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Perspektiven schaffen

26. März 2018

Jobcenter sind als Dienstleister ihren Kundinnen und Kunden verpflichtet und als Arbeitgeber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Aber wie schaffen sie es, in beiden Bereichen attraktiv zu sein und sich in der Region zu verankern? Die Servicestelle SGB II fand im Jobcenter Landeshauptstadt München gleich mehrere gute Antworten auf diese Frage.

Die Leitlinien des Jobcenters Landeshauptstadt München sind für Mitarbeitende und Besucher visualisiert worden.
Die Leitlinien des Jobcenters Landeshauptstadt München sind für Mitarbeitende und Besucher visualisiert worden Quelle: Susanne Hesping

Am Münchner Ostbahnhof, wo sich ein modernes Bürogebäude an das nächste reiht, erstreckt sich die Zentrale des Jobcenters München über fünf Etagen. Fast 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hier beschäftigt. „Ich arbeite im Jobcenter.“ war allerdings in der Vergangenheit ein Satz, der einigen von ihnen nicht leicht über die Lippen ging. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bei der Stadt München oder der Agentur für Arbeit angestellt – die Identifikation mit dem Jobcenter als eigenständige Organisation fällt schwer. Die Geschäftsführung musste auf eine hohe Mitarbeiterfluktuation reagieren. So begann man 2013 – nachdem eine große Organisationsreform abgeschlossen war – an der Kultur der Zusammenarbeit zu arbeiten. Zwei Jahre später hat die Geschäftsführung das Projekt „Jobcenter München – Weiterentwicklung der Organisation“ ins Leben gerufen, das bis heute konsequent verfolgt wird. Ziel ist es, als Akteur besser zu werden, das heißt, als Arbeitgeber für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, als Lotse in der Region, und als moderner Dienstleister für die Kundinnen und Kunden.

nette Farrenkopf im Gespräch. Sie leitet das Jobcenter Landeshauptstadt München seit 2015
Anette Farrenkopf im Gespräch. Sie leitet das Jobcenter Landeshauptstadt München seit 2015 Quelle: Susanne Hesping

Als Anette Farrenkopf 2015 die Geschäftsführung übernahm und das Projekt „Weiterentwicklung der Organisation“ anstieß, hatte die Belegschaft bereits gemeinsam fünf Grundsätze zu Führung und Zusammenarbeit erarbeitet:

• Orientierung geben.
• Unterstützung leisten.
• Gestaltungsspielräume schaffen.
• Wertschätzung leben.
• Verantwortung übernehmen.

Ausschnitt aus den Leitlinien des Jobcenters Landeshauptstadt München
Ausschnitt aus den Leitlinien des Jobcenters Landeshauptstadt München Quelle: Susanne Hesping

Auf Basis dieser Grundsätze startete im August 2016 der Prozess zur Entwicklung von Leitlinien für das Jobcenter München, an dem mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligt waren. Gemeinsam mit der Geschäftsführung formulierten sie Leitsätze zu den Werten und Zielen des Jobcenters, entwarfen einen neuen Slogan und ein Leitmotiv - eine spielerisch geschwungene Stadtsilhouette der Stadt München. „Der Erfolg der direkten Beteiligung der Mitarbeitenden ist spürbar, denn es hat uns alle näher zusammengebracht. Ich bin immer noch beeindruckt, wie schnell wir zu Ergebnissen gekommen sind. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters München sind sehr kreativ und bringen unterschiedliche Erfahrungsschätze mit“, berichtet Anette Farrenkopf. Da es nicht genügend Nachwuchs aus dem Verwaltungssektor gab, finden sich heute viele Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger im Jobcenter München. „Und auch viele verschiedene Kulturen“, ergänzt Anette Farrenkopf, „hier werden 38 Sprachen gesprochen.“

Frau Farrenkopf erläutert die fünf Grundsätze des Jobcenters
Frau Farrenkopf erläutert die fünf Grundsätze des Jobcenters Quelle: Susanne Hesping

„Jobcenter München – Wir schaffen Perspektiven“ - so lautet der Slogan, der ein halbes Jahr später auf der Jahresauftaktveranstaltung präsentiert wurde. Aus den 20 Leitsätzen lässt sich entnehmen, was das konkret bedeutet: Perspektiven schaffen für die Kundinnen und Kunden, durch Existenzsicherung, die Begleitung in Ausbildung und Arbeit und den Weg zurück in oder hin zu einem eigenständigen Leben. Aber auch Perspektiven schaffen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters, in Form eines sinnstiftenden Arbeitsplatzes, Möglichkeiten der Partizipation und Entwicklungschancen. „Das ist die Richtschnur, an der wir uns jetzt messen lassen“, fasst Anette Farrenkopf zusammen.

Die Arbeit des Jobcenters München wird umgesetzt in zwölf Sozialbürgerhäusern und den Zentraleinheiten für Wohnungslose und Flüchtlinge. Hier erhalten die Bürgerinnen und Bürger alle sozialen Dienstleistungen des Jobcenters und des Sozialreferats der Landeshauptstadt München in der Nähe ihres Wohnortes unter einem Dach. Getrennte Dienstleistungen werden hier an einem Ort zusammengebracht, um Probleme gemeinsam zu lösen.

Die Zentrale des Jobcenters erstreckt sich über fünf Etagen
Die Zentrale des Jobcenters erstreckt sich über fünf Etagen Quelle: Susanne Hesping

Gemeinsam für die Sozialregion

Das Jobcenter München ist in die zwölf Münchner Sozialbürgerhäuser integriert. Das Sozialreferat der Stadt München hat das Sozialbürgerhaus-Konzept im Jahr 1994 ins Leben gerufen. Angestrebt wurde eine interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Ämter, die aufgaben- und produktorientiert, kleinräumig regionalisiert und möglichst ganzheitlich aufgebaut ist. 2005, mit dem vierten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, gliederten sich die Dienstleistungen des Jobcenters in die bestehenden Sozialbürgerhäuser ein. Das Jobcenter bildet das Sozialbürgerhaus-Arbeit, während das Sozialbürgerhaus-Soziales vertreten ist mit Leistungen wie Sozialhilfe, Bezirkssozialarbeit, Wirtschaftliche Jugendhilfe, Wohngeld und einer Fachstelle zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit des Sozialreferats. Das Jobcenter erbringt somit seine Leistungen direkt im Sozialraum, der sich an den Grenzen der Stadtbezirke orientiert und jedem Sozialbürgerhaus zugeordnet ist.

„Die Mitarbeitenden der Sozialbürgerhäuser werden entsprechend geschult. Es gibt ein Einarbeitungsmodell bei dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters über die Leistungen des Sozialreferats aufgeklärt werden und andersrum“, erklärt Sabine Nowack, Leiterin des Sozialbürgerhauses Pasing. Im Sozialbürgerhaus wird nach Straßensystem gearbeitet. Das bedeutet, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Zuständigkeit für bestimmte Straßen übertragen wird. So bilden sich feste Teams aus den Bereichen Arbeit und Soziales, die sich gemeinsam den Belangen der Kundinnen und Kunden „ihrer“ Straßen annehmen. Denn Sabine Nowack weiß aus der Praxis: „Am besten lernt es sich während des Arbeitens von den Kolleginnen und Kollegen. Da wir alle unter einem Dach zusammensitzen, ist der Austausch besonders effizient.“

Sabine Nowack, Leiterin des Sozialbürgerhauses Pasing, erklärt den Aufbau des Hauses
Sabine Nowack, Leiterin des Sozialbürgerhauses Pasing, erklärt den Aufbau des Hauses Quelle: Susanne Hesping

Die Schwierigkeiten der rechtskreisübergreifenden Zusammenarbeit sind bekannt, zum Beispiel unterschiedliche EDV-Systeme, Datenschutz und Einverständniserklärungen. „Das Sozialbürgerhaus-Konzept muss ständig beweisen, dass es flexibel ist. Die beiden Bereiche sind nicht statisch, sondern begegnen ständigen Veränderungen. Im Prinzip erfinden wir uns jedes Jahr neu“, fasst Sabine Nowack es zusammen.

Ein Netzwerk für soziale Arbeit in München

Ein Neuerfinden, das sich lohnt, denn die Vorteile liegen auf der Hand: Die Sozialbürgerhäuser bieten die nötige Präsenz im Sozialraum, um diesen aktiv mitzugestalten. Die Stadt München organisiert dazu, unter dem Titel „REGSAM – Voneinander Wissen. Miteinander handeln!“ thematisch gruppierte Arbeitskreise für regionalisierte Sozialarbeit. Im REGSAM-Netzwerk kooperieren Einrichtungen aus den Bereichen Soziales, Bildung und Gesundheit und Beteiligte aus der Zivilgesellschaft. Durch den fachlichen Austausch entsteht regionales Wissen. Netzwerkmitglieder kennen sich und können so Hilfen effektiver vermitteln. Das Jobcenter ist Teil des Netzwerks und damit Teil des Miteinanders in der Nachbarschaft und kann sich direkt engagieren.

Dabei, wie das Engagement des Jobcenters am besten aussehen kann, vertraut das Jobcenter München auf die Kreativität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mit dem Prozess „Kontinuierliche Verbesserung“ wird seit 2016 eine hierarchieunabhängige Umsetzung von Ideen und Vorschlägen angeboten. „Wir kennen alle unsere Arbeitsplätze selbst am besten und wissen, wo die Zeitfresser liegen oder wie man die Arbeit effizienter gestalten kann. Dabei können wir in allen Bereichen von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern lernen“, erklärt Anette Farrenkopf.

Tobias Fuchgruber ist einer dieser kreativen Mitarbeiter mit einer guten Idee - einer Idee, die auf Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung basierte, wonach Arbeitslose vorrangig dann eine Chance haben, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, wenn der Vermittlung eine persönliche Empfehlung zugrunde liegt. Der Teamleiter Markt und Integration des Sozialbürgerhauses Sendling-Westpark erarbeitete mit seinem Team ein Konzept für einen besseren Aktivierungsansatz, welches zum Projekt „Intensivvermittlung“ wurde. „Der Arbeitsmarkt in München ist gut und er bietet motivierten Arbeitsuchenden grundsätzlich gute Chancen auf eine berufliche Integration.“ Damit die erfolgreiche Vermittlung auch tatsächlich gelingen kann, benötigt allerdings auch diese Kundengruppe für einen kurzen Zeitraum gezielte Unterstützungsangebote. „Hier kommt die Intensivvermittlung als persönliche Brücke zwischen Arbeitsuchenden und Arbeitgebern ins Spiel“, erklärt Tobias Fuchsgruber.

Tobias Fuchsgruber, Teamleiter Markt und Integration des Sozialbürgerhauses Sendling-Westpark, im Gespräch
Tobias Fuchsgruber, Teamleiter Markt und Integration des Sozialbürgerhauses Sendling-Westpark, im Gespräch Quelle: Susanne Hesping

„Intensivvermittlung“ = Persönliche Empfehlung beim Arbeitgeber

Die Intensivvermittlerinnen und Intensivvermittler des Jobcenters München betreuen jeweils rund 100 arbeitsuchende Frauen und Männer, und diese Menschen stehen an unterschiedlichen Punkten. Etwa die Hälfte ist sehr motiviert, wieder eine Arbeit zu finden, aber trotz guter Voraussetzungen gelingt es ihnen nicht, potenzielle Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern von ihren Fähigkeiten zu überzeugen. Die andere Hälfte ist noch etwas weiter vom Arbeitsmarkt entfernt. Es sind Männer und Frauen, die nach langer Arbeitslosigkeit ein Stück weit auch den Glauben an sich selbst verloren haben und durch die Intensivvermittlerinnen und Intensivvermittler erst wieder langsam „aktiviert“ werden müssen, die notwendigen Schritte in Richtung Arbeitsmarkt zu gehen.

Nicht selten greifen die Intensivvermittlerinnen und -vermittler während ihrer Beratungsgespräche zum Telefonat, kontaktieren Arbeitgeber und treten als Fürsprecherinnen und Fürsprecher ihrer Kundinnen und Kunden auf. Auch zu Bewerbungsgesprächen begleiten sie die Arbeitsuchenden. Das Jobcenter pflegt die Zusammenarbeit mit regionalen Arbeitgebern. Mittlerweile haben mehrere Sozialbürgerhäuser einen Intensivvermittler, der für potenzielle Arbeitgeber der Region fester Ansprechpartner ist. Persönliche Kontakte mit Geschäftsinhabern insbesondere durch Vor-Ort-Besuche tragen dazu bei, das Vertrauen auf beiden Seiten gezielt aufzubauen und zu stärken. Im Ergebnis sind die Empfehlungen der Intensivvermittler durch das direkte Kennenlernen der Arbeitgeber und der Arbeitsplätze zielgerichteter und basieren auf erarbeitetem Vertrauen der vermittelten Kundinnen und Kunden sowie der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber.

„Der Erfolg des Projekts hängt entscheidend von der positiven Grundhaltung und den ausgeprägten Fähigkeiten der Vermittlerinnen und Vermittlern ab: gut netzwerken zu können, ehrlich und vertrauensvoll mit beiden Seiten – Bewerbern und Arbeitgebern – zu kommunizieren und letztendlich den Mut zu haben, mit ihrem Namen hinter ihren Bewerberinnen und Bewerbern zu stehen, gehören dazu“, so Tobias Fuchsgruber. Er lächelt: „Man muss ein positives Menschenbild haben für diesen Beruf. Ich sehe meine Aufgabe ähnlich der eines Yoga-Lehrers. Ich möchte meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Neues begeistern und sie gemäß ihren Neigungen und Stärken fördern. Ziel ist ein gesunder Stretching-Bereich, in dem man sich weiterentwickelt und motiviert bleibt. Nichts anderes erwarten wir letztendlich von unseren Kundinnen und Kunden.“

„Mitarbeiterzufriedenheit und Kundenzufriedenheit gehen Hand in Hand“

Eine positive und wertschätzende Haltung, auch das ist ein Thema, das sich durch das ganze Jobcenter zieht. „Wir setzen Potenziale frei und ermöglichen einzigartiges Wachstum
– für Menschen und Unternehmen.“ lautet das Motto des CorporateHappinessProgramms im Jobcenter München. Das Corporate Happiness basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Positiven Psychologie und der Neurobiologie, welche auf die Arbeitswelt übertragen wurden.

Anette Farrenkopf weiß: „Im Jobcenter zu arbeiten, kann belastend sein. Dem möchten wir mit einer positiven Unternehmenskultur entgegentreten, begonnen bei einer positiven Führungskultur. Ich bin überzeugt: Mitarbeiterzufriedenheit und Kundenzufriedenheit gehen Hand in Hand.“ Begonnen haben sieben Führungskräfte inklusive der Geschäftsführerin und ihres zweiten Stellvertreters: Sie ließen sich nach dem CorporateHappinessPrinzip schulen. In einem nächsten Schritt werden diese Kolleginnnen und Kollegen selbst zu Corporate-Happiness-Trainern ausgebildet, um zukünftig intern Schulungen anbieten zu können.

Kontinuierliche Verbesserung in der Praxis
Kontinuierliche Verbesserung in der Praxis Quelle: Susanne Hesping

„Es gibt noch viel zu tun, bis die Entwicklungen und Neuerungen der letzten beiden Jahre gefestigt sind“, resümiert sie. Als Anette Farrenkopf die Geschäftsführung des Jobcenters übernahm, bestand im Leistungsbereich eine Mitarbeiterfluktuation von 25 Prozent. Heute, drei Jahre später, sind es 12,4 Prozent. „Dazu gehört auch positive Fluktuation“, erklärt sie, „denn wir freuen uns sehr, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch außerhalb des Jobcenters Karriere machen können.“ Für sie selbst wäre das derzeit allerdings keine Option: „Das mag jetzt pathetisch klingen, aber: Mein Herz schlägt für das Jobcenter München.“