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3 Fragen an Christoph Kretschmer

11. Oktober 2017

Bereits seit 2006 wird im heutigen Jobcenter Mayen-Koblenz Netzwerkarbeit betrieben. Christoph Kretschmer hat die Aufbauarbeit von Anfang an verantwortlich mitbegleitet. Im Interview lässt er uns an seinem Erfahrungsschatz teilhaben und gibt handfeste Empfehlungen für professionelles ABC-Netzwerken.

Porträtfoto von Christoph Kretschmer

Servicestelle SGB II: Herr Kretschmer, wie ist die Netzwerkarbeit im Jobcenter Mayen-Koblenz entstanden? Sie blicken ja heute auf mehr als zehn Jahre als Netzwerker zurück.

Christoph Kretschmer: 2005 kam ich frisch als kommunaler Mitarbeiter in die damalige „ARGE“ und war dort für die Koordinierung aller U25-Projekte zuständig. Dort haben wir sehr schnell festgestellt, dass der SGB II-Instrumentenkasten einfach nicht gepasst hat. Wir brauchten Netzwerkpartner für die Bewältigung der Aufgaben und haben sie uns gesucht. Ein Jahr später startete das Projekt MYKnetz mit 1,5 Stellen, aus dem unsere heutige Netzwerkstruktur hervorgegangen ist. Seit 2012 ist das Jobcenter Landkreis Mayen-Koblenz ein zkT, die Netzwerkarbeit ging jedoch viel früher los. Es wird ja immer gerne angeführt, dass wir das mit der Netzwerkarbeit so intensiv machen könnten, da wir als zkT diese Freiheiten hätten. Dem widerspreche ich aus unserer eigenen Historie heraus deutlich: Netzwerkarbeit kann jedes Jobcenter machen! Heute sind die Netzwerke ABC im Organigramm ein eigenständiger Bereich neben den Bereichen „Leistung“ sowie „Markt und Integration“. Dieser dritte Bereich heißt bei uns im Haus „Projekte“ und umfasst 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir sind AZAV-zertifiziert, das Jobcenter als Ganzes ist noch einmal ISO-zertifiziert. Das sichert gute Abläufe und klare Strukturen.

Servicestelle SGB II: Worauf kommt es bei einem erfolgreichen Netzwerk an?

Christoph Kretschmer: Es muss allen deutlich sein, auch der Geschäftsleitung: Die Entwicklung guter Netzwerke braucht Zeit und einen langen Atem. Netzwerke müssen sich organisch entwickeln. Dafür braucht man genügend Zeitressourcen. Häufig wird eine Person auf die Stelle eines Netzwerkverantwortlichen gesetzt und soll loslegen. Ohne Strategie und Plan geht das meistens schief. Wir haben uns beispielsweise Unterstützung von Professor Claus Reis geholt, um das Netzwerken als systematischen Prozess zu verstehen. Herr Reis arbeitet an der Frankfurt University of Applied Sciences und ist ein erfahrener Organisationssoziologe und Netzwerkexperte. Als Folge des Beratungsprozesses gibt es bei uns ein mehrstufiges Verfahren von der Bedarfsermittlung bis zum konkreten Projektantrag. Jedem neuen Produkt ist ein klar definiertes Produktnetzwerk zugeordnet. Es gibt also viele Stufen, die gegangen werden.

Für diese ganzen Stufen braucht man echte Netzwerker – Menschen, die das wollen und können. „Können“ heißt, mit fünf Ansprechpartnern in einem Raum zu sitzen und schnell zu erfassen, wie die Interessen sind und zu wissen, wie man mit den Leuten sprechen muss. Man muss ein starker Motor sein, um den Prozess am Laufen zu halten. Wir coachen unsere Mitarbeiter intensiv und unterstützen sie, wo immer sie es möchten, auch mit Fortbildungen etwa zu Sprachtechniken. Man braucht darüber hinaus Transparenz. Niemand der Beteiligten darf das Gefühl haben, übervorteilt zu werden.
Vielleicht noch ein Hinweis aus meiner eigenen Erfahrung: Hier im Landkreis sitzen unsere Netzwerkpartner zum Teil 60 Kilometer auseinander. Das bedeutet erhöhten Aufwand, auch für sie. Netzwerke auf dem Land müssen also noch besser geplant werden.

Servicestelle SGB II: Aber muss die Geschäftsleitung nicht immer auch die Kostenseite im Blick haben? „Netzwerkarbeit kostet Geld und bringt wenig“, heißt es häufig salopp.

Christoph Kretschmer: Das ist falsch. Es gibt nämlich auch eine Einnahmenseite. Um das mal an einem Beispiel zu verdeutlichen: Über unsere Netzwerkarbeit haben wir vom Jahr 2012 bis heute über sieben Millionen Euro an zusätzlichen Fördergeldern ins Jobcenter geholt. Wir haben uns von der Universität Koblenz, Institut für Management, evaluieren lassen. Dabei wurde festgestellt, dass durch die stabilisierenden Wirkungen unserer Netzwerk-Projekte auf die Leistungsbezieher die volkswirtschaftlichen Kosten auf eine Summe zwischen 500.000 und 1 Million Euro gesenkt werden – pro Fall! Und wir helfen als Netzwerkabteilung, frühzeitig Bedarfe und mögliche Probleme zu identifizieren. Als etwa die Geflüchteten ankamen, wussten wir über unsere Netzwerke frühzeitig, welche Herausforderungen auf uns zukommen werden. Wir konnten daher schon früh unsere Abläufe und Antragsverfahren optimieren und hatten sofort Flüchtlingslotsen an Bord, die die Gespräche mit den Geflüchteten effizient geführt haben. Also Netzwerke rechnen sich auf jeden Fall, wenn sie gut gemacht sind. Sie sind ein gutes Frühwarnsystem und jeder Netzwerkpartner bringt wieder weitere Netzwerkpartner mit ins Boot. Das wird häufig vergessen. Mit der Zeit entsteht ein dichtes und tragfähiges Geflecht, das die Leistungsfähigkeit des Jobcenters insgesamt erhöht.