SGB II: Was ist das Erfolgsgeheimnis Ihres Ansatzes? Kann man das nach der Halbzeit schon sagen?

Gerd Simon: Mit Sicherheit der sehr gute Betreuungsschlüssel und die guten Rahmenbedingungen für eine passgenaue und zielgerichtete Beratung. So können wir uns bei der Beratung viel Zeit nehmen, um mit den Kundinnen und Kunden gemeinsam das Ziel und den Weg dorthin zu erarbeiten.
Zudem sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr motiviert. Alle machen freiwillig mit und haben das selbst entschieden. Der Leitsatz für unser Projekt lautet: „Gemeinsam sind wir für Menschen da, die unsere Hilfe und Unterstützung benötigen, egal woher sie kommen.“ Das schafft ein Wir-Gefühl und ist auch so etwas wie eine Verpflichtung. Die Team-Mitglieder wissen alle, wie moderne Beratung aussieht. Zudem wirken die Arbeitsvermittler intensiv in Richtung Arbeitgeber, um sie zu überzeugen, dass nicht immer eine hochqualifizierte Fachkraft notwendig ist, um eine einfache Tätigkeit auszuführen. Das geht nur im kontinuierlichen Dialog.
Allen bei uns ist klar, dass der demografische Wandel für eine gute Dynamik am Arbeitsmarkt sorgt. Aber im Haus haben wir den Beweis erbracht, dass bei guten Rahmenbedingungen auch ehrgeizige Ziele erreicht werden können. Das Beispiel der Netzwerke ABC macht bereits Schule und wir prüfen, ob wir auch in anderen Bereichen die Strukturen verändern können.

Servicestelle SGB II: Unsere letzte Frage ist persönlicher Natur und betrifft die Frage der Motivation für Ihre fordernde Tätigkeit. Was gibt Ihnen hierfür die nötige Kraft und Zuversicht, gerade wenn es mal schwer ist?

Gerd Simon: Die beste Erfahrung ist, Menschen und Mitstreiter gefunden zu haben, die unserem soeben beschriebenen Leitsatz folgen – engagierte Menschen, die anderen Menschen helfen, in diesem Land anzukommen. Persönlich sind es aber auch die Erfolgsgeschichten, die mich bewegen. Wenn eine Kundin oder ein Kunde nach acht Jahren Arbeitslosigkeit wieder einen Vollzeitjob erhält oder eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern die Chance auf eine Berufsausbildung. Oder wenn Ältere, die schon jeden Mut verloren haben, wieder einen Job finden. Das sind unheimlich wertvolle Erfahrungen, die berühren. Letztlich ist es der direkte Kontakt mit den Menschen und das tolle Feedback, das wir hier als Beraterinnen und Berater und als ganzes Team erhalten. Wenn die Menschen vorbeikommen und sich dafür bedanken, dass sie hier in diesem Land noch nie so angesprochen wurden, dass sie diese Unterstützung erhalten haben, das gibt Kraft.